Was mich ärgert

Hallo!

 

Ist euch schon mal aufgefallen, dass man zum Beispiel im Fernsehen oder in Artikeln oft sagt oder schreibt, dass x an einer Krankheit LEIDET? Ja, das stinkt gewaltig nach Mitleidsbonus und ich hasse Mitleid.

Seltsamerweise sagen das nie die Betroffenen selbst. Zumindest wüsste ich kein Beispiel. Die meisten akzeptieren ihre Krankheit als ein Teil von ihnen. Ich bin nicht krank oder leide unter SMA, ich kann gut damit leben. Da leide ich mehr unter der Gesellschaft und den Behörden, die mich wesentlich mehr behindern.

Und wenn wir schon mal bei falschen Formulierungen sind: Ich bin nicht an den Rollstuhl oder an das Bett gefesselt! Das ist eine Beleidigung meiner Hilfsmittel. Der Rollstuhl ersetzt mir meine Beine, die nun mal nicht machen, was sie sollen. Das ist okay, aber ohne Rollstuhl bin ich halt echt aufgeschmissen, also streicht dieses Wort sofort aus eurem Wortschatz, liebe Journalisten. Bei meinem extraweichen Bett ist es nicht anders. Ich liebe und brauche es.

 

Liebe Eltern behinderter Kinder,

bitte behandelt eure Kinder niemals aufgrund einer körperlichen Behinderung irgendwie anders. Sie können trotzdem eigenständig denken und brauchen genauso Erziehung und Schule. Aus eurem Kind kann mal echt was werden, aber dazu müsst ihr konsequent sein und dürft nicht aus Mitleid nachgeben. Sicher ist ein Leben mit Behinderung manchmal schwer. Das will ich nicht bestreiten. Aber es ist machbar und vor allem kann man daran wachsen. Bitte tut eurem Kind den Gefallen!

 

Und zum Schluss:

Liebe/r Betroffene,

bitte nimm deine Krankheit an. Ich hör dich schon murren: "Das sagt die so leicht. Die hat doch keine Ahnung. Ich will nicht krank sein."

Schon klar, ich will auch nicht krank sein, aber ich bin es und du eben auch und keiner kann das ändern. Bei SMA nicht und bei deiner Krankheit offensichtlich auch nicht. Meine Güte, du hast doch gar keine Wahl. Willst du jetzt dein ganzes Leben lang deswegen rumheulen? Du kannst doch noch was und du hast eine Chance. Nutze sie! Jetzt! Sonst komme ich vorbei und gebe dir höchstpersönlich einen Tritt in den Hintern.

Und an alle, die Muskelschwund oder eine andere Krankheit, die mit zunehmendem Alter voranschreitet, haben: Ihr könnt die Krankheit nicht aufhalten. Egal wie sehr ihr es verhindern wollt, es wird trotzdem immer schlimmer werden. Bitte spart eure Kraft und kämpft nicht ständig dagegen an. Diese Kraft braucht ihr für ein schönes Leben. Dann ist es eben etwas kürzer, aber wenigstens habt ihr dann richtig gelebt und euch nicht mit diesem sinnlosen Kampf selbst gequält. Man kann gut mit SMA leben. Und wenn du willst, kannst auch du mit deiner Krankheit im Einklang leben. Du musst ihren Verlauf nicht auf Krampf aufhalten. Das bringt nichts.

 

Bis bald,

eure Rosalie 

Rosalie am 13.2.18 21:37, kommentieren

Der Reiseblog ohne Bilder stellt sich vor

Wer bin ich überhaupt?

Mein Name ist Daniel, ich bin 38 Jahre alt, freier Journalist, Blogger, Texter und Kommunikationsberater. Auch in meiner Freizeit bin ich kreativ. So führe ich auf meinen Reisen zum Beispiel immer ein Reisetagebuch, damit ich mich noch lange an die Dinge erinnern kann, die ich in den verschiedenen Ländern erlebt habe. Die meiste Zeit habe ich in Australien verbracht, wo ich 2010 meinen Master gemacht habe. Als ich wieder nach Hause kam, war ich nicht nur um eine ganz besondere Erfahrung reicher, sondern hatte auch eine zweite Familie am anderen Ende der Welt. Seitdem fliege ich immer wieder hin. 2015 war ich zur Hochzeit meiner Gastfamilie dort und 2017 habe ich sie mit einem kurzen Besuch überrascht.

