Immer der Nase nach oder Gerüche als Orientierungshilfe

Gerüche sind etwas, was die meisten Menschen nur sehr unterbewusst wahrnehmen. Ins Bewusstsein dringen sie nur, wenn sie extrem stark, extrem eklig oder vielleicht noch extrem angenehm sind, ansonsten bleiben sie weitgehend unbemerkt. Ich kenne nur wenige wirklich geruchssensible und -aufmerksame Menschen, was wahrscheinlich daran liegt, dass Menschen mit uneingeschränkt funktionierenden Sinnen genug mit Sehen und Hören zu tun haben. Die restlichen Sinne verschwimmen dann meist in einem unbewussten Brei, weil einfach keine Aufmerksamkeit darauf gerichtet wird.

Mir selbst ging es schon immer anders, aber ich war auch noch nie durch detailreiches und reizüberflutendes Sehen abgelenkt. Seit ich denken kann, sammele ich Informationen über meine Umwelt mit Hilfe meiner Nase und Ohren. Natürlich ist auch der Tastsinn wichtig, aber der funktioniert nur, wenn ich mit meiner Umgebung auf Tuchfühlung gehe. Das ist manchmal weder möglich noch erwünscht. Hören und riechen kann ich auch auf Distanz. Die Reize drängen sich sogar einfach auf und ich kann ihnen meist gar nicht entgehen. Ich muss sie nur bewusst wahrnehmen und interpretieren anstatt sie einfach als Grundrauschen abzutun.

Als Informationsquelle und Orientierungshilfe sind Gerüche weit unterschätzt. Wenn ich durch eine Straße laufe, kann ich am Geruch erkennen, an welchen Geschäften ich vorbeikomme. Das funktioniert nicht nur bei Bäckereien, Metzgereien und Blumenläden. Auch Drogerien, Schuhgeschäfte, Friseur*innen-Läden, Copyshops, Klamottengeschäfte und ganz banale Supermärkte haben ihre eigenen Gerüche. Obst- und Gemüseläden, Kneipen, Restaurants und Schnellimbisse riechen natürlich auch nach etwas, Apotheken haben ihren ganz charakteristischen Duft und wenn ich nah genug herankomme, kann ich sogar Kindergärten, Arztpraxen und Bürogebäude geruchlich voneinander unterscheiden. Dann gibt es noch Tiefgaragen, Parkhäuser, offene Parkplätze, Beete, Bäume, Büsche und Erde oder Rindenmulch, es gibt Brunnen, deren Wasser je nach Zustand und Jahreszeit ganz unterschiedlich riecht, es gibt Skulpturen aus Holz oder Metall, die einen Geruch verbreiten, es gibt alte Gemäuer und muffige Keller, deren Geruch auf die Straße dringt - und es gibt Baustellen, holzverarbeitende Betriebe, Backstuben, Kaffeeröstereien und was weiß ich nicht noch alles. Alles hat einen Geruch und all diese Gerüche fügen sich zu Gesamtbildern eines Straßenzugs oder eines Stadtviertels zusammen. Selbst innerhalb von Kaufhäusern oder Supermärkten kann ich riechen, in welcher Abteilung oder vor welchem Regal ich stehe, weil Haushaltswaren, Kosmetikprodukte, Textilien, Käse, Wurst oder Unterhaltungselektronik einfach unterschiedlich riechen.

Manchmal gibt es auch ganz unerwartete und rätselhafte Gerüche. Die Straße, in der ich wohne, hält soetwas bereit. Eigentlich ist es eine kurze, schmale Wohnstraße, die geruchlich nicht viel anzubieten hat. Es gibt keine Geschäfte, die nach irgendetwas riechen könnten. Alles, was es gibt, sind Wohnhäuser mit Einzelgaragen und Tiefgaragen. Die Wohnhäuser sind Altbauten mit dem entsprechenden Duft und mit Kellerfenstern, durch die manchmal Waschmittelgeruch nach außen dringt. Ich erinnere mich, dass ich irgendwann als Kind durch diese Straße lief und der ganz spezielle Geruch einer der Tiefgaragen sich intensiv in meiner Erinnerung festsetzte. Insofern habe ich eine erstaunlich weit zurückreichende Erinnerung an meinen jetzigen Wohnort. Das eigentlich Rätselhafte und Irritierende in meiner Straße ist aber der von mir so genannte Deliusstraßengeruch. Ich kenne diesen Geruch schon, seit ich hier wohne. Er quillt mal stärker und mal schwächer aus einem der Nachbarhäuser ein Stück stadtauswärts. Es ist ein "Duft" irgendwo zwischen Parfüm und Räucherstäbchen. Er ist fast immer da und scheint sehr punktuell aus einem Fenster oder irgendeiner Öffnung zu strömen. Einmal war er so intensiv, dass er meinem sehr geruchssensiblen Partner für die halbe Hunderunde den Atem verschlug. Ich blieb nur verschont, weil ich glücklicherweise in diesem Moment nicht tief eingeatmet habe. Meistens ist der Geruch schwach aber dennoch deutlich wahrnehmbar. Sogar, wenn mensch auf dem Fahrrad in der Mitte der Straße vorbeifährt, kann mensch ihn bisweilen riechen.

