Wer gilt eigentlich als behindert?

Was ist eigentlich Behinderung? Wer oder was behindert wen und warum? Da stellenmer uns mal janz dumm: Die 2009 von Deutschland ratifizierte UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN-BRK) definiert in Artikel 1 Absatz 1 alle Menschen als behindert, "die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit verschiedenen (einstellungs- und umweltbedingten) Barrieren am vollen und gleichberechtigten Gebrauch ihrer fundamentalen Rechte hindern". Es geht also nicht nur um die dauerhaften Beeinträchtigungen an sich sondern viel mehr um deren Auswirkungen auf Teilhabe und Selbstbestimmung - die fundamentale Wahrnehmung von (Menschen-)Rechten. Behindernd sind nach dieser Definition nicht die körperlichen, geistigen, psychischen oder sensorischen Einschränkungen einer Person, sondern die einstellungs- und umweltbedingtenBarrieren, auf die sie durch ihre Einschränkungen stößt. Barrieren in den Köpfen sind hier genauso gemeint wie bauliche oder informationelle Barrieren, also Vorurteile und Diskriminierung genauso wie Treppenstufen, zu klein gedruckter Text oder eine nicht vorhandene Gebärdensprachübersetzung.

Die deutsche Gesetzgebung ist etwas knapper und weniger fortschrittlich. Das Sozialgesetzbuch IX, § 2 Abs. 1 sagt "Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist". Auch hier geht es um Teilhabe und deren Beeinträchtigung, aber diese wird ausschließlich auf die körperlichen, geistigen oder psychischen Einschränkungen einer Person zurückgeführt. Sinnesbehinderungen werden nichtmal explizit erwähnt sondern vermutlich stillschweigend unter die körperlichen Einschränkungen subsummiert. Dass die Teilhabe und Selbstbestimmung behinderter Menschen durch äußere Bedingungen in der Umwelt und den Köpfen anderer Menschen erschwert wird und gar nicht durch die körperliche, sensorische, geistige oder psychische Konstitution selbst, fällt unter den Tisch. Die Definition lehnt sich eng an das medizinische Modell von Behinderung an, nach dem es sich bei jeder Art von Einschränkung um eine zumindest potentiell heil- oder kompensierbare Krankheit handelt. Heilung oder Kompensation sind ausschließlich Sache der behinderten Person und ggf. ihrer Ärzt*innen. Dass andere Menschen und die Umwelt als solche einen Unterschied machen könnten, kommt in dem Konzept nicht vor.

Die UN-BRK mit ihrem Bezug auf einstellungs- und umweltbedingte Barrieren folgt dem sozialen Modell von Behinderung. Hiernach handelt es sich eben nicht um eine quasi innerhalb der behinderten Person stattfindende Problematik sondern es werden äußere, soziale Faktoren anerkannt. So ist auch gar nicht mehr die Frage, ob die Beeinträchtigungen heilbar sind oder wie die behinderte Person selbst sie am Besten kompensieren kann. Die Umwelt und das soziale Umfeld werden mit in die Verantwortung genommen, denn in Wirklichkeit sind sie die behindernden Elemente.

Stellen wir uns nun weiterhin ein bisschen dumm, oder vielleicht auch gerade nicht: Jeder einzelne Mensch hat tausende körperliche, sensorische,
geistige oder psychische Besonderheiten. Damit wird das soziale Behinderungsmodell zur umfassenden Gesellschaftsbeschreibung.
Jemand, die oder der eine Brille trägt, weil sie oder er ein paar Dioptrien zu viel in der einen oder anderen Richtung hat, gilt nicht als behindert. Das ist bei Sehbehinderungen erst ab einer Sehkraft von 30% der Fall - so wenig sieht mensch nicht nur wegen einer einfachen Kurz- oder Weitsichtigkeit. Analphabetismus gilt in Deutschland gar nicht als Behinderung, obwohl es eine meist wesentlich länger als sechs Monate andauernde, deutliche Abweichung vom alterstypischen Zustand ist, wenn ein erwachsener Mensch nicht lesen und schreiben kann. Einen Kinderwagen oder schweres Gepäck bei sich zu haben, würde vermutlich auch kaum jemand als Behinderung anerkennen, obwohl beides massiv das Vorankommen behindert, wenn mensch eine Treppe oder eine zu schmale Tür vor sich hat. Und ist ein*e nicht-deutsche Muttersprachler*in in Deutschland behindert? Oder ein*e Fahrradfahrer*in im dichten Autoverkehr? Oder ein*e Hundehalter*in auf Wohnungssuche? Oder ein*e Veganer*in im gut bürgerlichen Restaurant?

Ja, nach der sozialen Definition von Behinderung sind alle diese Personen behindert, denn Umweltbedingungen oder Einstellungen anderer Menschen in Bezug auf eine ihrer Eigenschaften behindern sie massiv in ihrer Entfaltung und der Wahrnehmung ihrer Rechte. Die fremdsprachige Person in einer rein deutschsprachigen Umgebung wird durch die Sprachbarriere in ihrer Kommunikation behindert, weil sie sich nicht so ausdrücken kann, wie sie gerne möchte, und weil ihr Gegenüber möglicherweise Vorurteile gegen schlecht Deutsch sprechende Personen hat. Ein Mensch, der auf dem Fahrrad durch eine mit Autos verstopfte Innenstadt fahren will, wird durch die Autos in seiner Bewegungsfreiheit und faktisch auch in seiner körperlichen Sicherheit behindert und gefährdet. Der Mensch mit Hund wird durch die Ablehnung seines Haustiers seitens potentieller Vermieter*innen in seiner Suche nach einem Dach über dem Kopf behindert, genau wie der Mensch in seiner Teilhabe an einer Feier oder einem Geschäftsessen behindert wird, der sich aaus welchen Gründen auch immer an bestimmte Ernährungsvorschriften halten muss oder will und kein einziges passendes Gericht auf der Speisekarte findet.

Was will uns nun aber diese Werbesendung sagen? Ganz einfach: Wir werden bzw. sind alle irgendwie durch irgendwas behindert. Bei manchen Menschen bezeichnen wir es mit diesem Begriff, bei anderen nicht. Die Art, Schwere und gefühlte Beeinträchtigung hat aber überhaupt nichts damit zu tun, ob eine bestimmte Bedingung als Behinderung bezeichnet wird oder nicht.

Und, viel wichtiger und netter: Dadurch, dass wir alle behindert sind, wird Inklusion auf einen Schlag sehr einfach. Inklusion betrifft uns alle, weil wir vielfältig unterschiedlich sind und jeder einzelne Mensch mit all seinen Eigenschaften in die gesamte Gesellschaft inkludiert wird. Wieso haben wir damit bei den Menschen, bei denen wir eine einzige Eigenschaft Behinderung nennen, mehr Probleme als bei den anderen?

 

Quellen: 

https://de.wikipedia.org/wiki/Behinderung#Aktuelle_sozialrechtliche_Definition_in_Deutschland

org/wiki/Behinderung#Aktuelle_sozialrechtliche_Definition_in_Deutschland
https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cbereinkommen_%C3%BCber_die_Rechte_von_Menschen_mit_Behinderungen

Lea am 24.2.17 18:38

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