Wenn ich in meiner deutschen Heimat bin, arbeite und lebe ich so, wie ich es will. Ich kann als Freiberufler meinen Laptop da aufklappen, wo ich es möchte: im Homeoffice, im Café, bei einer Wanderpause in der Eifel oder bei Kurztrips. Ich arbeite mit zwei weiteren Freiberuflern zusammen, die ich seit dem Studium kenne. Wenn wir skypen, sieht man im Hintergrund schon mal das Meer, die Berge oder eine Skipiste. Mein Beruf und mein Hobby passen also gut zusammen. Ich bin Blogger. Außerdem habe ich meine journalistische Karriere seinerzeit beim Radio begonnen. Da war der Weg zu den Audiobeiträgen im Reiseblog ohne Bilder nicht mehr weit 😉

Aber wie kommt man überhaupt auf die Idee, so einen „untypischen“ Blog zu machen?

Schon lange hatte ich den Wunsch, einen Reiseblog zu machen. Zuerst hatte ich über das Thema Australien nachgedacht. Da gibt es aber schon viele. Dann dachte ich übers Backpacken nach. Auch hier findet man viele Blogs. ich wollte nichts kopieren oder schlechter neu machen, das es schon in verschiedenen Formen gab. Also habe ich den Start immer wieder vor mir hergeschoben. Aber der Gedanke, einen Reiseblog zu starten, kam mir immer wieder in den Kopf. Und eines Tages kam die Idee im Gespräch mit einer Freundin. Sie fragte mich, was ich am liebsten machen möchte. Und das sind Audiobeiträge, weil nichts so intensives Kopfkino verursacht wie Atmosphäre, Stimme, verschiedene Geräusche und Musik. Außerdem sieht hier jeder seine eigenen Bilder vor dem geistigen Auge. Das ist doch geil?! Um zusätzlich zu polarisieren, wurde es der Reiseblog ohne Bilder. Die Idee hatte mich im ersten Moment gepackt und nicht mehr losgelassen.

Hast du schon bei der ersten Idee Menschen mit Handicap als Zielgruppe im Kopf gehabt?

Eines vorweg, damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich habe kein Handicap. Deshalb habe ich zunächst ehrlich gesagt nicht darüber nachgedacht. Am Anfang ging es mir vor allem darum, etwas Neues auszuprobieren und einen Reiseblog zu starten, den es in der Form noch nicht gab. Wie in jedem Projekt haben sich dann einige Dinge herauskristallisiert, als es anlief. Ich habe auch nach dem Start noch das Konzept nachjustiert, zum Beispiel die Struktur der Beiträge und Anmoderationen. Und in dem Zuge habe ich auch die Zielgruppen erweitert. Es gibt zum Beispiel auch eine ganze Reihe Leute, die sich über Reisen informieren wollen, aber zu faul sind, einen ewig langen Artikel zu lesen. Andere wollen solche Beiträge im Auto hören während der Fahrt. Lesen ist da auch eher schlecht. Im Zuge der weiteren Zielgruppenrecherche kam ich auch auf Sehbehinderte und Blinde. Ich habe in den Facebook-Gruppen vorsichtig nachgefragt, ob ich die Beiträge posten darf. Und die Reaktionen der User waren wirklich sehr gut.

Ein Mitglied der Gruppe hat sich sogar bei mir gemeldet für ein Interview. Er ist selber blind und reist jedes Jahr für eine ganze Weile. Finde ich super spannend. Natürlich verrate ich hier noch nicht, wer das ist. Das Interview kommt ja noch 😊
Aber gerade solche Geschichten sind doch eine Inspiration und Motivation für andere Menschen. Wir reden immer von Grenzen und Dingen, die wir angeblich nicht können. Wenn man aber einen blinden Menschen voller Begeisterung von seinen Reisen sprechen hört, sprengt das dann nicht jede Grenze in unseren Köpfen? Ist dann nicht klar, dass wir eigentlich alles machen können und alles möglich ist? In Gesprächen höre ich immer wieder, dass die Leute gerne reisen möchten, sich aber nicht trauen wegen ihres Jobs, ihrer Familie, ihrer Freunde. Wenn aber dann ein Blinder davon erzählt, wie er bei jeder Reise seine Grenzen überwindet, springen sie vielleicht über ihren Schatten.

