Die Brailleschrift, altmodisch oder doch modern?

Ich war neun Jahre alt, als ich die Brailleschrift erlernte. Damals wechselte ich im dritten Schuljahr von einer Schule für sehbehinderte Kinder auf eine Blindenschule mit Internat. Das war für mich eine große Umstellung. Einerseits war der Alltag komplett anders strukturiert, als ich es von zuhause aus kannte, gleichzeitig erlernte ich die Brailleschrift, eine für mich ungewohnte Art zu schreiben und zu lesen. Ich hatte vorher mit Lupen, Fernsehlesegeräten und Unterlagen in Großdruck gearbeitet. Aber nie so effektiv, dass ich ein Buch in normaler Geschwindigkeit hätte lesen können. Damals vermisste ich es auch nicht. Als Kind dachte ich, es sei eben so, fertig!

 

Das erste Schreibgerät für Brailleschrift, das ich am ersten Tag in der Blindenschule kennenlernte, war eine Punktschriftmaschine. Diese wurde mittels Tasten bedient. Jede Taste war einem bestimmten Punkt zugeordnet. Und je nach Tastenkombination konnte man auf diese Weise Buchstaben, Zahlen oder Satzzeichen erzeugen. Ich lernte, dass man dazu Papier verwendete, welches etwas dicker war, als herkömmliches Schreibpapier, das ich von den ersten Schuljahren her kannte.

 

Ebenso umfangreich sind Bücher in Braille. Für eine normal beschriebene Din a4 Seite braucht man gut drei Seiten auf Braille. Durch die Maschine, die die Brailleschrift erzeugt, ist diese immer gleichgroß. So was wie kleiner oder größer schreiben, das geht in Braille nicht. Was es in Braille auch nicht gibt, ist Schreibschrift. Die Buchstaben haben also stets dasselbe Schriftbild. Außerdem ist die Brailleschrift systematisch und logisch aufgebaut. Wer normale Schrift lesen kann, und ein bisschen logisches Denken beherrscht, kann die Blindenschrift schnell erlernen.

 

Ich konnte lesen und schreiben, und ich war neugierig. Erst recht, als ich merkte, dass ich ohne die Augen zu sehr anzustrengen lesen und schreiben konnte. Damit war mein Weg als angehende Leseratte geebnet. Ich konnte einfach so in die Schulbücherei gehen und mir ein Buch ausleihen. Das war einfach großartig.

 

Bei der Brailleschrift unterscheiden wir zwischen mehreren Möglichkeiten:

  1. Vollschrift. Man schreibt jeden Buchstaben einzeln hin. Die Buchstaben erscheinen also eins zu eins auf dem Blatt.

  2. Kurzschrift. Hier gibt es für häufig verwendete Zeichenketten, Wörter oder Silben Abkürzungen. Damit kann man Bücher schneller lesen, und auch entsprechend schneller schreiben. Auch ist sie Platzsparender als die herkömmliche Vollschrift. Diese Kurzschrift ist standardisiert, und wurde bei mir im fünften Schuljahr unterrichtet.

  3. Stenographie. Hier wird noch mehr abgekürzt. Ich habe mal eine AG mitgemacht, und die Grundzüge erlernt. Um damit aber wirklich stenographieren zu können, braucht es viel Ausdauer. Wie bei der herkömmlichen Stenografie auch. Hierfür wurde ein anderes Schreibgerät verwendet, der Stenoschreiber, der einen langen Streifen produziert. Er ist leiser, kleiner und leichtgängiger als die herkömmliche Punktschriftmaschine. Damit fallen Dinge wie Zeilenschaltung als Zeitkiller weg.

 

Inzwischen gibt es die Brailleschrift in allen Ländern, die blinden Menschen Bildung ermöglichen. Die Grundzüge sind dieselben, da die Geräte zur Erstellung von Blindenschrift genormt sind. Ganz gleich welches Modell verwendet wird. In vielen Ländern können sich die Schüler die Punktschriftmaschinen nicht leisten, da diese recht kostspielig sind. Hier werden mittels einer Schreibtafel und einem Griffel die Punkte einzeln eingestanzt. Es ist mit viel Fleiß und Übung verbunden, aber machbar eine passable Schreibgeschwindigkeit zu bekommen. Doch für diese Menschen ist es die einzige Möglichkeit sich selbständig etwas zu notieren.

 

Heute schreibe ich das meiste über die Tastatur meines PC, und lese meine Texte meist mit einer Sprachausgabe, deren Vorlesegeschwindigkeit ich meinen Bedürfnissen anpasse. Dennoch möchte ich meine Braillezeile nicht missen, die mir den Bildschirminhalt in Braille ausgibt. Gerade wenn ich mit Zahlen arbeite, möchte ich das Geschriebene lieber unter den Fingern haben.

 

Auch unterwegs ist das Smartphone   mit seiner sprechenden Bedienungshilfe Voiceover mein ständiger Begleiter. Und ja, man kann seinen Text sogar in das Gerät diktieren, und daraus Schrift machen lassen. Die Spracherkennung hat diesbezüglich große Fortschritte gemacht. Und manchmal mache ich das auch so. Aber am liebsten nutze ich die Möglichkeit der Brailleeingabe über das IPhone. Das ist am Anfang etwas nervig und erfordert etwas Übung. Dafür ist das schreiben damit präziser als die Diktierfunktion. Und ich kann meinen Text überall schreiben, ganz gleich ob am Schreibtisch, auf einer Parkbank oder im Bus. Außerdem brauche ich im Gegensatz zur Spracherkennung keine stabile  Internetverbindung. Und das macht mich ein stückweit unabhängig. Tja, und einen Text in das Iphone zu diktieren, während die Menschen in der voll besetzten U-Bahn dabei zuhören können, ist auch nicht so mein Fall. Denn so sehr liegt mir die Unterhaltung anderer Fahrgäste doch nicht am Herzen.

Lydia Zoubek am 4.1.18 12:42

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