Medizin, auch ein Studiengang für Sehbehinderte?

Wie kommt man als sehbehinderter Mensch auf die Idee, Medizin studieren zu wollen? Diese Frage wurde mir in den letzten Jahren oft gestellt – von meinen besorgten Eltern, stirnrunzelnden Lehrern oder irritierten Ärzten. Die Frage hat immer einen negativen Unterton und beinhaltet meist die unterschwellige Aussage: „Du spinnst doch.“ Ich muss zugeben, dass ich mir dieselbe Frage mit demselben Unterton auch oft selbst gestellt habe.

Schon als kleines Kind hat mich der Arztberuf fasziniert. Als ich ungefähr zwölf Jahre alt war, fing ich an, meinen Kindheitstraum etwas realitätsbezogener zu betrachten. Ich verglich die Anforderungen, die der Beruf an mich stellen würde, mit meinen Möglichkeiten – und kam zu dem Schluss, dass mein Traum ziemlich verrückt ist.

In der sechsten Klasse scheiterte ich beim Sezieren eines Schweineherzens und dem Vorbereiten von Präparaten für das Mikroskopieren zum ersten Mal an der Handhabung eines Skalpells. Meine Mitschüler lachten mich aus. Ich war wütend auf mich selbst und redete mir ein, ich sei zu dumm. Auch wenn ich eigentlich wusste, dass es nicht an meiner Intelligenz, sondern an meiner Sehbehinderung lag, hat mich das an meinem Vorhaben, Medizin zu studieren, zweifeln lassen. Meine Familie war ohnehin der Ansicht, das sei nur eine Phase und ich würde später sicher einen anderen Beruf ergreifen. Ich begann zu hoffen, dass sie Recht haben, weil mir ein Medizinstudium unmöglich erschien.

Meine Mutter drängte darauf, einen Plan B zu entwickeln. Wie die meisten in meiner Familie war sie überzeugt, dass meine Idee absurd und realitätsfern sei. Hätte sich in dieser Zeit nicht ein Gespräch mit meinem Onkel ergeben, wäre ich vielleicht von meinem Traum abgekommen. Da er Arzt ist, habe ich ihn gefragt, was er zu meinem Wunsch meint. Ohne zu zögern, antwortete er: „Luisa, wenn du das willst und daran glaubst, dann geht das auch.“ Dieser Satz hat mir Mut gemacht. Endlich gab es einen Menschen, der mich nicht für verrückt hielt, sondern ernst nahm.

In der Oberstufe wurde mir bei Hospitationen in Arztpraxen und Praktika in Krankenhäusern immer klarer, dass ich mir mit meinem Berufswunsch sicher bin. Trotzdem flog mein Bio-Heft vor lauter Frust über das gescheiterte Pipettieren, den kläglichen Versuch, ein Auge zu sezieren, oder wegen meiner wenig kunstvollen Zeichnungen mikroskopierter Beobachtungen hin und wieder quer durchs Zimmer. Immer wieder musste ich mich rechtfertigen, auch vor Ärzten und Krankenpflegern während meiner Praktika. Gleichzeitig konnte ich viel experimentieren und mich ausprobieren und erkannte, dass es für weitaus mehr Dinge eine Lösung gibt, als ich gedacht hatte.

Mittlerweile studiere ich seit drei Monaten Medizin in Halle (Saale). In den zahlreichen Gesprächen, die ich im Vorfeld mit der Universität geführt hatte, bin ich durchweg auf positive Resonanz gestoßen. Ich habe schnell Freunde gefunden, mit denen ich mich auf dem Campus verlaufen habe, die durch Vorlesen die anfänglichen Technik-Pannen mit meiner Tafelkamera abgefangen haben, mit denen ich lerne, hin und wieder verzweifle, aber vor allem lache.

Im Moment muss ich als erste behinderte Studentin meiner Fakultät Pionierarbeit leisten. Ich muss an alle möglichen Probleme denken, im Kopf mit der Problemlösung immer zwei Schritte weiter sein als das Studiendekanat und meine Dozenten, die zwar bemüht, aber völlig unerfahren sind. Viele Dinge muss ich selbst in die Hand nehmen und des Öfteren das Rad neu erfinden. Was gar nicht so einfach ist, wenn man noch nicht viel Ahnung vom Studieren an sich hat. Dennoch begegnen mir viele Menschen, die mich für meine Überzeugung und meine Art, mit der Situation umzugehen, bewundern, mir herzlich und verständnisvoll gegenüberstehen und mich unterstützen, für alle Probleme eine gute Lösung zu finden.

Ich möchte als Ärztin später gerne in direktem Kontakt mit Patienten arbeiten, am liebsten als Kinderärztin. In Richtung Psychiatrie zu gehen, kann ich mir ebenfalls vorstellen. Was letztendlich mit meiner Sehbehinderung möglich sein wird, wird die Zeit zeigen.

Meine Familie hat sich inzwischen auf den stillschweigenden Konsens geeinigt, dass sie mich von meinem Vorhaben nicht abbringen kann. Einigen fällt das schwer, andere sind insgeheim oder ganz offenkundig stolz auf mich und meine Entscheidung. Ich habe für mich erkannt: Ja, verrückt ist mein Wunsch, Ärztin zu werden. Unmöglich umzusetzen – das ist er aber nicht.

Luisa am 18.1.17 19:19

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Tim B. / Website (18.1.17 20:40)
Liebe Luisa,

Da hast du aber was rausgehauen - ganz großen Respekt von mir als permanenten Pionier an meiner Schule. Ich kenne diese "du bist doch verrückt"-Untertöne bei manchen meiner Ideen nur zu gut... (Englisch-LK, Duo...) Darf man nicht zu sehr an sich ran lassen! Viel Erfolg dir, so oder so.

LG, Tim

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