Richtig helfen will gelernt sein

Alltägliche Hilfsbereitschaft gegenüber Fremden ist ein zweischneidiges Ding. Es ist fraglos erfreulich und schön, wenn Menschen aufmerksam für die Bedürfnisse und Probleme Anderer sind. Das eigentlich Interessante ist jedoch, was Menschen aus dieser Aufmerksamkeit machen und wie sie ihr Bedürfnis, hilfreich zu sein, in die Tat umsetzen. Bewusst wird mir das immer wieder, wenn es um Menschen mit Sinnesbehinderungen geht, die ins Visier hilfswilliger Personen geraten. Im Grunde gelten die Grundregeln, die ich hier aufstellen möchte, aber für jede Konstellation von Menschen, egal, in welcher Weise sie eingeschränkt sind oder eben auch nicht.

Blinde Menschen, ich selbst eingeschlossen, erleben immer wieder Überraschungsmomente und Schrecksekunden. Besonders beliebt ist die folgende Situation: Ich laufe durch die Stadt, egal ob mit Langstock oder Hund. Plötzlich schreit aus irgendeiner Richtung jemand "Vorsicht!". Ich merke, dass ich gemeint bin, und bleibe wie angewurzelt stehen, weiß ich doch noch lange nicht, weshalb ich vorsichtig sein soll. Vielleicht hat sich vor meinen Füßen ein Abgrund aufgetan, es steht irgendetwas vor mir auf dem Fußboden, ein spitzer Gegenstand ragt in meiner Kopfhöhe in den Weg, ein Fahrzeug ist im Begriff, aus der Einfahrt einen Meter vor mir herauszurasen oder über mir löst sich gerade ein großer Eiszapfen von einem Hausdach, um direkt auf mich zu fallen. Was soll ich tun? Wohin soll ich ausweichen? Soll ich schnell weglaufen oder mich lieber nicht bewegen? Ich habe in solchen Momenten keinen blassen Schimmer, was die Leute von mir wollen, insofern ziehe ich es vor, zur Salzsäule zu erstarren und irgendwoher mehr Informationen zu bekommen. Wenn die "Vorsicht!"-rufende Person netterweise in der Nähe bleibt und meinen fragenden Blick sieht oder meine verbale Frage nach dem Grund des Zwischenrufs hört, habe ich Glück. Dann bekomme ich idealerweise eine Antwort und kann entsprechend handeln, um anschließend meinen geplanten Weg fortzusetzen. Oft sind die Rufer*innen aber entweder sofort wie vom Erdboden verschluckt oder nicht in der Lage, ihre Warnung zu spezifizieren. Dann wird wortlos an mir herumgezerrt und -geschoben, ich werde gedreht und geschubst, bis ich schlimmstenfalls irgendwann die Orientierung verloren habe und nicht mehr weiß, in welche Richtung ich nun laufe.

Meistens ist die Warnung vollkommen berechtigt und gut gemeint. Als mir eine solche Situation das letzte Mal passierte, war auf dem Gehweg gerade eine Baustelle eingerichtet worden und der Abschnitt war nur noch passierbar, indem mensch auf die Fahrbahn auswich. Anstatt mir das kurz mit ein paar Worten zu erklären, versuchten die wohlmeinenden Bauarbeiter aber, mich einfach in Richtung Fahrbahn zu dirigieren. Erstens kapierte meine Führhündin das nicht, ohne von mir das entsprechende Hörzeichen "führ vorbei" zu bekommen und zweitens leistete ich einen gewissen Widerstand, weil ich ja nicht auf die Fahrbahn wollte. Erst, als sich nach gefühlt deutlich mehr als einer Minute einer der Männer erbarmte, mir das Wort "Baustelle" zuzuflüstern, begriff ich die Situation, bedankte mich brav, gab meiner Hündin das Kommando zum überqueren der Straße und lief auf der anderen Seite weiter, wo ich sowieso mittelfristig hin wollte. 

Das Beispiel der alten Dame, der hilfsbereite Menschen gegen ihren erklärten Willen über die Straße "helfen", ist klassisch. Ähnliches passiert aber auch im echten Leben. Ein blinder Bekannter erzählte mir von einem Bushaltestellenerlebnis, wie ich es auch schon oft hatte, allerdings mit weniger ärgerlichem Ausgang. Er stand wartend an der Haltestelle, ein Bus fuhr ein und er wollte fragen, welche Linie es war. Anstatt einer Antwort packten ihn, den keine 1,70m großen, eher schmächtigen Mann, zwei starke Hände und schoben ihn einfach in den Bus, der seinerseits nicht lange fackelte sondern sofort losfuhr. Leider war es die falsche Linie. In solchen Momenten bin ich immer froh, dass Menschen sich wegen meiner Hündin von mir tendenziell doch ein bisschen mehr fernhalten und dass wir beide zusammen nicht mal eben so in einen Bus oder sonstwohin gehieft werden können.

Ein weiterer nett gemeinter aber völlig kontraproduktiver Hilfsversuch ist das Türen aufhalten. Wenn es mit Ankündigung passiert, ist es tatsächlich manchmal hilfreich, wenn auch eigentlich unnötig und zumindest für meine Hündin dennoch verwirrend. Wenn aber einfach kommentarlos jemand die Tür öffnet, hat der blinde Mensch vor der Tür ein Problem. Die Tür ist plötzlich nicht mehr da. Mit dem Langstock ist nichts zu ertasten, außerdem sieht das Gesuche und Gestocher nach kurzer Zeit ziemlich dämlich aus. Und auch ein Blindenführhund kann eine offene Tür mit einem Menschen davor oft nicht als solche erkennen, weil der Mensch schlicht im Weg steht und die Tür für den Hund nicht mehr wie eine Tür aussieht.

