Berufsbilder blinder und sehbehinderter Menschen Teil 6: ein fast blinder Richter erzählt

Hallo,

heute erzählt euch ein fast blinder Richter von seinem Berufsalltag.

Viel Spaß beim Lesen!!!!

 

Alles, was Recht ist (oder die Freude an der Unabhängigkeit)

Von Stefan Niemann

 

Montag, 2. April 2001, 8:00 Uhr:

Ich sitze - bekleidet mit einem dunklen Anzug, weißem Hemd und einer roten Designerkrawatte - in der Straßenbahn und bin auf dem Weg ins Landgericht. Ich bin freudig erregt. Heute ist der Tag der Tage, mein Start ins Berufsleben. Und es ist nicht irgendein Beruf, nein, ich werde als Richter im Landgericht arbeiten. Im Gericht angekommen, bringt mich ein Mitarbeiter der Verwaltung zu einem Sitzungssaal. Dort läuft gerade eine öffentliche Sitzung in einem Zivilrechtsstreit. Die Vorsitzende unterbricht die Sitzung, alle Beteiligten erheben sich, und ich muss meinen Diensteid leisten. Ich bin jetzt doch ziemlich nervös. Aufgrund einer hochgradigen Sehbehinderung bin ich nicht in der Lage, den Eid abzulesen. Deshalb spricht ihn die Vorsitzende Satz für Satz vor, ich spreche ihn nach. Im Anschluss daran wird die Sitzung fortgesetzt, ich gehe in mein Dienstzimmer.

 

Dort angekommen, ist meine anfängliche Euphorie verflogen, erste Selbstzweifel beschleichen mich, war es wirklich eine so gute Idee, sich auf eine Richterstelle zu bewerben? Werde ich den Anforderungen überhaupt gerecht werden können? In meinem Büro liegt ein rund 90 cm hoher Stapel mit Akten. Offenbar wird von mir erwartet, dass ich irgendetwas Zielführendes mit diesen Akten machen soll, nur was und vor allem wie?

 

Mit den Verantwortlichen des Landgerichts hatte ich ca. zwei Monate zuvor besprochen, dass und welche Hilfsmittel ich aufgrund meiner hochgradigen Sehbehinderung benötigen würde, um mir die Akten zugänglich zu machen. Dazu gehörten zuvörderst ein PC mit einem großen Bildschirm, einer Vergrößerungssoftware und vor allem einem Screenreader, also einer Software, die den Bildschirminhalt vorlesen kann, des weiteren ein Scanner, um so mittels einer OCR-Software die Anwaltsschriftsätze einscannen und dann über die Sprachausgabe des PC vorlesen lassen zu können. Außerdem ein sog. Bildschirmlesegerät, mit dessen Hilfe man Texte über eine Kamera und einen Bildschirm extrem stark vergrößern kann. Das Landgericht hatte beim Landeswohlfahrtsverband auch umgehend einen Antrag auf Kostenübernahme gestellt, dieser Antrag ist allerdings noch nicht beschieden, und so sitze ich jetzt in meinem Büro und kann lediglich auf mein privates Bildschirmlesegerät zurückgreifen, das ich - um überhaupt etwas lesen zu können - in mein Dienstzimmer habe bringen lassen. Weil sich mein Sehvermögen allerdings in den letzten drei Jahren nochmals erheblich verschlechtert hat, ist das nur bedingt eine Hilfe, und die Brailleschrift (Blindenschrift) habe ich zwar im letzten Jahr gelernt, ich bin aber viel zu langsam, als dass ich damit beruflich sinnvoll arbeiten könnte. Auch die versprochene Arbeitsassistenz ist noch nicht da, die Anträge beim LWV laufen, immerhin soll sie in zwei Wochen anfangen.

 

So nehme ich jetzt also die oberste Akte vom Stapel, sie besteht aus vier Bänden, die mit einer Art Gürtel zusammengehalten werden. Ich lege den ersten Band unter das Lesegerät und beginne auf Seite 1. Es handelt sich um eine Klage des Inhabers eines abgebrannten Gewerbebetriebes, der 7,6 Mio. Euro von seiner Versicherung fordert. Meine Hände werden feucht, Panik steigt in mir auf. Wieso soll ich (gleich als erstes) über solche Streitwerte entscheiden, ich habe doch keine Ahnung! Eigentlich gilt am Landgericht das sog. Kammerprinzip, sprich, in der Regel entscheiden immer drei Richter über die jeweiligen Fälle, und nur im Ausnahmefall wird der Fall einem Einzelrichter zur Entscheidung übertragen. Blöderweise haben die beiden Richterkollegen meiner Kammer dieses Prinzip de facto umgekehrt, sprich, grundsätzlich entscheidet der Einzelrichter, und nur im Ausnahmefall, also bei Fällen, die besonders kompliziert oder umfangreich sind, entscheidet die Kammer mit drei Richtern. Und bei meiner Vorstellung hat mir der Vorsitzende der Kammer gleich noch mit auf den Weg gegeben, dass es solche Fälle praktisch nicht gäbe und deshalb alles durch den Einzelrichter entschieden würde, keiner meiner Vorgänger sei jemals mit dem Ansinnen an ihn herangetreten, einen Fall zu dritt zu entscheiden. Ich klappe die Akte wieder zu, da fällt mir ein auf der Vorderseite angebrachter Zettel auf. Dort steht "Anlagen in Kiste auf Geschäftsstelle". Ich gehe in meine Geschäftsstelle und frage nach. Man verweist auf sechs Umzugskartons, die in einer Ecke gestapelt sind und in denen sich Dutzende Leitz-Ordner mit Plänen, Rechnungen, Schriftverkehr etc. befinden.

 

Ich könnte einfach nur schreien. Dass ich den Fall ca. drei Jahre später ganz locker entscheiden werde und dass gegen mein Urteil noch nicht einmal Berufung eingelegt werden wird, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich beschließe, jetzt erst mal durchs Haus zu gehen und mich bei den richterlichen Kollegen vorzustellen. Ich gehe von Zimmer zu Zimmer, die Namen der Kollegen kann ich mir bald schon nicht mehr merken, bald habe ich auch den Überblick verloren, bei wem ich schon überall war. Die Gänge systematisch abzuarbeiten hilft auch nicht weiter, denn teilweise sind die Büros verschlossen. Eigentlich hätte ich ja erwartet, dass meine Sehbehinderung hier eine Rolle spielen wird, aber bis auf die jüngeren Kollegen stellt keiner Nachfragen. Das liegt vielleicht daran, dass es am Landgericht seit Jahren einen vollblinden Richter gibt.

 

Nach ca. eineinhalb Stunden - ich habe nur einen Bruchteil der Kollegen angetroffen - kehre ich in mein Büro zurück. Ich nehme mir die zweitoberste Akte und beginne zu lesen. Diesmal handelt es sich um eine Erbstreitigkeit, die Klägerin macht gegen ihre Geschwister Pflichtteilsansprüche geltend und erhebt deshalb eine sog. Stufenklage. "Was um Himmels willen ist eine Stufenklage?", frage ich mich. Im Studium war das ganz sicher nicht dran und im Referendariat irgendwie auch nur am Rande. Ich lese und lese und habe innerlich schon beschlossen, den Dienst zu quittieren, da klopft es an der Tür. Eine junge Frau steckt den Kopf zur Tür herein und meint: "Ich bin Steffi, ich bin seit drei Monaten hier Richterin, die jungen Richter gehen um 12.00 Uhr immer zusammen zum Mittagessen in die Kantine, magst Du mitkommen?" Das lasse ich mir nicht zweimal sagen, und so gehe ich - zusammen mit sieben Männern und Frauen, die alle ungefähr in meinem Alter sind - zum Essen. Dabei erfahre ich, dass sie alle zwischen drei Monaten und zwei Jahren als Richter arbeiten und dass sie alle - mal mehr und mal weniger - von denselben Zweifeln geplagt werden, ob sie für den Job überhaupt geeignet sind und dass sie alle das Gefühl haben, dass ihnen die Kenntnisse, die sie jetzt bräuchten, im Studium und im Referendariat nicht vermittelt worden sind. Hier ist auch meine Sehbehinderung das erste Mal wirklich Thema. Die Kollegen wollen wissen, wie ich denn das Studium und das Referendariat bewältigt habe und wie ich die Akten bearbeite. Ich berichte von meinem Dilemma, dass zur Zeit weder die Assistenzkraft noch die erforderlichen technischen Hilfsmittel da sind. Alle sind super-nett und bieten ihre Hilfe an. Ich könne jederzeit kommen, wenn ich Fragen hätte, das sei ganz normal. In den kommenden Monaten - aber das weiß ich da noch nicht - werde ich von diesem Angebot reichlich Gebrauch machen.

