Klettern - ein ziemlich steiles Hobby

Jeden zweiten Samstag verliere ich die Bodenhaftung. Nein, ich werde nicht arrogant (das bin ich sowieso und standardmäßig ^^), sondern ich gehe klettern. Seit nunmehr 3 Jahren bin ich Mitglied einer integrativen Klettergruppe in Aachen und Mitglied des DAV Aachen. Wie ich bereits im Artikel über

Ju-Jutsu

schrieb, hatte ich mal ein ziemliches physisches Formtief und suchte nach neuen Hobbys, die man auch ohne Ohren gut machen kann - und die nach Möglichkeit keine zu hohen Ansprüche an mein Gleichgewicht stellten. Ich hatte klettern schon immer sehr gemocht, daher war der Schritt zur Kletterhalle nicht besonders weit. Hinzu kommt, dass es kaum einen Sport gibt, der den gesamte Körper so nachhaltig trainiert wie Klettern (wenngleich ich auch ein großer Fan von Ausdauerschwimmen für solche Zwecke bin).

 

Zunächst kletterte ich lediglich mit meinen Eltern, welche mir natürlich keine so professionelle Hilfe geben konnten. Ich war früher schon stolz, wenn ich vier bis acht Meter schaffte. Dann wurde meine Mutter auf ein Angebot des JDAV aufmerksam - eine integrative Klettergruppe.

 

Und so kam es, dass ich bald darauf nicht mehr von meinen Eltern, sondern Gleichaltrigen gesichert wurde. Ich war und bin allerdings der einzige Blinde in der Gruppe - die meisten Mitglieder haben z.B. Schwierigkeiten sich zu konzentrieren. Allerdings gibt es auch ein Mädchen, welches einseitig völlig taub ist, auf dem anderen Ohr aber noch gut hört.

 

Soweit zur Gruppenzusammensetzung. Was machen wir denn in dieser Gruppe? Wir klettern die unterschiedlichsten Wände - es gibt wände, die im stumpfen, rechten oder sogar spitzen Winkel zum Boden verlaufen. Dann gibt es unterschiedliche Griffarten und -Größen, verschiedene Routen für verschiedene Wände usw. usf. Die wände haben Höhen von 4-10 Metern und der Schwierigkeitsgrad ist sehr unterschiedlich. im Grunde wendet man aber immer die gleiche Technik an: Anders, als viele Leute denken, wenn sie von Klettern reden, drückt man sich hoch anstatt sich hochzuziehen. Im Klartext heißt das: Die Kraft, um eine Wand zu meistern, kommt aus den Beinen, nicht aus den Armen (was ja auch irgendwie logisch ist: in den allermeisten Beinen stecken deutlich mehr Muskeln als in den Armen). Man versucht, den Arm, welcher aktuell den höheren Griff hat, gestreckt zu halten. Damit man so hoch wie möglich greifen kann, dreht man sich ein: Man dreht sich mit der Körperseite zur Wand, dadurch wird der Winkel, in welchem sich der arm zur Wand befindet, flacher und man kommt mit der Hand höher (jeder, der sich noch an den Satz des Pythagoras erinnert, weiß auch warum ). Das Bein, welches man höher setzen möchte, wird so weit wie möglich von jeglichem Gewicht befreit, der Schwerpunkt wird also völlig auf das andere Bein verlagert. Bei den beinen gilt, anders als bei den Armen, dass große Schritte nicht so clever sind, weil sie viel Kraft brauchen - auf Höhe seiner Hüfte auf einen Tritt zu treten ist nicht besonders clever, wenn man auch auf einer niedrigeren Position eine geeignete Alternative hat. Wenn man eine neue Position für den Fuß gefunden hat, kommt der magische Satz: "drück dich hoch! Mach dich lang!" - das Bein sollte nach Möglichkeit völlig gestreckt werden, damit man möglichst weit hoch kommt. Ach ja: Falls es mal auf einer Seite keine Griffe oder Tritte gibt, kann es sinnvoll sein, einen Griff- oder Trittwechsel zu machen, sprich den einen Fuß dort hin zu stellen, wo eben der andere war bzw. das gleiche mit der Hand, da es auf einer Seite in Kletterhallen in der Regel immer weiter geht.

 

genug der Theorie: Wie schaffe ich das als gesetzlich Taubblinder? Es gibt wohl irgendeinen coolen, blinden Extremsportler, welcher sich anhand der Luftströmungen am Fels orientieren kann und Rückschlüsse auf die Beschaffenheit der Route schließen kann. ich sags gleich: So gut bin ich nicht! ^^ Ich taste die Wand mit den Händen bzw. mit der Außenseite des Unterschenkels nach griffen bzw. Tritten ab - in immer größer werdenden Viertelkreisen. Klingt kompliziert und kraftraubend? Ist es auch - aber es funktioniert. Zusätzlich bekomme ich über die

FM-Anlage

weitere Anweisungen meiner Klettertrainerin. Allerdings: Wenn ich in der freien Natur, also in Klettergärten etc. klettere, funktioniert dies nicht so gut: Immer wieder blockieren Felsnadeln den Funkkontakt und wenn ich höher als 15 Meter bin, reißt er sogar völlig ab - dann bin ich auf mich allein gestellt. Da ich aber auf 3 Jahre intensive Klettererfahrung zugreifen kann, klappt dies eigentlich noch recht gut. Man muss sich halt Systeme zurechtlegen, wie man Kletterwände am besten meistert - und man braucht viel Wille und Durchhaltevermögen!!

 

Was ich an Klettern besonders toll finde, ist, dass es das Vertrauen zum Sicherer stärkt: Man weiß, dass, wenn der/die Sicherer/in nicht wäre, man leicht zu Tode stürzen könnte. Wenn man mal abrutscht und merkt: Das Seil hält mich - das stärkt das Vertrauen in den Sicherer ungemein. Zudem trainiert Klettern den ganzen Körper: Arme, Beine, Rücken, Bauch (wegen Körperspannung), Brust und Nacken - alles wird intensiv benutzt. Zudem wird auch das Gehirn trainiert, da man sich Strategien überlegen muss und aktiv nach Alternativen für Hände und Füße suchen muss. Ich kann klettern nur wärmstens für jeden empfehlen - es sei denn, man ist nicht schwindelfrei.

 

Habt ihr noch Fragen? Dann hinterlasst sie als Kommentar (oder gebt einfach euren Senf dazu, ist mir auch recht :D ).

 

Bis zum nächsten Beitrag!

 

GLG Tim.

 

PS. Sorry, ich war extrem gestresst und gesundheitlich nicht besonders fit, daher die Lange Stille… -.-

Und obendrein lösche ich dann auch noch versehentlich diesen Post, ich Held ^^

Tim B. am 5.1.17 17:23

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