Wie sollten Lehrer Inklusion vermitteln?

Letzten Freitag besuchte ich zusammen mit einer gehörlosen Studentin und einem blinden Kollegen aus dem GIPS-Projekt zur Abwechslung mal keine Schulklasse. Eine Dozentin hatte uns in eine Vorlesung für Leramtsstudierende eingeladen, damit wir dort von Erfahrungen berichten, Fragen beantworten und für Inklusion werben. Es kam unter Anderem die Frage auf, wie die angehenden Lehrer*innen am Besten die Behinderungen und besonderen Bedürfnisse ihrer Inklusionsschüler*innen für den Rest der Klasse thematisieren können. Allen war klar, dass Stigmatisierung vermieden werden muss. Eine Behinderung darf niemals als das einzige und hervorstechendste Merkmal einer Person in den Vordergrund gestellt werden, sonst wird die Person schnell in der Wahrnehmung Anderer auf diese eine Eigenschaft reduziert. Genauso darf sie aber auch nicht krampfhaft verschwiegen werden, denn durch solche Unsicherheiten und Redeverbote entstehen erst die fatalen Berührungsängste und Barrieren in den Köpfen, gegen die so viele Menschen einen so harten Kampf führen müssen.

Mein Rat an die Studentin, die als erstes diese Frage aufwarf, war einfach. Ich bin der Meinung, dass die Schüler*innen - wie alle Menschen - selbst immer am besten wissen, was sie wie thematisieren wollen. Es macht also in jedem Fall Sinn, sowohl die Kinder mit Behinderungen als auch die übrige Klasse einfach zu fragen, was sie in welcher Weise besprechen möchten. Wenn ein Kind mit Behinderung lieber nicht vor der ganzen Klasse seine Behinderung diskutieren will sondern den Mitschüler*innen eher im direkten Gespräch außerhalb des Unterrichts Fragen beantworten und seine Welt vermitteln möchte, ist das vollkommen ok. Wenn Unsicherheiten und Unklarheiten entstehen, sollte ein*e Lehrer*in erklärend und moderierend eingreifen, aber niemals gegen den Willen der eigentlich betroffenen Personen oder über ihre Köpfe hinweg. Auch junge Schüler*innen sind die einzigen und wahren Expert*innen für ihre eigenen Belange. Also kommt es ausschließlich auf ihre Wünsche an.

Aus der Diskussion ergaben sich aber viel weitergehende und spannendere Gedanken. Klar, Inklusion bedeutet, dass Unterschiede normal sind. Wenn es darum geht, Kindern eine Behinderung zu erklären, ist mensch eigentlich schon viel zu sehr beim Einzelfall. Viel wichtiger, eindrücklicher und zugleich weniger stigmatisierend ist es, Vielfalt zu besprechen. Jedes Kind in einer Klasse hat irgendwelche Eigenschaften, die für die anderen ungewöhnlich sind und mit denen sie vielleicht nicht selbstverständlich umgehen können. Das eine Kind hat einen Migrationshintergrund, das nächste hat eine andere Religion als die Mehrheit, das dritte ist ständig hibbelig, das vierte wird schnell aggressiv, das fünfte kann schlecht sehen und das sechste kann seine Beine nicht bewegen. Dann gibt es vielleicht auch noch Kinder mit roten Haaren, Übergewicht, einem empfindlichen Geruchssinn oder Heuschnupfen - wer weiß? Über all das kann mensch reden, im Sinne von "Wie gehen wir gemeinsam mit unserer Vielfalt um?". Die einzelnen Kinder mit ihren Eigenschaften stehen dabei nicht als Problemfälle sondern höchstens als Beispiele im Raum. Die Diskussion in der Klasse fokussiert sich auf das möglichst reibungslose, faire und rücksichtsvolle Zusammenleben aller Schüler*innen mit ihren Besonderheiten und Macken. Kein Kind wird dabei mehr in den Mittelpunkt gestellt als ein anderes, weil jedes Kind Besonderheiten und Herausforderungen hat, die wiederum beispielhaft für alle Besonderheiten und Herausforderungen in der gesamten Gesellschaft stehen.

So lernt jedes Kind, dass Bedürfnisse, Fähigkeiten und Wünsche unterschiedlich sind und dass es wichtig ist, auf die Anderen Acht zu geben. Sie lernen, Rücksicht zu nehmen, nicht indiskret oder destruktiv zu sein und sich gegenseitig zu respektieren. Das bedeutet, nicht den Langstock der blinden Mitschülerin zu verstecken, nicht am Kopftuch der muslimischen Mitschülerin zu ziehen, nicht die Jacke oder Schultasche auf den gerade unbenutzten Rollstuhl zu werfen und mit dem aggressiven Mitschüler etwas geduldiger umzugehen. Kinder bekommen ständig so viele Regeln erklärt und vermittelt. Bitte und danke sagen, Müll wegräumen, nach dem Gang zum Klo die Hände waschen, am Ende des Unterrichtstags die Stühle auf die Tische stellen und was nicht noch alles. Wieso werden Kindern nicht viel mehr Grundregeln des Zusammenlebens vermittelt? Diese würden in einem Rutsch die Empathie untereinander steigern und den Umgang mit allen aus der Reihe tanzenden Sonderfällen erleichtern. Allein das Bewusstsein, dass jeder einzelne Mensch für sich aus verschiedensten Gründen ein aus der Reihe tanzender Sonderfall ist, wäre ein enormer Gewinn. Es sind ja nicht nur die offensichtlichen Behinderungen, Migrationshintergründe, Körperformen oder Verhaltensweisen sondern es gibt auch viel hintergründigere Dinge. Vielleicht hat ein Kind einen sehr weiten Schulweg, kommt aus einer armen Familie, hat schwer kranke, enge Angehörige oder hat selbst eine Erkrankung oder ein Trauma, die mensch ihm nicht anmerkt. All diese Dinge können abweichendes Verhalten oder unerwartete Ereignisse hervorrufen und machen Menschen aufgrund ihrer ganz privaten Konstitution zu Sonderfällen - das gilt uneingeschränkt für Alle.

Dieses Bewusstsein so früh wie möglich zu vermitteln und Kindern klar zu machen, dass es niemals homogene Gruppen sondern immer und überall eine ziemlich bunte Vielfalt gibt, ist die eigentliche Kernidee und -aufgabe der schulischen Inklusion. So schwierig das Ganze oft technisch, organisatorisch und personell umzusetzen ist, so simpel ist die soziale Seite. Und sie hilft bei Weitem nicht nur den Kindern mit Behinderung sondern sie führt unter allen Kindern zu einem viel aufmerksameren, offeneren und unvoreingenommeneren Umgang.

Ich selbst habe zu meiner Schulzeit in der Integration das Gegenteil erlebt, nämlich immer wieder als angeblich einziger Sonderfall in einer ansonsten homogenen Klasse gegen meinen Willen in den Mittelpunkt gezerrt zu werden. Das erzeugt Gräben, Missverständnisse, Abgrenzung und Ablehnung. Jedes Inklusionskind, dem dieser Weg erspart und ein positiver Umgang mit Vielfalt vermittelt werden kann, ist ein*e Botschafter*in der Inklusion aus Überzeugung und Erfahrung. Ich bin es auch aus Erfahrung, aber aus einer viel negativeren - ich weiß sehr genau, wie es nicht geht.

Lea am 24.2.17 18:46

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