 

Nach dem Mittagessen gehe ich wieder in mein Büro und lese die Erbschaftsakte weiter. Da klopft es erneut. In das Dienstzimmer kommt Corinna, eine der jungen Frauen, mit der ich gerade beim Mittagessen war. Sie erklärt, sie sei die unmittelbare Vorgängerin auf meinem Dezernat gewesen und kenne alle Akten. Sie sei gekommen, um mir bei der Post zu helfen. Sie nimmt mir gegenüber an meinem Schreibtisch Platz. Dann erklärt sie mir, wie man so eine Akte bearbeitet, nämlich immer von hinten. Man schaut, was als letztes passiert ist, ob Schriftsätze eingegangen sind, die müsse man dann an die jeweils andere Partei weiterleiten, ob ein Termin angesetzt werden müsse, dann müsse man die Anwälte und Parteien entsprechend mittels einer Verfügung laden etc. Ich denke mir "Na toll!!! Das hätte dir der Ausbilder im Referendariat ja auch mal erklären können!" Corinna ist jedenfalls total nett, liest mir jeweils vor, um welche Akte es sich handelt, sagt mir, was jetzt sinnvollerweise gemacht werden muss, füllt die passenden Formulare aus, und ich unterschreibe diese eigentlich nur. Nach einer guten halben Stunde ist der dicke Aktenstapel von der Seite für den Posteingang auf die Seite für den Postausgang gewandert. Corinna schaut auf der Geschäftsstelle nach, ob da noch Akten sind, und bearbeitet auch diese mit mir zusammen. Nach rund einer Stunde ist alles geschafft, und sie sagt: "So! Genug gearbeitet für heute! Jetzt gehst Du heim! Und morgen Nachmittag komme ich, und wir machen wieder die Post, das machen wir so lange, bis Deine Technik und Deine Arbeitsassistenz da ist!"

 

So viel zu meinem ersten Arbeitstag, der jetzt fast 16 Jahre zurückliegt und den ich wohl nie vergessen werde. Aber wer bin ich, und wie kam es dazu? Mein Name ist Stefan Niemann, ich bin 45 Jahre alt, verheiratet, und ich habe zwei Kinder. Im Alter von neun Jahren wurde bei mir eine sog. Zapfen-Stäbchen-Dystrophie, eine fortschreitende degenerative Netzhauterkrankung, diagnostiziert. Diese führt innerhalb von ganz kurzer Zeit zu einem extremen Verlust der Sehkraft, bei mir auf unter zwei Prozent. Im weiteren Verlauf kommen immer größer werdende Gesichtsfeldausfälle, eine gesteigerte Blendempfindlichkeit etc. hinzu. Deshalb musste ich 1979, mitten in der vierten Klasse, die heimische Grundschule verlassen, und ich wechselte zunächst auf die Blinden- und Sehbehindertenschule in Nürnberg - Langwasser, später dann, im Jahr 1984, auf die Deutsche Blindenstudienanstalt in Marburg. Dort legte ich 1991 als eher durchschnittlicher Schüler das Abitur ab. Anschließend begann ich im Wintersemester 1991/1992 mit dem Studium der Rechtswissenschaften an der Philipps-Universität Marburg. Dabei war das Jurastudium für mich - anders als für etliche meiner Kommilitonen - nicht nur eine Verlegenheitslösung nach dem Motto "Ich weiß nicht so recht, was ich machen soll, deshalb fange ich mal mit Jura an". Aber ich bin familiär auch etwas "vorbelastet", denn einer meiner Onkel war als Rechtsanwalt, ein anderer als Richter am Oberlandesgericht tätig. Was die so bei Familientreffen berichteten, fand ich meistens sehr spannend, und so reifte in mir schon früh der Entschluss, später auch etwas mit Jura zu machen.

 

Meine Sehbehinderung stellte hier kein besonderes Hindernis dar, denn insbesondere im Fachbereich Rechtswissenschaften ist die Universität Marburg auf sehbehinderte und blinde Studierende eingestellt. Die Zusammenarbeit mit den Dozenten war vorbildlich, an die Wand projizierte Folien erhielt ich vorab als Ausdruck. Das einzige "Problem" war das Lesen der Gesetzestexte im Hörsaal selber, denn seinerzeit war die Technik lange nicht so weit wie heute. Die Dozenten lasen deshalb die fraglichen Paragraphen selber vor, oder sie forderten einzelne Kommilitonen auf vorzulesen. Im juristischen Seminar, der Bibliothek des Fachbereiches Rechtswissenschaften, gab es mehrere Räume, die sehbehinderte oder blinde Studierende mit Vorlesekräften nutzen konnten, um sich dort Aufsätze, Urteile etc. vorlesen lassen zu können, ohne dass die übrigen Besucher hierdurch gestört würden, und die Bibliothekare waren stets hilfsbereit, wenn es darum ging, Bücher zu finden. Auch standen mehrere Bildschirmlesegeräte zur Verfügung.

 