Was ich mit all diesen Beispielen ausdrücken will, ist, wie gesagt, eigentlich eine allgemeingültige Selbstverständlichkeit. Helfen ist toll, aber es ergibt nur Sinn, wenn die Hilfe erwünscht und für die Empfängerin oder den Empfänger verständlich ist. Das bedeutet, mensch sollte erstens immer fragen, ob jemand überhaupt Hilfe braucht oder möchte. Vielleicht ist der Führhund gerade im Training und jeder Eingriff von Außen stört den Lernerfolg. Ganz generell greift mensch eh niemals einfach so ein, wenn ein Mensch mit Führhund mitten in der Führarbeit steckt, da das sowohl den Hund als auch den Menschen viel zu sehr ablenkt und zu gefährlichen Fehlern führen kann. Vielleicht ist es einer Person aber auch einfach nur viel lieber, alleine zurechtzukommen, auch wenn das zwei Minuten länger dauert. Vielleicht will die Person gar nicht da hin, wo die hilfswillige Person denkt, dass sie hin wollen könnte. Vielleicht ist die herumstehende Person gar nicht planlos und desorientiert sondern wartet auf jemanden. All das findet mensch nur heraus, indem mensch fragt. Durch die Frage, ob jemand Hilfe braucht, weiß diese*r Jemand dann auch gleich, dass sie oder er die Aufmerksamkeit einer hilfswilligen Person erregt hat und dass dementsprechende Dinge passieren können.

Zweitens ist es wichtig, die Situation zu beschreiben. Wie im Baustellenbeispiel klar wurde, kann eine blinde Person sich nichts aus dem visuellen Kontext erschließen, weil sie diesen Kontext einfach nicht hat. Die sehenden Menschen müssen beschreiben, wie die Umgebung aussieht, was sich verändert hat und evtl. ihre Hilfe erforderlich macht. Nur, wenn ein blinder Mensch das weiß, kann er entscheiden, ob und wie er Hilfe in Anspruch nehmen will. Außerdem kann der blinde Mensch viel selbstständiger handeln, wenn er die Umgebungsbedingungen kennt. Eine Beschreibung ist daher oft die viel effektivere Hilfe als das einfache Vorbeischieben an einer Baustelle oder einem anderen Hindernis. Dann ist es Hilfe zur Selbsthilfe, denn der blinde Mensch wird an dieser Stelle beim nächsten Mal auch alleine klarkommen.

Hilfe anzubieten ist super, aber Hilfe aufzudrängen ist bevormundend, übergriffig und manchmal sogar gefährlich. Einfach ohne Vorwarnung angefasst zu werden, wird von blinden genau wie von sehenden Menschen in der Regel als indiskret und aufdringlich empfunden. Bei einer blinden Person, die aus vollständig heiterem Himmel plötzlich eine Hand am Arm oder sonstwo spürt, kann das aber auch einen sehr heftigen Schreck auslösen. Mein oben erwähnter Bekannter sagt in solchen Momenten gerne "Irgendwann bekomme ich mal einen Herzinfarkt". Für eine kleine, leicht angreifbare Person wie mich selbst ist die plötzliche Berührung einer fremden Person mit Ängsten vor einem Raubüberfall oder einem körperlichen Angriff verknüpft. Wenn meine Impulskontrolle also mal nicht so gut ist wie im Normalfall, kann es durchaus passieren, dass ich einer wohlmeinend helfen wollenden Person einfach eine runterhaue, weil ich denke, jemand will mir etwas zu Leide tun. Viel extremer wird es, sobald Traumata ins Spiel kommen. Ein blinder Mensch mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) wird durch eine unerwartete Berührung vielleicht so sehr getriggert und in Panik versetzt, dass sie oder er körperlich völlig ausrastet. Dann kann das Gegenüber seine guten Absichten zusammen mit den ausgeschlagenen Zähnen hinterher im Rinnstein aufsammeln.

Für alle Beteiligten ist es also die mit Abstand beste Lösung, miteinander zu sprechen. Das Gilt für Hilfsangebote genau wie für Fragen, die mensch jemandem stellen will, und die vielleicht indiskret sein könnten. Wenn mensch eine Person mit Behinderung etwas zu ihrer Behinderung fragen will, eine offensichtlich schwangere Frau auf ihren Babybauch ansprechen möchte oder ganz egal welche privaten und vielleicht zu intimen Themen anschneidet, ist vorher fragen absolute Menschenpflicht. Wenn jemand keine Hilfe möchte oder bestimmte Fragen nicht beantworten will, muss das dann eben auch akzeptiert werden. Einvernehmlichkeit kann nur durch Reden hergestellt werden, und das geht bei blinden Menschen nur verbal, nicht mit Händen und Füßen, nicht mit Mimik oder Gebärden. Umgekehrt geht es bei gehörlosen Menschen dann eben nur körpersprachlich oder durch sehr deutliches Sprechen und Blickkontakt, damit die Person zumindest von den Lippen lesen kann. Kommunikation ist alles, möglichst offen und unverkrampft.

Lea am 25.2.17 14:25

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