Ein Geruch, der früher viel präsenter war als heute und der mich, wenn er mir begegnet, inzwischen umso mehr stört, ist Zigarettenrauch. In meiner Kindheit in den 80er Jahren wurde überall geraucht. Ich erinnere mich, dass ich im Schwimmbad immer merkte, wenn sich ein Bademeister näherte, weil ich seine Zigarette riechen konnte. Damals differenzierte ich noch nicht so sehr und die Gerüche flossen zusammen zu einer ganzen Geruchsatmosphäre. Zu vielen Orten gehörte das Zigarettenelement einfach dazu. Der Rauch mischte sich mit Parfüm oder dem Schwimmhallenchlor, was ich als Kind seltsamerweise noch angenehm fand. Heute würde ich vermutlich die Flucht ergreifen, wenn in der Schwimmhalle geraucht würde. Der abgestandene, alte Rauch in manchen Räumen wie Kneipen bildet immernoch ein Erkennungsmerkmal, obwohl dort schon lange nicht mehr geraucht werden darf. Der Geruch hängt mancherorts so in den Mauern, dass selbst eine gar nicht mehr vorhandene Kneipe im Vorbeigehen auf dem Gehweg noch nach kaltem Rauch riechen kann.

Und dann gibt es die Gerüche von Klassenzimmern, Seminarräumen und Hörsälen. Ich habe schon während meiner Schulzeit festgestellt, dass jeder Klassenraum anders roch. Nicht nur die fachspezifischen Räume wie der Chemie- oder Biologieraum hatten ihren individuellen Geruch. Der Musikraum war sehr speziell, der Physikraum mit seinen alten, fest installierten Sitzreihen roch anders als die Klassenräume mit neueren Möbeln, Räume mit Teppich rochen anders als Räume mit Linoleum-Boden etc.pp. - selbst im Oberstufentrakt, wo alle Räume den gleichen Teppich und die gleichen Möbel hatten, gab es unterschiedliche Gerüche. Ich konnte beim Betreten eines Raums am Geruch ausmachen, ob ich im richtigen Kurs gelandet war oder nicht - natürlich lag das nicht nur an den Räumen sondern auch an den Menschen darin. Manche Lehrer*innen erkannte ich an ihrem Parfüm oder Rasierwasser, bevor meine Mitschüler*innen sie sahen.

Später an der Hochschule war es ähnlich. Manche Hörsäle und Seminarräume stanken regelrecht ranzig und vergammelt, in anderen roch es immer irgendwie nach verbrauchter Luft, in wieder anderen roch es nach dem Holz der Sitzreihen, dem Fußbodenbelag oder nach den tausendfach angefassten und mit Kugelschreibern bekritzelten Klapptischen. Ich konnte schon im Treppenhaus riechen, ob ich auf der Etage mit den Seminarräumen oder auf der mit den Büros und dem Sekretariat war, ich merkte am Geruch, wenn ich mich der Cafeteria näherte und konnte oft, bevor ich das Gebäude verließ, das Wetter draußen erschnüffeln. Wenn ich heute mit dem GIPS-Projekt Schulen besuche, fühle ich mich oft an diese Geruchslandschaften erinnert. Auch in Schulen, die ich noch nie zuvor betreten habe, kann ich treffsicher allein anhand des Geruchs  das Lehrer*innen-Zimmer, die Sporthalle oder bestimmte Fachräume identifizieren.

Langer Rede kurzer Sinn: Gerüche bilden Landschaften, die sich kartieren lassen. Meine inneren Geruchslandkarten helfen mir genauso sehr wie die akustischen Merkmale von Orten. Die Orientierung durch Klicklaute, wie Daniel Kish sie entwickelt hat, lässt sich ohne Weiteres durch eine Geruchsorientierung ergänzen, denn auch mit Hilfe der Nase kann mensch Richtungen und Entfernungen abschätzen, Strukturen erkennen und Dinge erkunden. Vor allem kann mensch nicht nur über Orte sondern auch über andere Menschen sehr viel herausfinden - manchmal mehr, als mensch wissen will. Und das beschränkt sich nicht darauf, welche Körperpflegeprodukte jemand benutzt oder wann sie bzw. er sich zuletzt gewaschen hat. Ich kann riechen, wo jemand sich aufgehalten hat, was es zu essen oder zu trinken gab und aus welchem Material Kleidungsstücke einer Person sind. Manchmal rieche ich, wer wen umarmt hat oder wo eine Jacke zuletzt hing, wenn Gerüche sich von einer Person oder einem Kleidungsstück auf jemand oder etwas Anderes übertragen. Ein geruchssensibler Mann erzählte mir mal, er könne riechen, wo eine Frau gerade in ihrem Zyklus steht. Definitiv kann mensch riechen, wenn jemand vor Kurzem Sex hatte. Und auch manche Krankheiten kann mensch riechen - Atem und Haut verraten sehr viel.

Die Rückbesinnung auf das, was Tiere schon immer tun, ist für das Tier namens Mensch eine enorme Bereicherung. Unsere Nasen geben es her, wir müssen nur mehr daraus machen. Für blinde Menschen ist es nicht nur spannend sondern wirklich extrem hilfreich, denn Gerüche können viele Informationen ausgleichen, die auf der visuellen Ebene fehlen. Und manchmal geben sie viel mehr Preis, als mit den Augen wahrnehmbar ist - vielleicht ist das ein Vorteil blinder Menschen, denn sie können sich viel ungestörter auf ihren Geruchssinn konzentrieren, ihn trainieren und der mehrzahl der sehenden Menschen damit weit mehr als eine Nasenlänge voraus sein.

Lea am 25.2.17 14:30

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