Das Jurastudium besteht - vereinfacht gesagt - aus drei sog. Kleinen und drei sog. Großen Scheinen, die jeweils in den Fächern Zivilrecht, Strafrecht und Öffentliches Recht abgelegt werden müssen. Um die nötigen Fachkenntnisse zu erwerben, hört man die verschiedensten Vorlesungen (im Zivilrecht z.B. Allgemeiner Teil, Allgemeines Schuldrecht, Besonderes Schuldrecht, Allgemeines Sachenrecht, Immobiliarsachenrecht, Familienrecht, Erbrecht, Gesellschaftsrecht, Insolvenzrecht etc.). Pro Semester werden zwei Hausarbeiten und drei Klausuren geschrieben, und um einen Schein zu bekommen, muss man eine Hausarbeit und eine Klausur bestehen. Das klingt erst mal einfach, ist es aber nicht immer. Denn die Durchfallquote liegt bei ca. 40 Prozent, und man weiß nie, aus welchem der vielen denkbaren Bereiche die Aufgabenstellung stammen wird, man muss also eigentlich alles wissen. Zu meiner Zeit stellten die drei Kleinen Scheine eine Zwischenprüfung dar, die bis spätestens nach dem sechsten Semester bestanden worden sein musste. Diese Zwischenprüfung wurde dann abgeschafft, zwischenzeitlich aber wieder eingeführt. Man schreibt erst die kleinen Scheine, dann die großen. Wenn man diese Scheine bestanden hat (und - je nach Bundesland - weitere Scheine in Rechtsgeschichte, Rechtssoziologie, Rechtsphilosophie, Wirtschaft etc. abgelegt hat), kann man sich zum Ersten Staatsexamen anmelden. Abhängig davon, in welchem Bundesland man studiert, ist die Prüfung unterschiedlich. Zu meiner Zeit gab es in Hessen ein sog. Hausarbeitenexamen, sprich, das Examen bestand aus einer Hausarbeit, für die man sechs Wochen Zeit hatte, mehreren schriftlichen Klausuren und einer großen (fünfstündigen) mündlichen Prüfung. Zusätzlich war es seinerzeit so, dass die sehbehinderten und blinden Studierenden ihre Klausuren, die sie für die Scheine bestehen mussten, mit nach Hause nehmen und sie am nächsten Tag abgeben durften. Für das Staatsexamen galt dies allerdings nicht, hier mussten die Klausuren unter Aufsicht in der Uni geschrieben werden. Da ich in den Hausarbeiten (anfangs) stets schlecht abgeschnitten habe und mich in dem Wissen, die Klausuren zu Hause schreiben zu dürfen, nicht richtig zum Lernen motivieren konnte, entschloss ich mich dann zu einem Studienortwechsel und wechselte zum Wintersemester 1994/1995 an die Ruprecht-Karls-Universität nach Heidelberg, dies unter anderem auch deshalb, weil Baden-Württemberg ein Examen ohne Hausarbeit hatte und seinerzeit das einzige Bundesland war, in dem im Zweiten Juristischen Staatsexamen keine Kommentare erlaubt waren. Kommentare sind dicke, teilweise mehrere tausend Seiten starke Werke, in denen die Gesetze erklärt werden. Und da es diese - anders als heute - seinerzeit noch nicht in juristischen Datenbanken gab, hätte ich im Examen mit einer Vorlesekraft arbeiten müssen, die allerdings - das war die Vorgabe des Prüfungsamtes - über keine juristischen Vorkenntnisse verfügen durfte. Ohne gewisse Vorkenntnisse ist es allerdings sehr schwer bis unmöglich, in Kommentaren die passenden Stellen innerhalb angemessener Zeit zu finden. Deshalb hatte ich mir überlegt, dass meine Sehbehinderung weniger stark ins Gewicht fallen wird, wenn niemand ein Nachschlagewerk benutzen darf und alle alles auswendig wissen müssen. Die Universität in Heidelberg war auf Sehbehinderte oder Blinde nicht wirklich eingestellt. Im juristischen Seminar stand zwar ein Lesegerät, es bedurfte allerdings - insbesondere am Anfang - ganz erheblichen Eigenengagements, um den Dozenten die Problematik der Sehbehinderung verständlich zu machen und diese dazu zu bekommen, dass sie ihre Vorlesungen so gestalten, dass auch Blinde ihr folgen können. Meine Klausuren zu meinem letzten Großen Schein, dem Großen Öff-Recht-Schein, schrieb ich auf einer mechanischen Schreibmaschine im Dekanat. Das waren die ersten und einzigen Klausuren während meines Studiums, die ich unter echten Prüfungsbedingungen zu schreiben hatte. Allerdings weiß ich von Berichten späterer Studierender, dass heute auch in Marburg sämtliche Klausuren in der Uni geschrieben werden müssen.

 

Im Jahr 1997 trat ich dann zum Ersten Juristischen Staatsexamen an. Zuvor hatte ich - wie die meisten Jurastudenten - ein sog. Repetitorium besucht, das sind zumeist kostenpflichtige Kurse, in denen den Juristen der Stoff noch einmal komprimiert eingepaukt wird. Weil mir aufgrund der Sehbehinderung das Lesen schwerer fällt als anderen Studierenden, besuchte ich gleich drei Repetitorien, hörte also den Stoff mehrfach. Anlässlich der schriftlichen Prüfungen musste ich meinen privaten PC samt Drucker und das Bildschirmlesegerät ins Landgericht nach Heidelberg verbringen. Dort wurde der PC durch einen extra aus dem Justizministerium in Stuttgart angereisten IT-Spezialisten untersucht, um sicherzustellen, dass sich keine unerlaubten Hilfsmittel auf dem Rechner befinden, sämtliche Laufwerke und Anschlüsse, die nicht für den Drucker oder den Monitor benötigt wurden, wurden versiegelt. Damit keine Daten zu Betrugszwecken aufgespielt werden können. Das Erste Examen bestand aus sieben Klausuren, drei im Zivilrecht, zwei im Strafrecht und zwei im Öffentlichen Recht, und einer großen (fünfstündigen) mündlichen Prüfung.

 

Nach bestandenem Erstem Staatsexamen absolvierte ich ab Oktober 1997 das Referendariat. Hierbei handelt es sich um einen zweiten Ausbildungsabschnitt, der die praktische Arbeit umfasst. Man durchläuft verschiedene Stationen (am Zivilgericht, bei der Staatsanwaltschaft, in der Verwaltung, beim Rechtsanwalt). Sodann legt man die schriftlichen Prüfungen ab, das waren seinerzeit 8 Klausuren, davon vier im Zivilrecht, zwei im Strafrecht und zwei im Öffentlichen Recht. An den schriftlichen Teil des Examens schließt sich die sog. Wahlstation, bei der man sich eine Ausbildungsstelle wählen darf, an. Ich entschied mich seinerzeit für die größte Anwaltskanzlei in San Francisco und verbrachte drei Monate in einer der schönsten Städte der Welt, vertiefte mein Englisch und lernte ein völlig anderes Rechtssystem kennen. Die erforderlichen technischen Hilfsmittel, insbesondere ein Bildschirmlesegerät, mietete ich vor Ort bei einer Hilfsmittelfirma an. Außerdem profitierte ich von den Ressourcen der Kanzlei mit mehr als 250 Anwälten und tausenden Angestellten alleine am Standort San Francisco. Wieder zurück in Deutschland blieb dann noch die mündliche Prüfung, die ich am 2. November 1999 ablegte. Sie fand im Justizministerium in Stuttgart statt, und ich musste das Lesegerät von Heidelberg nach Stuttgart verbringen lassen. Damit war meine Ausbildung beendet.

 

Weil sich mein Sehvermögen insbesondere gegen Ende des Studiums und im Referendariat weiter verschlechterte und weil sich die Schwierigkeit, ohne größere technische Hilfsmittel Texte lesen zu können, im Referendariat als Problem herausgestellt hatte, entschloss ich mich sodann für eine sog. Blindentechnische Grundausbildung - wiederum an der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg. Hierbei handelt es sich um einen ca. einjährigen Kurs, der Menschen, die ihr Augenlicht (weitgehend) verloren haben, diejenigen Fähigkeiten beibringen soll, die sie benötigen, um ihr Leben zukünftig möglichst eigenständig leben zu können. Hierzu gehört neben dem sog. Mobilitätstraining (Benutzung des Blindenstockes) und dem Training der sog. Lebenspraktischen Fertigkeiten (Kochen, Wäsche waschen, Bügeln etc.) vor allem das Erlernen der Blindenschrift sowie von Computerkenntnissen. Für mich waren nur die beiden letztgenannten Bereiche bedeutsam, und so wurde in meinem Fall gerade hierauf besonderes Augenmerk gelegt. Und ich steckte - quasi noch im Lernmodus des Staatsexamens - ganz erheblichen Aufwand in das Erlernen der Blindenschrift. Ich arbeitete mehr und härter als die übrigen Rehabilitanden meines Jahrgangs, musste am Ende aber feststellen, dass die Punktschrift nicht das Medium werden wird, mit dem ich (erfolgreich) arbeiten werde. Denn mit der Blindenschrift ist es wie mit dem Lernen eines Instruments, nur durch Üben, Üben und noch mehr Üben wird man besser und vor allem schneller. Es zeichnete sich ab, dass ich die Blindenschrift nur adäquat erlernen würde, wenn ich die im beruflichen Alltag zu lesenden Texte überwiegend in Blindenschrift lesen würde. Allerdings war auch klar, dass ich - würde ich dies tun- schlicht zu langsam sein würde, um der Fülle der zu bearbeitenden Texte Herr zu werden; ein Teufelskreis. Deshalb entschied ich mich dann dazu, nahezu ausschließlich akustisch zu arbeiten. Und so ließ ich mir täglich über die quäkende Stimme der Sprachausgabe des PC die Süddeutsche Zeitung vorlesen. Ich merkte sehr schnell, dass ich die Sprechgeschwindigkeit immer mehr steigern konnte und trotzdem alles mitbekam.

