Die MATSE-Ausbildung - Vor- und Nachteile im Check

Hi,

 

nicht nur Carina hat Praktika hinter sich. In den Herbstferien 2016 habe ich ein Praktikum gemacht - der Praktikumsbetrieb war jedoch die RWTH Aachen - genauer: Das IT-Center der Uni. Vorab muss man sagen, dass ich schon seit einer Weile an einem Informatikstudium interessiert bin. Als im Informatikunterricht unterschiedliche Projekte in diversen Betrieben zum Thema Informatik vorgestellt wurden, äußerte ich dementsprechend mein Interesse. Ich ließ anfragen, ob sich einer der Betriebe den Umgang mit einem Blinden vorstellen könne. Die HWTH schien interessiert. So kam es, dass ich zu einem Vorstellungsgespräch ins IT-Center eingeladen wurde.

 

Zwar wurde mir von der Teilnahme am Projekt letztlich abgeraten; stattdessen bot man mir jedoch ein Praktikum im IT-Center an - um das Uni-Leben in Aachen schon mal testen zu können. Die RWTH war mir bis dato als NoGo-Uni für Blinde beschrieben worden - ihr Campus sei zu groß und unübersichtlich und sie hätten dort keinerlei Erfahrung mit Blinden/Taubblinden. Wenn es um Informatik ging, wurde vornehmlich auf die TU Dortmund sowie die Uni Karlsruhe verwiesen, welche beide entweder Studiengänge speziell für Blinde oder guten Integrationsservice für Blinde anbieten. Wie ich beim Praktikum jedoch feststellte, ging es bei dem Studiengang, den ich im Praktikum testete, gar nicht um das "normale" Informatikstudium, sondern um ein duales Studium - die MATSE-Ausbildung. Ein MATSE ist ein mathematisch-technischer Softwareentwickler. Beim dualen Studium ist man den Großteil der Woche in einem Ausbildungsbetrieb, wo man durch einen Tutor zum Softwareentwickler ausgebildet wird. Gleichzeitig absolviert man im IT-Center seinen Bachelor in Informatik (einen Master kann man ggf. an einer anderen Uni bzw. am eigentlichen Campus der RWTH machen, sofern man dies will).

 

Genug der Einführung - was sind konkret die Vor- und Nachteile eines solchen dualen Studiums?

 

Nachteile:

- Soweit ich dies in Erfahrung bringen konnte, gibt es in Deutschland kein IT-Center an einer Uni, wo man duale Studien explizit für Blinde anbietet (ich erhebe in diesem Punkt keinen Anspruch auf absolute Richtigkeit - man lernt nie aus). Zumindest hat man im IT-Center Aachen ebenso wenig Erfahrung mit Blinden oder gar Taubblinden wie am restlichen Aachener Campus. Behinderte Studenten und Dozenten sind jedoch vorhanden.

- Es ist nicht einfach, einen Studienplatz zu kriegen: Die Teilnehmeranzahl pro Semester ist ziemlich begrenzt, die Anforderungen an die Bewerber dementsprechend nicht zu unterschätzen. (Falls benötigt kann man aber sicherlich einen Nachteilsausgleich beantragen).

- Sämtliche Materialien fürs Studium müssen erst angefertigt oder von anderer Stelle bezogen werden - hier ist eine gute Rücksprache mit den Dozenten wichtig.

- Man hat weniger Freizeit als bei einem "normalen" Informatikstudiengang, da man eine feste Stundenanzahl in seinem Ausbildungsbetrieb arbeiten muss.

 

Neutral:

- ein duales Studium ist deutlich zielgerichteter als ein normales Studium, da man zumindest bei seinem Ausbildungsbetrieb immer erscheinen muss. Man könnte somit unter Zeitdruck geraten. Auf der anderen Seite kann ein solcher fester Arbeitsplan einem auch seine Motivation und Zielstrebigkeit bewahren.

 

Vorteile:

- Eine begrenzte Anzahl an Studenten kann auch das IT-Center selbst als Ausbildungsbetrieb erhalten, diese müssten dann nicht zwischen einem Ausbildungsbetrieb und dem IT-Center pendeln - sämtliche Vorlesungen sind im IT-Center, somit muss man nicht zwischen unterschiedlichen Gebäuden wechseln, um von Vorlesung zu Vorlesung zu kommen.

- Für die Arbeit im Ausbildungsbetrieb erhält man Lohn, mit dem man die Kosten seines Privatlebens schon decken kann - man ist also nicht oder weniger abhängig von der Hilfe der Eltern und muss keinen Nebenjob annehmen (welcher auch Freizeit verschlingen würde - siehe Nachteilpunkt 4).

- Man hat einen Tutor, welcher sowohl Ausbilder im Ausbildungsbetrieb alsauch Dozent an der Uni ist und somit ein etwas engeres Verhältnis zum Studenten hat - was die Kommunikation mit den Dozenten erleichtert (nützlich bei Beschaffung von Materialien etc.).

- Durch die geringere Studentenanzahl kennt man die Dozenten generell besser, man droht nicht so sehr in der Menge unter zu gehen wie an einer großen Universität.

- Zudem sind die Berufsaussichten von MATSEs (noch) ziemlich gesichert.

 

Hinzu kommen natürlich immer noch einige persönliche Vor- und Nachteile. Diese habe ich hier bewusst ausgeklammert. Was ergibt sich konkret aus diesem Check? Als Fazit stelle ich fest, dass zumindest das IT-Center mit dem dualen Studium eine alternative zu Dortmund/Karlsruhe abgibt, falls man als Blinder/Taubblinder Informatik studieren will. Klar werden sich Probleme ergeben, die ich hier noch nicht voraussehen kann. Aber wer suchet der findet - dies gilt auch für Lösungen zu Problemen.

 

PS. Der konkrete Inhalt des Praktikums ist eher nur für mich von Interesse... Nur so viel: Es war toll!

 

PPS. Tut mir leid, mein Handy hat aus einem mir nicht begreiflichen Grund die stellen, wo ich Leerzeilen eingefügt habe, ignoriert...

 

Bis zum nächsten Beitrag!

LG, Tim

Tim B. am 28.1.17 00:37

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