Von der geschützten Welt in die freie Wildbahn

Ich möchte hiermit allen die früher in einem Internat, Heim etc. gelebt haben und ein Handikap haben, Mut machen. Mein Weg aus dem geschützten Umfeld "Internat".

 

Ich möchte euch ja auch nicht nur die guten Seiten von einem Leben außerhalb der geschützten Welt zeigen, sondern ich möchte euch eigentlich hiermit Mut machen. Weil wer es nicht probiert, kann auch nicht später sagen, ob es klappen würde.

 

 

Ich war neun Jahre lang im Internat der "Stephen Hawking Schule“ in Neckargmünd, bevor ich trotz meines Handicaps den Sprung in die freie Wildbahn wagte. Vielleicht wissen einige von euch, dass man in einem sehr geschützten und behutsamen Rahmen in so einer Zeit lebt.

 

Ich habe viele Höhen und Tiefen erlebt und das wird mich auch mein ganzes Leben lang weiter begleiten, nur wahrscheinlich in abgeschwächter Form.

 

Im September 2016 habe ich eine Ausbildung zur Sozialassistentin an der SRH Fachschule in Frankfurt begonnen. Bevor ich überhaupt mit der Ausbildung starten konnte, musste ich eine Unterkunft in Frankfurt finden, was schon eine Herausforderung für sich ist. Viele denken jetzt „OK“, die hat ein Handikap, dann ist es doch das leichteste, wenn sie in ein Heim oder eine betreute Wohngemeinschaft geht. Nein, ich habe mir gesagt, wenn schon, dann auch richtig. Also begab ich mich auf die Suche nach einer WG, weil ganz alleine wollte ich dann auch nicht wohnen. Jedoch scheiterte ich schnell daran, weil ich mit meinem Rollstuhl nicht in den dritten Stock eines Altbaus „fliegen“ kann. Also machte ich mich auf die Suche nach einer eigenen Wohnung, um dann eine WG zu gründen. Leider bin ich auch hier auf viele Absagen gestoßen, aber das konnte mich nicht von meinem Vorhaben, auszuziehen von zu Hause, abhalten. Denn nur weil wir ein Handikap haben, heißt das noch lange nicht gleich, dass wir keine Entscheidungen selber treffen dürfen.

 

Anfang der Sommerferien hatte ich dann endlich eine Wohnung.

Nun hieß es Hoffen und Bangen, dass die Schule mir eine Zusage schickt, die hatten sich nämlich auch nicht mehr bei mir gemeldet. Eine Woche vor Ausbildungsbeginn kam endlich der Bescheid. Unter einer Bedingung: ich musste mir meine Schreibhilfe selber organisieren (ohne die es sich für mich nicht gelohnt hätte anzufangen).

Nebenbei suchte ich auch noch Mitbewohner. Kaum hatte ich jemanden, kam auch schon einige Tage später die Absage, meist mit der Begründung "es ist zu teuer ". Die Wohnungsmieten in Frankfurt sind halt sehr hoch, und dazu kommt noch der Aufzug, der den Preis zusätzlich in die Höhe treibt.

 

Ausbildung

 

Ich kam am ersten Tag in die Schule und merkte sofort, hier ist eine große Unsicherheit im Raum, aber das hatte ich mir fast schon gedacht. Ich bin also, wie jeder andere, erstmal mit zu der Einführungsveranstaltung gegangen, in meinem Fall gefahren, und danach wurde uns das Gelände und was drum herum ist, gezeigt. Da haben sich dann auch schon die ersten Hindernisse gezeigt, weil, um aus der Schule zu kommen, muss man zwei Stufen hinunter (nur der hintere Eingang ist ebenerdig). Alle standen unbeholfen um mich herum, bis ich ihnen genau gesagt habe, was wer machen muss.

Später in der Klasse mussten wir uns alle vorstellen. Da ich mir das schon dachte, hab ich mir auch schon Gedanken gemacht, was ich sage. Ich habe mir gesagt, dass ich nur das Wichtigste sage, und wer mehr über mich und mein Handikap erfahren will, muss zu mir kommen und mich selber fragen, und ich entscheide dann, was ich ihnen sage und was nicht.

Ich musste mich nebenher noch um die Wohnung kümmern. In der ersten Woche war zum Glück noch meine Mutter da, die einiges übernommen hat. Nach der Woche war ich dann allerdings auf mich allein gestellt, es machte mir in diesem Moment aber nichts aus. Ich war ungefähr einen Monat allein, bis ich endlich jemanden für die WG gefunden hatte. Außer der Wohn- und Schulsituation musste ich mir noch genau überlegen " was mach ich wann, und wie komm ich wohin".

Ich saß jeden Abend Stunden lang da und überlegte mir, was ich am nächsten Tag machen muss, und wie ich dahin komme.

Zusätzlich musste ich mich aber auch immer darum kümmern, dass meine Schreibhilfe in den richtigen Stunden bei mir war, was gar nicht so einfach war, da wir alleine im ersten Halbjahr jede Woche einen anderen Stundenplan bekamen. So kam es auch oft vor, dass ich allein im Unterricht war. Im Unterricht habe ich mir dann die Mitschriften von den Mitschülern holen können, nur bei den Arbeiten geht das halt nicht. Beim ersten Mal hat die Schule noch mitgemacht, allerdings beim zweiten Mal nicht mehr, also durfte ich die Arbeit alleine schreiben, was für mich eine enorme Belastung bedeutet.

 

Mein Alltag hat sich schrittweise eingependelt, ich weiß genau, wann ich was machen kann und muss.

 

In der Schule hat sich auch einiges getan, der Stundenplan ändert sich nicht mehr ständig, sodass ich nicht mehr ständig bei meiner Schreibhilfe im Büro anrufen muss. Um dann zu hoffen, dass nicht schon alle verplant sind und ich mich allein durch den Schultag schlagen muss.

 

Alltag

 

Leider kommen fast jeden Tag unvorhersehbare Zwischenfälle in meinen Alltag, und es ist selten, dass der Tag nach Plan läuft. So zum Beispiel hat letztens mal beim Einkaufen mein Rollstuhl gestreikt, er wollte einfach nicht mehr, und ich stand hilflos mitten im Laden, weil mich konnte man auch nicht mehr schieben. Nach unzähligen Versuchen hat er sich doch endlich dazu entschieden, schwergängig sich bewegen zu lassen.

 

Ich habe oben mit Absicht nicht das Wort "nie" verwendet, weil dann doch mal so ein Tag kommt, an dem alles so klappt, wie man es sich wünscht. Dann soll man den Tag festhalten und sich darüber freuen.

Auch in der Schule habe ich immer Momente, die mich in meinen Vorhaben bestärken. Zum Beispiel kommt es ab und zu im Pflegeunterricht zu Situationen, die niemand ahnt: wenn wir was besprechen, und ich dann sage, dass es mir damals auch so erging, dann sind alle erstmal erstaunt. Aber das ist nicht schlimm für mich, ich hätte am Anfang ja alles erzählen können.

 

So Momente geben mir immer Kraft, weil einfach niemand damit rechnen konnte, dass ich trotzdem sowas in meinem Leben mache.

 

Ich hatte am Anfang auch meine Zweifel, aber ihr seht ja selbst, es kann alles klappen. Jeder Anfang ist schwer, man muss nur lernen die schönen Dinge im Leben fester zu halten.

 

Glaubt an euch

Ihr schafft das!!!

 

Eure Luise  

Luise Pape am 15.9.17 18:50

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