 

Und genauso, nämlich ausschließlich akustisch, arbeite ich jetzt die letzten 16 Jahre als Richter. Ich bearbeite ein sog. allgemeines Zivildezernat. Es geht meistens um Geld, also um Erbstreitigkeiten, die Folgen von Verkehrsunfällen, Vertragsstreitigkeiten, fehlerhaft erbrachte Werkleistungen (z.B. schlecht erstellte Bauwerke), aber auch um Unterlassung ehrverletzender Äußerungen oder um die Vornahme bestimmter Handlungen (z. B. Wiederanstellen der Heizung). Dabei muss der Streitwert mindestens 5.000,01 Euro betragen. Im Strafrecht darf ich nicht tätig sein, da Blinde oder hochgradig sehbehinderte Richter in den Tatsacheninstanzen (Amtsgericht oder Landgericht) nach einer (umstrittenen) Entscheidung des BGH nicht eingesetzt werden dürfen. Der Bundesgerichtshof begründet dies mit einer Vorschrift in der Strafprozessordnung, wonach sich das Gericht sein Urteil "unmittelbar aus dem Inbegriff der Hauptverhandlung" bildet. Weil Blinde oder Sehbehinderte aber beispielsweise nicht selbst sehen können, ob Zeugen schwitzen oder rot werden oder weil sie sich Fotos beschreiben lassen müssten, sei dies dann nicht mehr "unmittelbar" im Sinne des Gesetzes.

 

Anders als im Studium besteht die richterliche Tätigkeit in der Praxis im Wesentlichen darin, den tatsächlichen Sachverhalt erst zu ermitteln. Dazu muss man die Akten lesen, um sodann zu prüfen, an welchen Punkten die Parteien streitig vortragen. Beispielsweise wird der Hergang eines Verkehrsunfalls unterschiedlich geschildert. Dann sind die angebotenen Beweise zu erheben, sprich, es sind Zeugen und Parteien zum Unfallhergang zu hören, ggf. sind Sachverständigengutachten (zu gefahrenen Geschwindigkeiten, Bremsweg etc.) einzuholen, wenn dem Gericht die fachlichen Kenntnisse in bestimmten Bereichen fehlen. Teilweise muss sich - beispielsweise in Nachbarschaftsstreitigkeiten - das Gericht auch selbst vor Ort einen Eindruck verschaffen. Der größte Teil der richterlichen Tätigkeit besteht im Lesen der Akten und in der rechtlichen Prüfung. In meinem Fall halte ich an einem Tag in der Woche meine Gerichtsverhandlungen ab, die übrige Zeit bereite ich die Verhandlungen vor bzw. schreibe die Urteile.

 

Vor dem Landgericht herrscht Anwaltszwang. Deshalb kommen praktisch alle Klagen und sonstigen Schriftsätze von Anwaltskanzleien und lassen sich hervorragend einscannen. Ich bin - trotz der Behinderung - so in der Lage, mir die Schreiben durch den PC vorlesen zu lassen. Meine Arbeitsassistenz scannt die Schreiben ein. Anlagen, wie Fotos oder Texte, die nicht eingescannt werden können, weil die Qualität zu schlecht ist, weil sie handschriftlich verfasst sind etc., liest sie mir auf, ich höre mir das dann an. Fotos und irgendwelche Pläne beschreibt sie mir. So bin ich in der Lage, mir vom gesamten Akteninhalt Kenntnis zu verschaffen. Die Gesetzestexte, juristische Fachaufsätze und vor allem Urteile sind - anders als zu Zeiten meines Studiums oder Referendariates - heute problemlos in juristischen Datenbanken wie Juris oder Beck Online zu finden. Insofern bin ich mit Hilfe der Assistenz und vor allem des sprechenden PC in der Lage, die Akten zu bearbeiten. Die Sitzungsleitung der mündlichen Verhandlungen obliegt ebenfalls dem Richter. Ich nehme hier die Assistenz mit in die Sitzung. Falls dort durch Anwälte Schriftsätze vorgelegt werden bzw. falls einzelne Teile in der Akte gesucht werden müssen, beispielsweise Fotos, die Zeugen vorgelegt werden sollen, steht sie bereit, um zu helfen. Wenn - was in meiner Zeit erst vier Mal vorgekommen ist - Ortstermine durchzuführen sind, dann werde ich mit dem Dienstwagen durch den Fahrer des Landgerichts dort hingefahren. Ich habe auch hier stets die Assistentin mit, die mir das - was ich selbst nicht wahrnehmen kann - beschreibt.

 

Auf echte Hindernisse wegen der Sehbehinderung bin ich bislang nicht gestoßen. Abhängig vom Einzelfall ist der Aufwand, der betrieben werden muss, um mir die Akte zugänglich zu machen, mal kleiner und mal größer. Es geht aber immer irgendwie. Der einzig theoretisch denkbare Fall, bei dem die Sehbehinderung ein Problem bei der ordnungsgemäßen Ausübung der richterlichen Tätigkeit darstellen könnte, ist derjenige, bei dem es um die Beurteilung der Echtheit einer Urkunde bzw. den Vergleich zweier Unterschriften geht. Letzteres gehört zum ureigenen Aufgabenbereich eines Richters, Schriftsachverständige können hier nur eingeschränkt helfen, und aus technischen Gründen (wegen der in meinem Fall erforderlichen Vergrößerung) könnte jeweils nur eine der zu beurteilenden Unterschriften unter das Bildschirmlesegerät gelegt werden. Ein direkter Vergleich zweier Unterschriften könnte hier ggf. schwierig werden, dies unter anderem auch deshalb, weil sich das genaue Aussehen von Unterschriften nur schlecht beschreiben lässt und die Entscheidung, ob die zu vergleichenden Unterschriften "gleich" sind, damit de facto auf die Assistenzkraft verlagert würde. Entsprechendes ist in den 16 Jahren meiner richterlichen Tätigkeit allerdings noch nie vorgekommen. In einem solchen Fall müsste ich die Sache auf die Kammer zurückübertragen. Dann würde der Fall durch drei Richter entschieden, und zwei wären in der Lage die Unterschriften zu vergleichen.

 

Fazit:

Insbesondere (auch) für hochgradig Sehbehinderte oder Blinde ist der Beruf des Richters sehr gut ausübbar. Es ist ein anspruchsvoller Beruf, der insbesondere für Personen geeignet ist, die gerne mit Menschen umgehen (es müssen Parteien, Zeugen und Sachverständige vernommen werden), die die Abwechslung lieben (kein Fall ist wie der andere) und die - das ist wichtig - entscheidungsfreudig sind. Zauderer, also Menschen, die sich mit dem Treffen von Entscheidungen eher schwer tun, weil die getroffene Entscheidung sich ja später als falsch herausstellen könnte, werden im Richteramt eher nicht glücklich werden. Da es keine Präsenzpflicht gibt, man also kommen und gehen kann, wie man will, Hauptsache die Arbeit wird gemacht, gibt es wohl keine zweite Tätigkeit, bei der sich Beruf und Familie so gut miteinander vereinbaren lassen. Die jüngere Vergangenheit zeigt, dass deshalb insbesondere Frauen, die sowohl Familie haben als auch den erlernten Beruf ausüben wollen, das Richteramt anstreben. Auch wenn die Verdienstmöglichkeiten in deutsch-amerikanischen Großkanzleien oder der Industrie teilweise deutlich besser sind, hat mich persönlich stets die Unabhängigkeit des Richteramtes gereizt. Man ist nur dem Gesetz verpflichtet, und es gibt keinen Vorgesetzten, der einem Vorgaben macht, welchen Fall man wann und vor allem wie zu entscheiden hat.