Wo findet man den Blog?

Natürlich unter der URL

http://reiseblog-ohne-bilder.de, bei Facebook https://www.facebook.com/ReiseblogohneBilder/ , Instagram https://www.instagram.com/reiseblogohnebilder/, Pinterest https://www.pinterest.de/reiseblogohnebilder/ und auf iTunes (https://itunes.apple.com/de/podcast/rob-reiseblog-ohne-bilder-podcast-%C3%BCber-reisende-und/id1284720872?mt=2).

Daniel am 1.2.18 17:46, kommentieren

Gestatten, Torball mein Name

"Gestatten Torball. Blindentorball!" - Ein Gespräch mit einem ungewöhnlichen Sportgerät

 

Wollen wir zuerst einmal das formale klären: Wie wirst Du denn am Liebsten angesprochen?

Eigentlich ist mein korrekter Name Blindentorball, aber die meisten nennen mich Torball. Das ist schon o. k. so.

 

Was unterscheidet Dich denn von Sportgeräten anderer Ballsportarten?

Ach, so viel ist das gar nicht. Mit ca. 500 g hab ich ungefähr das Gewicht eines Fußballes und mein Umfang ähnelt in etwa so einer Mischung aus Volleyball und Fußball. Das einzige, was kein anderer meiner Ballkollegen und -kolleginnen zu bieten hat: Ich hab Metallringe in meinem Bauch.

  

Metallringe im Bauch? Das ist ja schon ziemlich skurril?

Na ja. Du solltest wissen: Ich diene als Spielgerät für Blinde und Sehbehinderte Sportler. Die tragen wären der gesamten Spielzeit eine lichtundurchlässige Brille. Da macht das schon Sinn, dass die mich durch das Rasseln der Metallringe über das Gehör orten können.

 

Klingt logisch. Kannst du uns auch etwas zum Spiel selbst sagen?

Vielleicht zuerst mal was zum Spielfeld. Du musst Dir eine Fläche von 7 x 16 Meter vorstellen. An den beiden Stirnseiten stehen jeweils Tore. Die sind sieben Meter breit und 1,30 Meter hoch. An der Mittellinie ist quer über das Feld eine Leine in 40 cm Höhe gespannt. Jeweils zwei Meter rechts und links der Mittellinie gibt es ebenfalls eine Leine in 40 cm Höhe, die quer über das Spielfeld gespannt ist. Dann sind da auf jeder Seite des Spielfeldes drei Spieler. Die werfen mich unter den Leinen durch und hoffen, dass ich beim Gegner den Weg ins Tor finde.

 

Drei Leinen auf Kniehöhe. Drei Spieler auf dem Feld, die Nichts sehen können. Dann fliegst Du noch durch die Gegend. Endet das nicht im Chaos?

Nein keineswegs. Das geht sogar sehr geordnet ab. Vor jedem Tor sind drei Teppichmatten geklebt. Die sind zwei Mal einen Meter groß. Daran können sich die Spieler orientieren. Zusätzlich haben die noch mannschaftsinterne akustische Absprachen, so dass die genau wissen, wo sie grade sind und wo sie mich hinwerfen müssen oder wie sie mich abwehren können. Dazu kommt noch, dass die drei Leinen in der Mitte des Feldes mit Glöckchen ausgestattet sind, die bei der geringsten Berührung der Leinen ein akustisches Signal geben. Übrigens: Die Berührung der Leinen ist bei Strafe verboten. Weder die Spieler noch ich dürfen da dran kommen.

 

Und wie läuft denn dann so ein Spiel ab?

Das ist gar nicht so kompliziert. Die beiden Mannschaften befinden sich jeweils wechselseitig im Angriff und in der Abwehr. Bin ich z. B. im Besitz von Mannschaft A hat diese acht Sekunden Zeit, mich unter den Leinen durch zu werfen. Gleichzeitig knien die Spieler von Mannschaft B auf dem Boden und erwarten mich. Wenn ich dann auf dem Weg zu Mannschaft B bin legen die sich blitzschnell auf die Seite, strecken sich aus und verbauen mir - leider - den Weg ins Tor. Dann haben die von Mannschaft B wiederum acht Sekunden Zeit, mich auf die Seite von Mannschaft A zu befördern und so geht das immer hin und her. Insgesamt zehn Minuten pro Spiel.

 

Wird Dir dieses hin und her nicht irgendwann langweilig?

