4. Dezember

Kapitel 4: Das kleine Rehkitz

 

Annika traute ihren Augen nich. Wo um alles in der Welt kam dieses Rehkitz denn her? Und vor allem um diese Zeit? Wurden Rehkitze nicht im Sommer geboren? Hatte das arme Tier etwa seine Mutter verloren? Konnte sie es wohl mit nach Hause nehmen? All diese Fragen gingen ihr durch den Kopf, als sie sich dem Tierchen näherten. „Guckt mal, da liegt ein Rehkitz im Schnee“, bemerkte Annika gerade so, als ob ein Rehkitz im Winter nichts Besonderes wäre. „Du hast Recht. Wo kommt das denn her?“ wollte Tim wissen. „Keine Ahnung“, antwortete ihm Annika. „Wo ist ein Rehkitz?“, schaltete sich die sehr tierliebe Hannah neugierig  ein. Bisher war sie nur mit den anderen mitgegangen und hatte gelangweilt gewirkt, doch plötzlich war sie wieder Feuer und Flamme für alles, was um sie herum geschah.  „Ungefähr fünf Meter von uns entfernt“, erläuterte  Svenja, die wegen dieser tollen Entdeckung sogar ihre Sorge bezüglich der Bescherung kurzzeitig vergessen hatte. Sie kannte Rehkitze nur von Fotos und war ganz aus dem Häuschen darüber, endlich mal eines live und in Farbe zu sehen.  „Können wir es mit nach Hause nehmen oder ist seine Mutter bei ihm?“, wollte Hannah wissen. Alle Beteiligten wussten, dass Hannah alle Tiere liebte. Oft genug war sie mit einem Frosch auf der Hand  herbeigeeilt und hatte mit ihm gespielt. „Ich weiß nicht“, sagte Max, der erst vor kurzem mit seiner Klasse einen Vortrag über Tiere im Winter besucht hatte. „Ach komm schon, Max. Wenn wir das Kleine hier liegen lassen, erfriert es sicher noch oder wird lebendig verschlungen“, argumentierte Hannah. Sie war nämlich nicht nur für ihre Tierliebe, sondern auch für ihr gutes Herz berühmt und berüchtigt. „Warum eigentlich nicht“, meinte Annika. „Es sieht nicht danach aus, als ob es eine Mutter hätte.“ „Also gut. Wie ihr meint. Ich werde mich aber nicht um dieses Tier kümmern“, erklärte Max. Langsam und vorsichtig näherten sich die Kinder dem Kitz. Hannah schlug vor, dass sie einen Kreis um das Reh bilden sollten. Die Kinder stimmten sofort zu und bewegten sich auf das Tierchen zu. Sie gaben sich große Mühe, keine Geräusche zu machen, damit das Rehkitz keine Angst bekam. Als die Kinder den Kreis um das Reh geschlossen hatten, meldete sich Hannah erneut zu Wort: „Jetzt werde ich mich an das Reh heranwagen.“ Gesagt getan. Hannah kroch langsam auf allen Vieren an das Findelkind heran. Jana beleuchtete die gesamte Aktion mit ihrer Laterne. Das Fell des Tierchens war hellbraun mit weißen Flecken. Es schaute die Versammelten mit treuen, freundlichen braunen Augen an. Aber es regte sich nicht. „Ist es… Ist es … tot?“, fragte Svenja erschrocken und wollte erneut mit einem Heulkonzert beginnen, wenn Hannah nicht eingegriffen hätte. „Nein Svenja, es lebt. Es ist noch ganz warm, das spüre ich“, sagte sie. „Du hast es angefasst!“, schrie Max entrüstet. „Weißt du denn nicht, dass seine Mutter es jetzt verstoßen wird!“  Max war die Empörung anzusehen. „Klar, wie hätte ich denn sonst herausfinden sollen, ob es lebt? Ich habe einfach festgestellt, dass das Kitz warm ist und daraus geschlossen, dass es lebt.“ „Jetzt musst du dich um dieses Tier kümmern und nur weil du es angefasst hast! Die Mutter will es jetzt nicht mehr haben, da ihr Kind nach Mensch riecht“, erklärte Max. „Was denkst du, was ich vorhatte!“, brüllte Hannah zurück. „jetzt hört auf zu streiten“, griff endlich Jana ein. Sie mochte es überhaupt nicht, wen sich jemand in ihrer Anwesenheit stritt. Und außerdem fand sie, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für Streitereien war, denn mittlerweile steckten sie schon bis zum Knie im tiefen, kalten Schnee.  Es dauerte nicht lange, bis Max und Hannah wieder versöhnt waren. Trotzdem bestand Max darauf, dass Hannah das Reh tragen sollte, da sie es ja angefasst hatte. Hannah gab ihrerseits zu, dass sie sich ohnehin dazu bereit erklärt hätte, den Tragedienst zu übernehmen. Nur kurze Zeit später lag das niedliche Rehkitz in ihren Armen. „Seht nur, wie zutraulich es sich bei mir einkuschelt  und den Kopf an meiner Wange reibt“, sprach Hannah glücklich. Sie konnte es selbst kaum fassen, dass sie ein Reh auf dem Arm hielt und war total glücklich. Liebevoll strich sie ihm über das weiche Fell und drückte es behutsam an sich.

„Oh ja! Das ist total niedlich“, sagte Svenja. „Kommt jetzt. Wir müssen weiter, ehe wir noch vollkommen  im Schnee versunken sind“, ermahnte Max. Wegen der Sache mit dem Rehkitz hatten die Kinder schon fast den Schneesturm vergessen, der immer noch erbarmungslos durch den Wald tobte. Unterwegs kam Max erneut auf das Kitz zu sprechen: „Das ist ziemlich komisch, dass wir gerade jetzt im Dezember ein mutterloses Rehkitz gefunden haben. Denn diese werden normalerweise schon im Mai oder Juni geboren.“  „Wie viele Monate dauert es denn, bis ein Rehkitz geboren wird?“, fragte Julian interessiert. „Also“, begann Max. „Die Schwangerschaft dauert zehn Monate. Die Schwangerschaft ist die Zeit, während das Lebewesen im Mutterleib gebildet wird. Zwar sollte die Schwangerschaft des Rehs aufgrund seiner Größe nur fünf Monate dauern, aber die befruchtete Eizelle macht eine fünfmonatige Pause, ehe sie mit der Entwicklung beginnt.“  „Ach so, jetzt weiß ich bescheid“, meinte Julian zufrieden. Es begann zu dämmern und Julian und Svenja beschlich erneut die Angst, dass sie nicht rechtzeitig zur Bescherung zu Hause sein würden. Auch Hannah machte sich Sorgen wegen Jessica. Würde sie sich verständlich machen können? Irgendwann hing ein jeder seinen eigenen Gedanken nach.

Carina am 4.12.16 13:26

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