 

 

 

Stefan Niemann am 28.3.17 10:01, kommentieren

Berufsbilder blinder und sehbehinderter Menschen Teil 5: Immer auf der Suche nach neuen Lösungen

Hallo,   

als Blinder anderen blinden Menschen ihren Wunschstudiengang ermöglichen? Genau das ist der Hauptberuf von Gerhard Jaworek. Nebenbei versucht er dann noch, Astronomie als Hobby für Menschen mit Handicap zu erschließen. Davon hat er ja bereits am Mittwoch berichtet. Lest heute, was er hauptberuflich macht.

 


Zu meiner Person


Mein Name ist Gerhard Jaworek. Ich bin 48 Jahre alt, kinderlos und geschieden. Von 1975 bis 1992 besuchte ich klassische Blindenschulen in Ilvesheim Stuttgart und Marburg, die ich mit der Hochschulreife und einigen Zertifikaten zu klassischen Büroberufen,, z. B. Phono, Steno, Telefonie, abschloss. Somit erlangte ich die Hochschulreife auf dem zweiten Bildungsweg. Von 1992 bis 2000 Studierte ich Informatik in Karlsruhe und beendete mit Diplom. Unterstützt wurde ich z. B. mit barrierefreier Literatur, vom Studienzentrum für Sehgeschädigte (SZS) des Karlsruher Institutes für Technologie (KIT), dessen Mitarbeiter ich bis heute bin. Ohne diese Einrichtung hätte ich das Informatikstudium vermutlich nicht schaffen können. Es gab immer wieder Pioniere, die eine derartige Leistung auch ohne spezielle Unterstützung schaffen, aber diese Einrichtung hat mir sehr vieles erleichtert.


 


Das SZS


Das Studienzentrum für Sehgeschädigte (SZS) ist eine interfakultative Dienstleistungs-, Service- und Forschungseinrichtung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die blinde und sehbehinderte Studierende unterstützt – vor allem beim Absolvieren der am KIT angebotenen Studiengänge. Strategische SZS-Bausteine sind Dienstleistung & Service sowie Forschung. Durch die 2011 erfolgte Neueinrichtung der Professur für Informatiksysteme für sehgeschädigte Studierende, die Professor Rainer Stiefelhagen einnimmt, werden die bisherigen Tätigkeitsfelder des SZS um neue Forschungsschwerpunkte ergänzt.


 


Historisch ist das SZS aus einem Modellversuch hervorgegangen. Von 1987 - 1992 lief der Modellversuch "Informatik für Blinde". Er sollte zeigen, dass MINT-Fächer für Menschen mit Sehbeeinträchtigung mittels moderner assistiver Technologie und geeigneter Konzepte, studierbar sind.


 


Initiiert wurde es im Wesentlichen von Prof. Dürre, dessen Tochter blind ist und von Herrn Joachim Klaus, der dann über Jahrzehnte die Geschäftsführung inne hatte. 1992 wurde das SZS vom Status des Modellversuches verstetigt und als Institut der Informatik überführt. Seit 2011 ist das SZS mit Prof. Stiefelhagen auch Lehrstuhl "Informatiksysteme für blinde".


 


Wie ich zu meiner Stelle kam


Mein Interesse an Computertechnologie geht bis weit in die 80er Jahre zurück. Mein erster Rechner war ein Comodore 64 mit Sprachausgabe. Kein Vergleich, zu dem, was man heute auf dem Schreibtisch stehen hat und quasi ohne Screenreader. Was man damals wollte, musste man sich selbst programmieren. So entwickelte ich für diesen Homecomputer, wie die damals hießen, eine sprechende Textverarbeitung mit Buchführungsfunktionen. Somit interessierte ich mich sehr früh für Hilfsmittel und deren Anwendung. Schon während meines Studiums konnte ich mich mit meinen Fähigkeiten bei meinem jetzigen Arbeitgeber einbringen, indem ich mit auf Messen ging, neue Entwicklungen testete oder auch technisch unterstützen. So wurde ich zu Fragen der Barrierefreiheit entsendet, um das SZS in diversen Gremien zu vertreten. Seit 2000 arbeite ich an diesem SZS in den unterschiedlichsten Bereichen. Begonnen habe ich als Verantwortlicher für die Literaturversorgung unserer Studierenden und als Administrator unserer Server. So war ich fast zehn Jahre lang der technische Leiter des International Computercamps (ICC), das im letzten Sommer unter dem Dach des DVBS in Dresden stattfand. Dadurch dass wir mittlerweile ein Lehrstuhl sind, habe ich nun auch Arbeitsfelder in Forschung und Lehre dazu bekommen. So wirke ich bei Seminaren, Praktika und Vorlesungen mit. Dank meines Nebenfaches, Berufspädagogik, schule ich unsere Studierenden, so dass sie beispielsweise mit unseren umgesetzten graphischen taktilen Materialien umgehen lernen. Ein großes Arbeitsfeld ist die Entwicklung von Lösungen, wenn Veranstaltungen nicht barrierefrei sind. So habe ich beispielsweise einen Software-Stick entwickelt, der für einen blinden Physikstudenten ein studienrelevantes Praktikum zugänglich machte, indem er Messreihen mittels Zeile und Sprachausgabe und taktiler Ausdrucke nachverfolgen konnte. Ein anderer, auf dem Betriebssystem Linux basierender Stick, ermöglichte es Blinden in Gana, Kenia und Adisabeba, die grundsätzlichen Alltagsarbeiten am Rechner, wie Email, Textverarbeitung und einiges mehr, zu erledigen. Der Stick wird einfach in einen Computer gesteckt und dieser beginnt nach dem Booten einfach zu sprechen. Aktuell muss ich einen Workflow finden, dass ein Chemiestudent eine Vorlesung mit praktischer Übung besuchen kann.


 


Nicht zuletzt bin ich auch Buchautor, Gitarrenlehrer und Astronom, aber das sollen Inhalte einer weiteren Geschichte werden.


 

 

Gerhard Jaworek am 24.3.17 10:27, kommentieren

Berufsbilder blinder und sehbehinderter Menschen Teil 4: eine Tastuntersucherin erzählt

Hallo,

mit ganz viel Fingerspitzengefühl etwas gutes tun, geht das? Ja, hört selbst, was Filiz Demir von ihrem Job als medizinische Tastuntersucherin erzählt.

 




 

Mein Name ist Filiz Demir. Ich bin 42  Jahre alt und arbeite seit drei Jahren als Medizinische Tastuntersucherin. Ursprünglich habe ich Datenverarbeitungskauffrau gelernt und war mehrere Jahre in der Buchhaltung tätig. Nach meiner Erblindung bin ich auf der Suche nach einer Umschulungsmöglichkeit auf den Beruf der Medizinischen Tastuntersucherin aufmerksam geworden. Hierbei wird der besonders gut ausgeprägte Tastsinn von blinden und sehbehinderten Frauen für die Brustkrebsfrüherkennung eingesetzt.


Ich arbeite in einer gynäkologischen Praxis und führe dort die Brusttastuntersuchung durch. Ich habe einen eigenen Raum, wo ich erst am PC einen Fragebogen mit der Patientin ausfülle. Hier werden die Vorerkrankungen, Risikofaktoren und die familiäre Vorbelastung abgefragt. Anschließend taste ich die Lymphknoten an den Hauptabflussgebieten der Brust ab und beklebe dann den Oberkörper der Patientin mit sogenannten Orientierungsstreifen. Auf diesen Streifen sind taktile Markierungen im Abstand von einem Zentimeter drauf. Ich klebe einen Streifen über das Brustbein und jeweils einen über die Brust und unter den Arm, so das die Brust in zwei Zonen aufgeteilt ist. Nun Taste ich die Brust Reihe für Reihe ab. Hierbei mache ich mit dem Zeige- und Mittelfinger eine Abwärtsspirale, d. H. ich übe nach jedem Kreis etwas mehr Druck aus, um in die tieferen Gewebeschichten zu kommen. Da das ganze Zeit braucht, habe ich pro Untersuchung eine halbe bis Dreiviertelstunde Zeit. Anschließend kommt der Arzt dazu, da dieser immer das Ergebnis entgegen nehmen muss. Durch diese sehr gründliche Untersuchungsmethode können schon kleine Gewebeveränderungen entdeckt werden, was die Brustkrebsfrüherkennung verbessert. 