Nein, Überhaupt nicht. Da steckt ja noch mehr dahinter. Da gibt es z. B. Spieler, die können mich so schnell und leise werfen, da bin ich schon im Tor, bevor die in der Abwehr überhaupt merken was los ist. Das ist schon witzig, wenn Du aus dem Tor dann zuschauen kannst, wie die hinfallen und weißt genau: Ätsch. Zu spät. Aber noch mehr Spaß hab ich bei den Spielern, die mich so werfen können, dass ich im Spielfeld der abwehrenden Mannschaft zu hoppeln anfange. Da komm ich zwar nicht so schnell an, dafür kannst Du aber schon auf dem Weg das Chaos im Gesicht der Abwehrspieler sehen und genießen. Die wissen genau: Gleich trifft mich dieser blöde Torball so, dass er irgendwo weiter Richtung Tor springt. Was für ein Spaß, wenn ich denen zuschauen kann, wie sie verzweifelt versuchen mich vom Weg ins Netz ab zu halten, genau wissend: Ihr kriegt mich ja doch nicht.

 

Du hast vorhin von dem Verbot gesprochen die Leinen zu berühren?

Ach ja. Das ist auch noch so eine Besonderheit, die ich außerordentlich witzig finde. Es gibt da noch den Schiedsrichter, der u. a. darüber wacht, dass diese Leinen nicht berührt werden. Sollte das dann doch einmal passieren, wird der Verursacher für einen Angriffszug der gegnerischen Mannschaft des Feldes verwiesen. Leider sind die Spieler in der Regel schon so gut konditioniert, dass die von sich aus eher selten an die Leinen packen. Da muss ich halt dann für ein bisschen Leben in der Bude sorgen. Ich mach mir dann schon mal einen Spaß daraus die Leinen selbst zu berühren. Du solltest mal die Verzweiflung bei manchen Spielern sehen, wenn das öfter vorkommt. Die fallen da teilweise richtig vom Glauben ab. Ich grins mir dann immer eins und denke: Ups, Kann schon mal passieren - Gelle.

 

Das hört sich nach viel Spaß an - also zumindest für Dich. Wie viele Kollegen von Dir teilen denn Dein Vergnügen und wo kann man Dich mal erleben?

Wir sind eigentlich über ganz Deutschland verteilt. Es gibt seit einigen Jahren eine Torball-Bundesliga; hierarchisch unterteilt in drei Spielklassen. Da sind wir bis zu sechs Mal im Jahr aktiv. Darüber hinaus finden über das Jahr verteilt auch deutschland- und europaweit Freundschaftsturniere statt. Also, wir bekommen schon ordentlich Einsatzzeit. Es gibt auch noch eine Torball-Nationalmannschaft, die sich regelmäßig zu Lehrgängen trifft und zu Welt- und Europameisterschaften fährt. Auch da sind dann Kollegen von mir mit dabei.

 

Bei allem Spaß, den Du offensichtlich hast; Hier zum Schluss doch noch mal was Ernsteres: Stichwort Inklusion. Ist das bei euch auch ein Thema?

Selbstverständlich. Das wird im Torball schon seit vielen Jahren aktiv gelebt. Meine Kollegen und ich werden von Sehenden, Sehbehinderten und Blinden gleichermaßen durch die Sporthallen der Republik gescheucht. Da sowieso alle Spieler diese lichtundurchlässige Brille tragen müssen, ist es auch vollkommen egal wie groß der Sehrest noch ist. Unter der Brille sind eh alle gleich. Ich würde sogar noch ein Stück weiter gehen wollen und sagen, dass der Torball eine der wenigen Sportarten ist, wo sich „Nicht Behinderte“ den Gegebenheiten von „Behinderten“ anpassen müssen und nicht umgekehrt. Wollte man diesen Gedanken auf die Spitze treiben, könnte man sogar sagen: Hier inkludieren die „Behinderten“ Sportler die „Nicht Behinderten“ Sportler.

 

Ein interessanter Gedanke; Wenn jetzt jemand den Torballsport mal näher kennen lernen möchte: Wo kann man denn mehr über Dich und Deine Kollegen erfahren?

Da kann ich Dir eine gute Homepage ans Herz legen:

www.blindentorball.de

Dort erfährst Du noch viel mehr über mich, meine Kollegen und den Torballsport. Es gibt dazu auch eine Facebook-Seite. Wenn Du da mal nach Blindentorball suchst und die Seite abonnierst bekommst Du immer die neuesten Infos rund um den Torball.

