Der richtige Sprachgebrauch gegenüber Sinnesbehinderten

Viele Menschen sind verunsichert und ängstlich, wenn sie mit einer behinderten Person sprechen. Ein Teil dieser Verunsicherung bezieht sich auf die Sprache selbst. Was darf mensch sagen, was ist unpassend und was empfindet das Gegenüber vielleicht sogar als diskriminierend? Redensarten und Metaphern kommen oft ganz selbstverständlich aus dem Bereich der Sinneswahrnehmungen oder der Motorik. "Hast du schon gehört?" bedeutet aber nicht im wörtlichen Sinne, ob jemand etwas mit den Ohren wahrgenommen hat, sondern ob er oder sie eine bestimmte Nachricht erhalten oder ein Ereignis mitbekommen hat. "Wann sehen wir uns das nächste Mal?" bezieht sich nicht eigentlich darauf, wann jemand ihr oder sein Gegenüber das nächste Mal anschauen kann, sondern auf das nächste persönliche Zusammentreffen. Dennoch scheuen viele Menschen ohne Behinderung gegenüber Menschen mit Behinderung vor solchen Formulierungen zurück, weil sie denken, sie würden der behinderten Person damit zu nahe treten. Darf mensch diese Dinge gegenüber einer gehörlosen oder blinden Person sagen? Darf mensch eine Person im Rollstuhl fragen "Gehst du morgen mit ins Kino?" obwohl diese Person ja eigentlich rollt oder fährt?

Ja, mensch darf. Für die meisten Menschen mit Behinderung ist ein gekünsteltes und verkrampftes Umschiffen solcher Formulierungen viel unangenehmer und befremdlicher als ihre ganz selbstverständliche Verwendung. Es ist ein viel plakativerer und vielleicht sogar stigmatisierender Hinweis auf eine Behinderung, wenn andere Menschen verschämt und verschreckt ihre Sprache anpassen und herumdrucksen, als wenn sie sich einfach ganz normal verhalten und so reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Ich kenne keine behinderte Person, die selbst solche Begrifflichkeiten absichtlich vermeidet, weil sie sie unpassend oder gar diskriminierend findet. Ich sage selbst oft "lass mich mal gucken", wenn ich einen Gegenstand mit meinen Händen erkunden will. Einen früheren Bekannten, der einen Rollstuhl nutzte, konnte ich ohne Weiteres fragen, ob er mit mir spazierengehen wollte, auch wenn eigentlich nur ich zu Fuß ging, während ich ihn schob. Natürlich kann es passieren, dass mensch sich dumme Kommentare einfängt. Ein blinder Freund von mir beantwortet die Floskel "Tschüss, wir sehen uns!" z.b. gerne mit "Das wüsste ich aber". Aber das ist sein ganz normaler, flapsiger Humor und keineswegs der Hinweis auf eine Diskriminierung.

Dennoch haben Sinnesbehinderungen einen Einfluss darauf, wie Menschen sich ausdrücken. Im Rahmen meiner Magisterarbeit habe ich vor einigen Jahren die Frage untersucht, wie geburtsblinde Menschen Metaphern verwenden. Metaphern sind, einfach gesagt, sprachliche Bilder - ein konkretes, sinnlich erfahrbares Konzept wird auf ein abstraktes Phänomen übertragen. So wird z.B. Helligkeit als konkret visuell wahrnehmbares und als positiv empfundenes Ding auf die abstrakte Intelligenz einer Person abgebildet - so entsteht der Ausdruck "jemand ist ein heller Kopf".

Tatsächlich fand ich bei meiner Forschung einen Zusammenhang zwischen der Erfahrungswelt der Menschen und ihrer Sprache. Personen, die von Geburt oder frühester Kindheit an blind waren, also nie Erfahrungen mit visuellen Reizen gemacht hatten, benutzten signifikant weniger konzeptionelle Metaphern aus dem visuellen Bereich als die sehende Vergleichsgruppe. Konzeptionell visuelle Metaphern sind Ausdrücke, die, wie im obigen Beispiel, ihre Quellkonzepte aus Phänomenen der sichtbaren Welt ziehen. Es geht also z.B. um Dinge  wie Licht, Schatten, Farben, Helligkeit, Sichtbarkeit, aber auch das Verdecken und Verbergen als Metaphern für abstraktere Konzepte.