Die Patientinnen fühlen sich durch die Gründlichkeit der Untersuchung gut aufgehoben. Sie haben Zeit Fragen zu stellen, die sie sich beim Arzt nicht immer trauen und weil es da auch meist immer recht schnell gehen muss. Manche sind von meiner Blindheit erst etwas verunsichert, aber das legt sich immer sehr schnell, wenn sie merken, dass ich ganz selbstverständlich damit umgehe. Viele finden es ganz spannend, wie ich am PC arbeite und stellen Fragen zu der Behinderung, weil sie sich nicht vorstellen können wie Blinde im Alltag zurechtkommen. Aufklärungsarbeit gehört also zu dem Job dazu! 


Für den Beruf der Medizinischen Tastuntersucherin (MTU) muss man eine abgeschlossene Berufsausbildung haben (muss aber nicht im medizinischen Bereich sein) und eine neun monatige Qualifizierungsmaßnahme absolvieren. In der Qualifizierung hat man sechs Monate Unterricht und macht dann drei Monate Praktikum in einer gynäkologischen Praxis oder in einem Brustzentrum. Die MTU darf nur im Team mit einem Arzt arbeiten, da sie selber keine Diagnose stellen darf. Die Qualifizierung wird zurzeit in Berlin und den BFWs Düren, Halle, Mainz und Nürnberg angeboten. Wenn man medizinisch interessiert ist und gerne mit Menschen arbeitet, ist es eine sehr befriedigende Tätigkeit. Weitere Informationen gibt es unter www.discovering-hands.de


 

 

Filiz Demir am 23.3.17 09:17, kommentieren

Berufsbilder blinder und sehbehinderter Menschen Teil 3: Astronomie, auch ein Berufsfeld für blinde?

Ein Blinder erforscht das Weltall

 

Gerhard Jaworek, 48

 

„Wieso machst du das? Da hast du doch eh nichts von!“ – „Wie willst du da mitreden? Du siehst das doch gar nicht!“ – Solche verwunderten Fragen werden mir immer wieder gestellt, wenn ich als von Geburt an vollblinder Mensch über mein Lieblingshobby, die Astronomie, spreche. Nachdem ich meinen Vortrag oder mein Seminar abgehalten habe, wendet sich das Blatt aber meist und die Zweifler werden zu den größten Eiferern.

Seit etwa 25 Jahren befasse ich mich mit dem Weltraum. Beruflich ist es seit 15 Jahren meine Aufgabe, für die Studierenden mit Seheinschränkung der Karlsruher Hochschulen Lösungen zu finden, damit sie ein Studium im naturwissenschaftlich-technischen Umfeld absolvieren können. Es ist mir eine große Freude und ein Anliegen, besonders die Astronomie für Menschen mit Seheinschränkung zugänglich zu machen.

Meine Begeisterung für Wissenschaft und Technik war es, die mich zur Astronomie brachte. Sie verzweigt sich in derart viele Disziplinen, dass sie sich hervorragend als inklusives Hobby betreiben lässt – gemeinsam mit Sehenden oder mit Menschen mit anderen Einschränkungen. Seit vielen Jahren leite ich regelmäßig eine Freizeit des Evangelischen Blinden- und Sehbehindertendienstes Baden, die sich in erster Linie an junge Erwachsene richtet. Ich wähle dafür Themen aus, die Religion, Philosophie und Naturwissenschaften miteinander verbinden. Viele dieser Themen streifen die Astronomie, denn die Sonne, „der Stern, von dem wir leben“, geht uns alle an.

Die Sonne sendet ein unglaublich spannendes „Radio-Programm“, ein Rauschen, dessen Intensität und Lautstärke sich verändert, je nachdem, was auf dem Stern gerade vor sich geht. Der Jupiter hingegen sendet ein aufgeregtes Knattern und Tacken aus. Das Weltall ist also kein Ort der Stille, wie man vielleicht denken könnte, sondern bietet unzählige weitere, nicht visuelle Facetten. Abends den Himmel nicht betrachten zu können, bedeutet für mich keine Einbuße. Zum einen habe ich taktile Materialien entwickelt, die mir eine Vorstellung des Sternenhimmels mit seinen wichtigsten Sternbildern geben. Zum anderen ist es für mich ein Hochgenuss, zu erleben, wie sich die medial überreizte Welt der jungen Menschen entschleunigt, wenn wir bei einer Freizeit abends gemeinsam auf einer Wiese liegen. Ganz leise und ergriffen beginnen die Teilnehmer plötzlich, miteinander über das zu sprechen, was sie am Himmel sehen. Ich steuere zu den Sternbildern passende Geschichten aus der griechischen Mythologie oder andere Anekdoten bei, die ich frei erzähle oder im Dunkeln aus meinen Braille-Dokumenten vorlese. Die Materialien, die ich austeile, sind taktil und gleichzeitig farbig gestaltet. So können die sehenden Teilnehmer über ihre visuelle Wahrnehmung hinausgehen und wir können uns darüber austauschen. Den technisch Interessierten zeige ich Astronomie-Apps auf meinem Smartphone. Das Gerät ist der perfekte Eisbrecher, weil es die jungen Menschen fasziniert, wie ich das Touch-Handy ohne Augen bedienen kann.

Nicht zuletzt bin ich verrückt genug, um ein Teleskop und ein Mikroskop zu besitzen. Ich kam zu beidem durch meine Nichten und Neffen, die heute erwachsen sind und deren Kinder mittlerweile hineinblicken, wenn sie mich besuchen. Es war frustrierend, wie viele Spiele wir nicht gemeinsam spielen konnten, weil alles so visuell ist. Spiele wie „Mau-Mau“, „Mühle“ und „Mensch ärgere dich nicht!“ gingen noch, aber „Siedler“ oder „Sagaland“ funktionierten überhaupt nicht. Aus diesem Grund suchte ich ein Hobby für uns alle. Bald erwies sich der Blick durch mein Mikroskop oder des Nachts durch mein Teleskop als die erfüllendste Beschäftigung für meine Nichten und Neffen. Zwar habe ich nicht mit der Astronomie begonnen, um eine Beschäftigung für die Kinder zu finden, habe aber durch sie erkannt, wie mächtig die Astronomie im Erlangen einer ganzheitlichen Weltsicht ist und wie viel Potenzial sie dem inklusiven Miteinander bietet.

In der Gesellschaft muss sich in dieser Hinsicht noch einiges ändern. Oft werde ich gefragt, ob ich die Bücher des Physikers Stephen Hawking kenne. Jedoch nicht etwa wegen deren Inhalt, sondern weil er – zwar völlig anders als ich – auch behindert ist. Damit wird einer der größten Physiker und Astronomen des letzten Jahrhunderts über seine Behinderung definiert. Dabei war schon Johannes Kepler, der größte Astronom des letzten Jahrtausends, in Folge einer Pockenerkrankung stark seheingeschränkt. Hätte er nicht seinen Astronomie-Kollegen Tycho Brahe als präzisen Beobachter an seiner Seite gehabt, ist es fraglich, ob er zu seinen bahnbrechenden Keplerschen Gesetzen gefunden hätte, die bis heute für die Weltraumforschung grundlegend sind.

