Berufsbilder blinder und sehbehinderter Menschen Teil 4: eine Tastuntersucherin erzählt

Hallo,

mit ganz viel Fingerspitzengefühl etwas gutes tun, geht das? Ja, hört selbst, was Filiz Demir von ihrem Job als medizinische Tastuntersucherin erzählt.

 




 

Mein Name ist Filiz Demir. Ich bin 42  Jahre alt und arbeite seit drei Jahren als Medizinische Tastuntersucherin. Ursprünglich habe ich Datenverarbeitungskauffrau gelernt und war mehrere Jahre in der Buchhaltung tätig. Nach meiner Erblindung bin ich auf der Suche nach einer Umschulungsmöglichkeit auf den Beruf der Medizinischen Tastuntersucherin aufmerksam geworden. Hierbei wird der besonders gut ausgeprägte Tastsinn von blinden und sehbehinderten Frauen für die Brustkrebsfrüherkennung eingesetzt.


Ich arbeite in einer gynäkologischen Praxis und führe dort die Brusttastuntersuchung durch. Ich habe einen eigenen Raum, wo ich erst am PC einen Fragebogen mit der Patientin ausfülle. Hier werden die Vorerkrankungen, Risikofaktoren und die familiäre Vorbelastung abgefragt. Anschließend taste ich die Lymphknoten an den Hauptabflussgebieten der Brust ab und beklebe dann den Oberkörper der Patientin mit sogenannten Orientierungsstreifen. Auf diesen Streifen sind taktile Markierungen im Abstand von einem Zentimeter drauf. Ich klebe einen Streifen über das Brustbein und jeweils einen über die Brust und unter den Arm, so das die Brust in zwei Zonen aufgeteilt ist. Nun Taste ich die Brust Reihe für Reihe ab. Hierbei mache ich mit dem Zeige- und Mittelfinger eine Abwärtsspirale, d. H. ich übe nach jedem Kreis etwas mehr Druck aus, um in die tieferen Gewebeschichten zu kommen. Da das ganze Zeit braucht, habe ich pro Untersuchung eine halbe bis Dreiviertelstunde Zeit. Anschließend kommt der Arzt dazu, da dieser immer das Ergebnis entgegen nehmen muss. Durch diese sehr gründliche Untersuchungsmethode können schon kleine Gewebeveränderungen entdeckt werden, was die Brustkrebsfrüherkennung verbessert. 


Die Patientinnen fühlen sich durch die Gründlichkeit der Untersuchung gut aufgehoben. Sie haben Zeit Fragen zu stellen, die sie sich beim Arzt nicht immer trauen und weil es da auch meist immer recht schnell gehen muss. Manche sind von meiner Blindheit erst etwas verunsichert, aber das legt sich immer sehr schnell, wenn sie merken, dass ich ganz selbstverständlich damit umgehe. Viele finden es ganz spannend, wie ich am PC arbeite und stellen Fragen zu der Behinderung, weil sie sich nicht vorstellen können wie Blinde im Alltag zurechtkommen. Aufklärungsarbeit gehört also zu dem Job dazu! 


Für den Beruf der Medizinischen Tastuntersucherin (MTU) muss man eine abgeschlossene Berufsausbildung haben (muss aber nicht im medizinischen Bereich sein) und eine neun monatige Qualifizierungsmaßnahme absolvieren. In der Qualifizierung hat man sechs Monate Unterricht und macht dann drei Monate Praktikum in einer gynäkologischen Praxis oder in einem Brustzentrum. Die MTU darf nur im Team mit einem Arzt arbeiten, da sie selber keine Diagnose stellen darf. Die Qualifizierung wird zurzeit in Berlin und den BFWs Düren, Halle, Mainz und Nürnberg angeboten. Wenn man medizinisch interessiert ist und gerne mit Menschen arbeitet, ist es eine sehr befriedigende Tätigkeit. Weitere Informationen gibt es unter www.discovering-hands.de


 

 

Filiz Demir am 23.3.17 09:17

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