Dem gegenüber standen sechs weitere Kategorien von konzeptionellen Metaphern. Akustische Metaphern beziehen sich auf hörbare Reize oder das Hören als solches, z.B. "auf jemanden hören", "sich gut verstehen", "miteinander harmonieren" oder "grollen". Olfaktorische Metaphern nutzen Konzepte aus dem Bereich der Geruchswahrnehmung, wie z.B. "das ist dufte", "das stinkt mir" oder "Kohldampf haben". Metaphern mit gustatorischen Quellkonzepten kommen aus dem Bereich der Geschmackswahrnehmung, z.B. "das Kätzchen ist süß", "ich bin sauer" oder "etwas hat einen schalen Nachgeschmack". Taktile Metaphern zerfallen in zwei Untergruppen. Einerseits gibt es die Metaphern, die sich auf Konzepte des Tastens oder direkter Tätigkeiten mit den Händen beziehen, z.B. metaphorische Verwendungen von "geben", "nehmen", "bekommen", "holen", "ziehen" oder "halten", aber auch "aufbauen" (einer Beziehung), "leiten" (einer Firma), "führen" (von Verhandlungen) oder "stricken" (einer Infrastruktur). Die zweite Gruppe taktiler Metaphern umfasst alle Phänomene, die durch die Haut, das Gleichgewichtsorgan und den gesamten Körper wahrgenommen werden, also das Konzept des kinästhetischen Körperschemas. Dazu gehören Begriffe wie "jemanden unter Druck setzen", eine "schwere" oder "leichte" Prüfung und alles, was mit Gleichgewicht, Orientierung und Bewegung zu tun hat. In diese Kategorie packte ich außerdem Ausdrücke wie "(verschlungene oder steinige) Lebenswege", "Richtungen", "Ziele" und metaphorische Bezüge auf Körperteile oder Kleidung wie "Hunger bis unter beide Arme", "seinen Kopf durchsetzen" und "verschiedene Paar Schuhe". Zu guter Letzt gibt es dann noch die Kategorie psychischer Metaphern, zu denen ich "Traum" als Ausdruck für eine Wunschvorstellung oder "Wahnsinn" als Umschreibung für irgendetwas Krasses zählte.

Ich führte Interviews, die ich aufzeichnete und transkribierte. Zu meiner Versuchsgruppe aus blinden Menschen hatte ich eine sehende Vergleichsgruppe. Konzeptionelle Metaphern aller Kategorien machten in beiden Gruppen durchschnittlich 2,5% bis 3% aller gesprochenen Wörter aus. Sowohl bei den blinden als auch bei den sehenden Personen waren Metaphern mit allgemein körperlich-kinästhetischen Quellkonzepten dabei mit Abstand am häufigsten. Ihr Anteil in Bezug auf alle verwendeten Metaphern lag jeweils bei ca. 60%. An zweiter Stelle folgten in der sehenden Gruppe - wenig erstaunlich - die visuellen Quellkonzepte mit einem Anteil von ca. 20%. In der blinden Gruppe lagen sie nur bei 13,67%. Die blinden Personen benutzten dafür mit 17,18% umso mehr Metaphern aus dem Spektrum taktiler Wahrnehmungen oder Tätigkeiten der Hände.

Die sehenden Proband*innen beschränkten sich bei ihrer Metaphernverwendung fast vollständig auf die genannten Quellkonzepte des körperlich-kinästhetischen und visuellen Bereichs. Akustische Quellkonzepte spielten eine kleine Rolle, alle anderen Kategorien kamen kaum vor. In der blinden Gruppe sah das jedoch anders aus. Hier waren körperlich-kinästhetische, taktil-haptische und visuelle Konzepte zwar auch am häufigsten, allerdings waren auch alle anderen Kategorien relativ stark vertreten. Das deutet darauf hin, dass für blinde Menschen der Wahrnehmungs-Mix viel wichtiger ist und auf allen Kanälen gleichermaßen intensive Signale empfangen werden. Sehende Menschen dagegen scheinen sich nur auf Sehen und Körperschema zu konzentrieren, während alle weiteren Sinneswahrnehmungen diese Informationen höchstens unbewusst ergänzen. Diese Sinne spielen im Bewusstsein eine so nachrangige Rolle, dass ihre Wahrnehmungen kaum als Quelle für sprachliche Konzeptionalisierungen dienen.

Ich hatte also Grund zu der Annahme, dass die eigene Wahrnehmungswelt die Verwendung sprachlicher Metaphern beeinflusst. Blinde Menschen, die visuelle Phänomene nicht aus eigenem Erleben kennen, neigen weniger dazu, diese Phänomene als metaphorische Ausdrücke für abstrakte Konzepte zu verwenden. Dass sie es dennoch in relativ großem Maße tun, führte ich darauf zurück, dass die Metaphern selbstverständlich gelernte Bestandteile der Sprache sind. Manche dieser Ausdrücke sind so stark im alltäglichen Sprachgebrauch verankert, dass sie gar nicht mehr als Metaphern auffallen. Konzepte, mit denen blinde Menschen viel mehr Erfahrungen machen, nämlich das Tasten und Agieren mit den Händen, übernahmen aber in ihrer Häufigkeit die Position, die visuelle Konzepte bei sehenden Menschen hatten.

Körperschema und kinästhetische Wahrnehmungen sind ab der frühesten Entwicklung für alle Menschen die eindrücklichsten Erfahrungen. Diese Art von Sinneswahrnehmung hat ein Mensch bereits als Embryo. Entsprechend ist es logisch, dass die meisten sprachlichen Anleihen sich später auf diesen Wahrnehmungsbereich beziehen. Visuelle Reize sind für sehende Kinder die wichtigste Quelle von Informationen und Konzepten über die Welt. Daher schlagen auch sie sich deutlich im Spracheerwerb und -gebrauch nieder und durchdringen die Sprache tiefgreifend. In der Sprache und Metaphernverwendung meiner blinden Proband*innen spielten visuelle Konzepte eine deutlich geringere Rolle. Ihren Platz nahmen die taktil-haptischen Quellkonzepte ein, die im Spracherwerb dieser Personen logischerweise viel wichtiger waren als bei den Sehenden. Blinde Kinder erschließen sich ihre Umgebung viel stärker durch Ertasten und Anfassen, während sehende Kinder beobachten und hinschauen.

