Wie meine Schriftdolmetscher meinen Schulalltag retten

Huhu,

 

es wird Zeit, euch über meine Schriftdolmetscher zu berichten. Diese sind nämlich ein ganz wesentlicher, wenn nicht sogar der wesentlichste Bestandteil meines Schullebens. Ohne sie liefe mittlerweile nichts mehr in der Schule. Zwar benutze ich die

FM-Anlage

auch im Unterricht, leider reicht dies seit Ende der 7. Klasse aber nicht mehr aus, ich höre einfach zu schlecht. (Mittlerweile bin ich in der 11.) Wenn ich nur die FM-Anlage nutzen würde, würde ich vermutlich nur 20-30% dessen, was im Unterricht abläuft, verstehen - und das auch nur so lange, wie ich mich gut konzentrieren kann (was nicht sehr lange ist - bei extremer Belastung meines Gehörs werde ich nach 1-2 Stunden sehr müde). Ihr seht: Das reicht nicht, um auf einem Gymnasium erfolgreich zu sein.

 

daher wurde mir Anfang der 8. nahegelegt, den Unterricht mit Schriftdolmetschern zu absolvieren. Schriftdolmetscher sind Personen, welche, so ähnlich wie "normale" Dolmetscher, übersetzen - jedoch nicht von einer Sprache in eine andere, sondern von Sprache zu Text. Im Unterricht sitzen also immer zwei Dolmetscher neben mir, welche alles, was gesagt wird, ganz schnell auf einer externen Tastatur aufschreiben, sodass ich es in einem Worddokument lesen kann. Dies ist natürlich auch Anstrengend - aber bei weitem nicht so anstrengend, wie nur die FM-Anlage zu benutzen. Man muss allerdings auch dazu sagen, dass ich ein sehr schneller Leser bin und von jeher ans Lesen gewöhnt bin. Schrift stellt mittlerweile meine wichtigste Kommunikationsmöglichkeit dar.

Um schnell genug schreiben zu können, benutzen meine Schriftdolmetscher für lange bzw. komplizierte Wörter Kürzel, welche sie in die Word-Wörterbücher eintragen. So wird fk zu Funktion, fkt zu funktioniert, fkn zu funktionieren…

Die Dolmetscher wechseln sich alle 20-30 Minuten ab, denn auch das Dolmetschen ist anstrengend, besonders dann, wenn es laut ist. Normalerweise würden die SD in einem Programm schreiben, welches im Browser läuft und mir den auf ihrem PC geschriebenen Text in einem seperaten Fenster einblendet. Dieses Programm ist, wenn man Jaws und ein Zusatzprogramm namens "Tandem" installiert, zwar barrierefrei, da unser Internet in der Schule aber extrem langsam ist, funktioniert dies so nicht - ein einzelner satz braucht 15 Sekunden, um geladen zu werden. Deshalb schreiben meine Dolmetscher in einem Worddokument auf meinem PC. Nachteil: Während ich Aufgaben bearbeite, kriege ich nicht mit, was um mich herum passiert und von der Tafel abzuschreiben ist während des Unterrichts knifflig. Dies übernehmen meine SD für mich und ich kopiere zuhause dann die Tafelanschriebe in meine Heft-Dateien.

Dank meiner SD und ihrer einfühlsamen und individuellen Hilfe (sie sind stets bemüht, ihre Arbeit an meine Bedürfnisse anzupassen), kann ich mein Potential voll ausschöpfen und bin ein guter Schüler. Ohne sie wäre vieles schwierig oder sogar unmöglich: Ich musste Französisch abwählen, da es keine Schriftdolmetscher für Französisch gibt und ich nicht mehr gut genug hörte, um den Unterricht zu verstehen. Dies wäre mir in vielen Fächern so gegangen, wenn ich keine SD gehabt hätte. Bezahlt werden diese übrigens von der Stadt, da klar ist, dass ich ohne sie meinen Schulalltag nicht meistern könnte.

 

Nun genug zum geschäftlichen Teil: Auch als Menschen unterstützt mich das Dolmetscherteam. So kann ich, wenn ich gerade nichts zu tun habe, mit ihnen "quatschen", d.h. wir schreiben uns gegenseitig nicht unterrichtsbezogene Dinge. Auch Unterhaltung mit anderen geht so: Ich rede und meine Dolmetscher schreiben die Antworten meiner Mitschüler. Zudem schildern sie mir, was in der Klasse so abläuft und werden somit nicht nur zu meinen Ohren, sondern auch zu meinen Augen. Selbst bei Fußballspielen des 1. FC Köln fungierten sie bereits als meine Kommentatoren - erfolgreich. Unterm Strich bin ich froh, dass ich sie habe, denn sie sind für mich echt ein Grund, mich auf die Schule zu freuen, wenn ich morgens vom Wecker geweckt werde (und jeder braucht einen solchen Grund).

 

Natürlich sind Schriftdolmetscher eher für schwerhörige oder taube Menschen üblich, doch wenn man fix genug an der Braillezeile ist, sind sie auch und vorallem eine große Hilfe für Taubblinde.

 

Noch ein persönliches Wort an mein Dolmi-Team: DANKE für alles!

 

Fragen zu den SD könnt ihr entweder in den Kommentaren stellen oder ihr informiert euch

hier

.

 

Bis zum nächsten Beitrag und danke für euer Interesse!

 

LG,

Tim B.

Tim B. am 9.1.17 19:12

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bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Sandra (17.1.17 11:43)
Hallo Tim,

vielen Dank für Deinen interessanten Bericht. Ich bin selber blind und mache zurzeit eine Ausbildung zur Schriftdolmetscherin. Mich würde interessieren, ob Du den Text Deiner Schriftdolmetscher in Computerbraille oder in Kurzschrift liest.


Tim B. / Website (17.1.17 19:25)
Hi,

Computerbraille - die Übersetzung in Kurzschrift läuft unter Jaws meines Erachtens nicht immer zuverlässig. Bei weiteren fragen kannst du/können Sie mich gerne über die verlinkte E-Mailadresse kontaktieren.

LG,
Tim B. Von anders-und-doch-gleich.


Mario / Website (3.4.17 18:41)
Hey Tim,

endlich ist es mal an der Zeit auch im Namen all Deiner ganzen Dolmetscher DANKE zu sagen! Danke für jede tolle Stunde im Unterricht! Danke für jede witzige Minute! Und natürlich auch danke für diesen tollen Beitrag! Ich für meinen Teil freu mich schon tierisch auf morgen, da macht das 4:30 Uhr Aufstehen doch gar nichts mehr aus!

LG,
Mario und alle Schriftdolmetscher NRWs


Jürg A. (16.8.17 12:40)
Danke für den interessanten Artikel. Ich selber bin Schreibhilfe für hörseh- behinderte und taubblinde Menschen in der Schweiz. Ich nenne mich nicht Schriftdolmetscher, denn das ist ein Beruf mit einer Ausbildung. Die Dolmetscher schreiben so schnell, dass mir davon schwindlig wird . Leider kann ich nur auf Deutsch mit einem akzeptablen Tempo schreiben, sobald ich auf Französisch, Englisch oder Spanisch schreibe, werde ich massiv langsamer.

Ich habe eine Klienten, die selber gut Französisch und Englisch kann. Sie liest alles in Brailler-Vollschrift. Ein Umsetzungsprogramm in Kurzschrift wäre eine Verzögerung.

Wichtig scheint mir eine hohe Fehlertoleranz. Besser Fehler als zu langsam schreiben.

Ich wünsch dir viel Glück und Erflg mit deinen Schreibdolmetschern.

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