Mit meiner Mission der „Inklusion am Himmel“ konnte ich sogar den Vorstand der Astronomischen Gesellschaft, eine der ältesten astronomischen Vereinigungen Europas, begeistern. Es ist nicht einfach, dort ohne Kontakte Mitglied zu werden, aber mein Engagement für die Astronomie-Freizeiten hat überzeugt und seit Mai 2013 bin ich das erste und einzige blinde Mitglied.

 

Am 01.10.2015 erschien mein erstes Buch "Blind zu den Sternen - mein Weg als Astronom" im Aquensisverlag Baden-Baden unter der ISBN-Nummer 978-3-95457-134-5  als gedruckte und als E-Book-Version. Der Druck ist so gestaltet, dass Menschen mit Restsehvermögen ihn gut lesen können. Das Buch kostet 14,00 Euro und wurde von der Marburger Blindenhörbücherei als Daisy-Buch produziert.

 

Gerhard Jaworek am 22.3.17 19:14, kommentieren

Berufsbilder blinder und Sehbehinderter Menschen Teil 2: ein sehbehinderter Winzer erzählt

Hallo,

heute erzählt euch Rainer Gießen, Deutschlands einziger sehbehinderter Winzer von seinem Beruf.

Viel Spaß beim Lesen.

 

Wir arbeiten um zu Leben und leben nicht um zu arbeiten

 

Rainer Gießen 56, selbständiger Winzer mit eigenem Weingut

 

ja ein Spruch. Oder ein Motto. Bei mir ist es mal so und mal anders herum. Blind bin ich noch nicht. Nach Aussagen verschiedener Ärzte würde ich es auch nicht werden, wenn kein Unfall oder ähnliches dazwischen kommt. Ich bewundere blinde Mitmenschen wie sie mit Ihrem Leben umgehen und vor allem es meistern. Wir „Nochsehende“ klammern uns an unseren Sehrest. Braille, ich kann mir nicht vorstellen es zu erlernen. Sich im öffentlichen Raum als Blinder alleine zu bewegen, ich kann es mir ebenso nicht vorstellen. Ja aber jeder ist anders.

 

Die starke Kurzsichtigkeit ( bei mir zur Zeit li 0,05 und  re 0,1 ) ist mir in die Wiege gelegt. Bzw. es liegt bei uns in der Familie. Mütterlicherseits wird die Kurzsichtigkeit an den Männlichen Nachwuchs vererbt. Anfangs war das Sehen bei mir nicht ganz so schlecht wie heute. Ich dürfte noch den „Mopedführerschein“ und den Autoführerschein machen, mit Auflagen und Sonderprüfungen. Alle paar Jahre musste  ich ein Attest bei der Führerscheinstelle vorlegen. Und dann war 1990 Schluss mit der Automobilität. Gerade in dem Jahr als unsere 2. Tochter zur Welt kam.

 

Ich – wir leben auf dem Land, im Dreieck von Mainz – Kaiserslautern – Ludwigshafen. Weitab von den guten Anbindungen öffentlicher Verkehrsmitteln in der Stadt. Die Bahn fährt bei uns gar nicht und die öffentlichen Busverbindungen sind mehr als eingeschränkt. Das Taxi ist zu teuer, da kostet eine einfache Fahrt nach Worms ( nächste Stadt ca. 16 km entfernt mit kulturellen Angebot, Ärzten, Einkaufzentren ) ca. 40€. Deshalb brauche ich immer einen „Fahrer“ für notwendige Erledigungen die mich selbst betreffen. Angefangen vom Friseur, Ärzte, Schwimmbad, Sauna, Theater, Kino, Feste, Veranstaltungen, Weiterbildungsseminare etc. Die wunderschöne, Toskana ähnliche Landschaft bei uns, mit sanften Hügeln, bewachsen mit Weinbergen, Feldern und Windrädern sind toll aber die Einschränkungen für mich in meiner Mobilität sind massiv. Man ist sozusagen nicht mehr Selbständig sondern abhängig. Fahrradfahren mag ich nicht mehr auf mir unbekannten Strecken, so kauften wir uns ein E-tandem um unsere Freizeit zu genießen.

 

Den Beruf Winzer – Weinbautechniker bekam ich ebenso in die Wiege gelegt. Nach dem Abschluss der Handelsschule bewarb ich mich an verschiedenen Stellen. Hatte aber nicht so wirkliche Chancen, den ich stamme aus der Zeit der Geburtenstarken Jahrgänge um 1960. Also Bewerber ohne Ende, warum sollen die Betriebe einen nehmen der Einschränkungen mitbringt. Auch waren damals die gesetzlichen Vorschriften anders als heute und ich saß mit meiner damaligen Einschränkung zwischen den Stühlen: nicht voll sehen – nicht behindert.

 

So wurde ich dann auch von zu Hause überredet den Beruf Winzer zu ergreifen und den elterlichen Betrieb fortzuführen. Gesagt getan, Winzerlehre, hineinschnuppern in andere Betriebe durch Reisen in andere Weinbauländer, Wirtschafter Ausbildung und dann noch den Weinbautechniker absolviert. So bin ich seit 1978 als selbständiger Winzer mit eigenem Weingut.

 

Das Arbeitsbild eines Winzers ist sehr vielseitig. Vom Weinberg, hier muss der Rebstock ( ich habe ca. 45000 davon, verteilt auf ca. 9 ha Fläche, die sich auf ca. 10 km Umkreis erstrecken ) gepflegt werden. Im Winter wird der Stock beschnitten, im Frühjahr angebunden, Rebholz schreddern, neue Weinberge werden gepflanzt. D.h. mehrere hundert oder gar tausend Pflanzen kommen in die Erde. Der Unterstützungsrahmen aus Pfählen ( alle 4. Stock kommt 1 Pfahl ) ca. 70 cm tief in die Erde, Drähte ( mehrere 100 m Länge ) werden gespannt. Alles muss verankert werden. Mehrmals im Jahr Grasmähen, sowie Bodenbearbeitung während des Jahres. Pflanzennährstoff ausbringen. Unerwünschte Triebe am Stamm und auf der Bogrebe entfernen. Die jungen Triebe mehrmals hochstecken und festbinden, damit die vom Wind nicht abgebrochen werden. Die langen Triebe per Maschine einkürzen, 2 – 3-mal im Jahr. Überzählige Trauben entfernen um die Qualität zu steigern. Ständiges beobachten des Wuchses (nach dem Motto: das Auge des Herren pflegt den Weinberg). Die reifenden Trauben begutachten, den Erntetermin entscheiden. Die Traubenernte wird maschinell eingebracht.

 

Zu Hause die Trauben verarbeiten, den Most bearbeiten, ebenso die Gärung überwachen, Reinigungsarbeiten erledigen. Den Wein ausbauen, filtrieren, abschmecken. Abfüllungen vorbereiten. Immer wieder Geschmackskontrolle. Flaschen sortieren, etikettieren, verpacken, kommissionieren, Etiketten für die Druckerei vorbereiten. Bedarfsmaterial planen und bestellen. Angebote einholen.

 

Diverse Schreibtischarbeiten, wie Formulare ausfüllen, Kellerbuchführung. Kundenanschreiben anfertigen, Mails bearbeiten. Bankgeschäfte, Rechnungswesen ja alles was im Büro so anfällt. Mit Behörden, Lieferanten und Kunden verhandeln. Ausliefertouren vorbereiten und planen. Kunden betreuen, beraten, verkaufen, verpacken, Weinproben zu Hause und Außerhalb durchführen. Weinwanderungen – Exkursionen mit Probe im Weinberg für Kunden erledigen.

 

Reparaturen - Wartungsarbeiten im Weinberg sowie an Keller-, Weinbergmaschinen durchführen soweit ich das erkennen kann. Arbeitsassistenzen anleiten, beaufsichtigen.