Meine Versuchspersonen beider Gruppen verwendeten während des Versuchs fast nur konventionalisierte Ausdrücke, also Metaphern, die bereits feststehende Begriffe sind. Es gab kaum kreative Neuschöpfungen sondern die Sprache der Personen beschränkte sich weitgehend auf bestehende, bekannte Konzepte. Deren Ursprung liegt zwar vielfach in sensorischen Erfahrungen, sie können aber genauso unabhängig davon als Teil abstrakt gelernter Sprache auftreten, ohne mit eigenen Erfahrungen unterfüttert zu sein. Visuelle Konzepte im Metapherngebrauch geburtsblinder Menschen sind ein solches Ding. Sie werden als sprachliche Wendungen gelernt und die Konzepte werden verinnerlicht, ohne dass sie jemals tatsächlich sensorisch erlebt wurden. Damit sind sie aber weniger stabil und vor allem werden sie als reines Theoriewissen nicht immer wieder durch Erfahrungen bestätigt. Diese Tatsache ist meiner Meinung nach der Grund, dass sie weniger verwendet werden.

Auf der anderen Seite haben blinde Menschen im Umgang mit Sprache einen Vorteil. Sehende und blinde Kinder unterscheiden sich bereits im Spracherwerb, der mit dem Erwerb von Konzeptionalisierungen der Welt eng zusammenhängt. Meine Recherche in der wissenschaftlichen Literatur ergab, dass blinde Kinder sich die Sprache durch ein ganzheitliches Erfassen von Strukturen erschließen, während sehende Kinder einzelne Begriffe nach und nach in größere Strukturen einfügen. Indem blinde Kinder die Sprache eher über ihre Gestalt als Ganzes erfassen, überspringen sie gewissermaßen das Lernen und Zusammenfügen einzelner Elemente und erkennen konzeptionelle Zusammenhänge so möglicherweise wesentlich leichter als ihre sehenden Altersgenoss*innen. Das erleichtert ihnen Verständnis und Verwendung sprachlicher Metaphern, selbst wenn sie zu deren Quellkonzepten keinen unmittelbar sensorischen Zugang haben. Gäbe es diesen Effekt nicht, würden blinde Menschen vermutlich noch viel weniger visuelle Metaphern benutzen.

Wenn Menschen die gleiche Sprache sprechen, nutzen sie auch die gleichen Wörter und Wendungen. Allerdings liegen diesen oberflächlich gleichen Ausdrucksweisen nicht unbedingt die gleichen kognitiven Konzepte zugrunde. Menschen mit unterschiedlichen Wahrnehmungen unterscheiden sich auch in ihrer Interpretation und in ihrem grundlegenden Verständnis der Welt. Das Verständnis ist dabei nicht qualitativ unterschiedlich im Sinne von "gut" oder "schlecht", jedoch basiert es auf unterschiedlichen Erfahrungen, fasst diese in unterschiedliche Konzepte und kommt zu unterschiedlichen Schlüssen. Das ist zwar ein sehr interessantes Forschungsgebiet und mensch kann sich sehr tief in den Strukturen von Sprache und Spracherwerb verlieren, aber im Alltag spielt es eine sehr geringe Rolle. Menschen verstehen oder missverstehen sich aufgrund so vieler Faktoren, dass konzeptionelle Metaphern und der Einfluss eigener Erfahrungen für das Funktionieren alltäglicher Kommunikation zu vernachlässigen sind. Vor allem sind diese Dinge kein Grund für Unsicherheiten und Ängste. Denn selbst, wenn sinnesbehinderte Menschen aufgrund ihrer abweichenden Erfahrungswelt Sprache anders verwenden als Menschen ohne Behinderung, reagieren sie deshalb noch lange nicht allergisch auf den allgemein üblichen Sprachgebrauch.

Warum es dennoch sprachliche Fallstricke gibt, werde ich in einem weiteren Beitrag erörtern. Aber keine Sorge: Was ich dort beschreiben werde, ist wesentlich leichter nachvollziehbar und braucht keine empirische Unterfütterung.

Wer sich für meine vollständige Magisterarbeit interessiert, darf sie selbstverständlich gerne lesen. Sie trägt den Titel "Multimodales Kommunikationsverhalten als Spiegel der Erfahrungswelt} - Metaphern in Sprache und Gesten geburtsblinder Menschen". Die PDF-Datei sende ich gerne per Mail zu.

Lea am 26.2.17 14:24

Letzte Einträge: 5. Dezember, 7. Dezember, 8. Dezember, 9. Dezember, 10. Dezember, 11. Dezember

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