 

Seit 1984 bin ich verheiratet, 2 Töchter, 2 Enkelkinder. Zusammen mit meiner Frau bewirtschaften wir heute in Rheinhessen und Pfalz Weinberge mit den unterschiedlichsten Reben und unterschiedlichsten Weinstilen. Nachzulesen unter www.weingut-giessen.de . Wir verkaufen unsere Weine – Sekte fast ausschließlich in ganz Deutschland an Endverbraucher. Viel Herzblut und Engagement steckt in unserem Tun, Weinen - Sekten. Viel mehr als „Sehende“ erahnen denn die tägliche Arbeit fällt einem nicht in den Schoß. Es wird von uns „Sehbehinderten“ + Blinden ebenso viel verlangt wie von „Sehenden“ obwohl wir das nicht leisten können, obwohl wir es wollten.

 

Über unsere berufsständische Sozialversicherung, die Pflicht ist und ich nicht wechseln kann

( Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung sowie Berufsgenossenschaft ) bin ich enttäuscht. Hierüber bekommt man keinerlei Unterstützung bzgl. Hilfsmittel für uns Behinderte was den Beruf anbetrifft, auf dem privaten Sektor ist es sehr schwierig. Man ist auf das Integrationsamt angewiesen und hier muss man dicke Bretter bohren und vieeeel Geduld haben. Leider können sich die Sachbearbeiter nicht in meine Belange reindenken, denn ich habe halt ein anderes Berufsbild als Angestellte und Arbeiter. Das Integrationsamt versuchte erneut unsere Sozialversicherung in die Leistungspflicht zu bringen bzgl. Hilfsmittel für meinen Arbeitsplatz. Die haben es aber abgelehnt und Recht bekommen. Kein Schreibtischjob hm und nun. Wir wurden uns einig dass ich eine gewisse Geldsumme bekomme die ich dann für meine Arbeitsassistenten einsetzen kann. Jedes halbe Jahr muss ich die Geldsumme nachweisen. Das Integrationsamt versucht regelmäßig die Zuwendungen um 10 % für meine Assistenzen zu kürzen. Leider hatte ich mit Einsprüchen selten Erfolg. Hallo wird meine Behinderung weniger? Ein Gerichtsverfahren vor dem Verwaltungsgericht musste ich wegen Formfehler bei der Erstantragsstellung abbrechen. Leider fehlte mir die anwaltliche Beratung vor dem Erstantrag.

 

Nach eigenen Recherchen bei meinem Berufsverband bin ich der einzige selbstständige Winzer in Deutschland mit einer derartigen Sehbehinderung.

 

Es staut sich schon ab und an Frust auf. Der bei mir dann zuweilen lautstark rauskommt, dann geht’s mir aber meist wieder besser. Nur durch die mehr als tatkräftige Unterstützung meiner Frau können wir den Weinbaubetrieb ohne feste Arbeitskräfte führen. Wir müssen uns allerdings doch eine Menge Aushilfskräfte einkaufen, denn ich kann nicht alles arbeiten. Wenn es um Sauberkeit geht, putze ich doppelt und lasse noch mal kontrollieren, denn Wein ist eine verderbliche Ware.

 

Die Traktorarbeit im Weinberg ( die ich vermisse ) erledigt. wie so vieles was mit „Fahren“ und „Besorgen“ zu tun hat, meine Frau. Einige Weinbergsarbeiten haben wir vergeben, allerdings unter unserer Kontrolle, da ich diese einfach wegen Ihrer Schwere nicht erledigen oder erkennen kann. Wobei ich doch ab und an mit dem Traktor im Weinberg Arbeiten erledige, um Geräte einzustellen mit denen meine Frau dann den Rest erledigt. Öfter klingelt das Telefon und: „Das und jenes geht nicht, was muss ich tun?“ Ja wenn man es noch nie selbst gemacht hat, kann man keine Ratschläge und Tipps geben. So bin ich gezwungen diverse Sachen einfach anzupacken und zu probieren.

 

Leider stößt man bei seinen Mitmenschen immer wieder auf Unverständnis. Es kommen Aussagen wie: lass dich operieren, man kann doch alles machen, kauf dir ne bessere Brille und und und. Manchmal lasse ich mich auf eine Diskussion ein, um Aufzuklären, andermal reagiere ich gar nicht. Aber es tut doch hin und wieder weh.

 

Am liebsten arbeite ich beim Weinausbau im Keller. Man braucht aber hier Geduld, Intuition, Spontanität, Kreativität und Entscheidungsfreude auch Mut zu Risiko darf nicht fehlen. Die jährlichen Erfolge bei der Weinprämierung bestätigen dann mein werken.

 

Die Kundenbetreuung, wie Wein verkaufen, Beratung, Weinsafaris im Weinberg und Keller machen mir viel Spaß. Man lernt eine Menge Menschen kennen. Kann sich, seinen Beruf, seinen Wein erklären und stößt oft auf offene Ohren, Wissbegieren und Verständnis.

 

Was mich anätzt ist die Büroarbeit, viele sinnfreie Tätigkeiten müssen getan werden. Formulare, Tabellen usw. viele davon nicht wirklich notwendig. Aber die beteiligten Behörden kennen kein Pardon wehe es fehlt ein Strich, der Termin ist verpasst. Jeder schiebt die Verantwortung am liebsten weiter und verschanzt sich hinter Paragraphen. Grad für uns Sehbehinderten fällt es schwer die Formulare auszufüllen. Ich bekomme Rückenprobleme davon, da ich in einer sehr ungünstigen Arbeitshaltung diese Tätigkeiten erledigen muss.

 

Die üblichen Hilfsmittel, wie Screenreader, Kamera und was es so alles noch gibt, nutze ich selten. Denn seit ich Windows 7 habe kann ich fast alles zoomen wie ich es brauche. Die Kamera nutze ich ab und an wenn es wirklich sehr klein gedruckt ist. Ansonsten habe ich einen großen Bildschirm, passe die Programme füllen an. Aber nicht alle machen das mit. Ich habe für meinen Betrieb ein spezielles Weinbuchführungs- und Rechnungsprogramm dessen Hersteller klein ist. Er sieht es aber nicht ein auf meine Wünsche einzugehen, obwohl ich Ihn schon mehrmals persönlich Auge in Auge darum gebeten habe. Er will einfach nicht. Schade! Oder frustrierend. Wechseln wird teuer und kostet  viel Mühe. Für den Keller und Hof habe ich keine Hilfsmittel. Nur menschliche Hilfe in Form von meiner Familie und Arbeitsassistenzen. Diese müssen in meinem Beisein Nacharbeiten oder mit mir die Arbeit erledigen.

 

Im Weinberg bin ich dabei, soweit es geht. Wenn es sich um das Erkennen von Krankheiten geht, muss die Arbeitsassistenz es mir erklären, oder ich sage wie es aussieht, oder aussehen könnte. Ja alles nicht so einfach, aber jeder hat in seinem Beruf sein Handikap und es ist jedesmal anders.

 

Wer Lust hat und Neugierig ist, darf mich nach Voranmeldung 06243 – 384 oder mail info@weingut-giessen.de gerne in meinem Reich zu einer Weinsafari durch die Weinberge und Weinkeller sowie zu einem ausführlichen Weintasting besuchen. Ich freue mich auf zahlreiche Besucher.

 

Was mich reizt und interessieren würde wäre, meine Weine auch unseren Sehbehinderten und Blinden näher zu bringen. Leider fehlen mir die Kenntnisse und Möglichkeiten Braille und QR Codes für die Flaschen zu erstellen. Wir wollen versuchen auch unsere HP Barrierefrei zu gestalten.

 

Mit freundlichen Grüßen          

 

R. Gießen                                                       

1 Kommentar Rainer Gießen am 21.3.17 11:54, kommentieren