 

Sehr schön. Vielen Dank für das Gespräch und viel Spaß in Zukunft.

Ich bedanke mich auch und würde mich freuen, demnächst mal einige Leser im wahrsten Wortsinn persönlich treffen zu dürfen.

 

      

Markus am 16.1.18 19:01, kommentieren

Mit Braille das erste Geld verdienen

Mit dem sehr geringen Sehrest von 2% auf einem Auge war in den Jahren meiner Schulzeit auf der CSS die Braille-Schrift die einzige Möglichkeit zur optimalen Bearbeitung des Lehrmaterials. Erlernt habe ich sie bereits in Paderborn.

 

In den Jahren 77-85 gingen in der Blista eine Menge sehr positive Veränderungen vor zu denen auch das ermöglichen von Schülerjobs gehörte, und so erkannten einige Blista-Schüler, unter denen auch ich mich sehr bald befand, dass die Brailleschrift nicht nur gut und wichtig zum Lernen, sondern auch gut geeignet schien mit ihr das erste eigene Geld zu verdienen. Und so sprach ich in der Montageabteilung der mechanischen Werkstatt am Schlag 8 vor, denn dort wurden die Marburger Bogenmaschinen zusammengesetzt und sollten vor der Auslieferung an die Kunden in ihren Funktionen noch einmal gründlich geprüft werden.

Ich wurde auch recht schnell eingestellt und prüfte im Zeitraum von 1981-1983 mit einigen meiner Schulkameraden nun diese Maschinen, was sich während unserer Freistunden und an freien Nachmittagen immer sehr gut einrichten ließ. Die Prüfung der Maschinen bestand aus dem Schreiben eines DIN A3seitigen Braille-Textes, den wir dann auch sehr bald auswendig wussten, wir wurden schneller.

 

Zwischen Ingolf A., Konrad B. und mir entspannen sich regelrechte Wettkämpfe, wer denn von uns der schnellere sei, aber mehr als 12 Maschinen pro Stunde schaffte von uns keiner. Die Produktion der Maschinen lief auf Hochtouren, man war mit uns zufrieden, das brachte uns sogar recht bald einen höheren Stundenlohn ein, denn man erhöhte diesen von 6,50 auf 7,00 DM. Es kam bei vielen Freistunden (ohne blau zu machen, versteht sich) durchaus auch vor dass man recht leicht über 100 DM pro Monat verdienen konnte.

 

Leider war diese lukrative Nebentätigkeit dann ab Sommer 1983 nicht mehr so einfach möglich weil die Blista die Produktionsstätte nach außerhalb Marburgs verlagerte. Ich aber hatte mir schon längst wieder eine andere Möglichkeit gesucht innerhalb der Blista als Schüler Geld zu verdienen.

 

Kurz vor den Sommerferien 1981 bestand ich neben der mittleren Reife auch noch die Telefonistenprüfung. Die Ausbildung zum Telefonisten dauerte ca. ein halbes Jahr und ich absolvierte diese in der Blista, Ausbilder war Herr Wieser. Die Prüfung, die damals sogar noch von der OPD Frankfurt abgenommen wurde, bestand aus einem schriftlichen und einem mündlichen Teil.

 

Nach den Sommerferien 1981 sollte die Telefonzentrale bis 18:00 besetzt werden, die Besetzung von 16:00-18:00 erfolgte durch geprüfte Schüler, ich war dabei, Stundenlohn 5 DM. Ich wollte aber mehr! Wusste ich doch, dass der damalige Telefonist Ingo B., mit dem ich recht gut befreundet war, während der Sommerferien über große Langeweile klagte und deshalb in den Folgejahren den größten Anteil seines Jahresurlaubs nehmen würde. Und so schrieb ich eine Bewerbung an die Direktion.

Einige Wochen vor den Sommerferien 1982 saß ich in der Telefonzentrale, Herr Hertlein klopfte an, steckte den Kopf kurz in die Tür und sagte zu mir, dass ich den Job hätte, Monatsgehalt 1.400 DM, und schon ging es für ihn weiter, ich war baff!

 

Und so war dieser Lukrative Ferienjob in den Folgejahren mir, ich aber fand es besser, nicht alles allein einzustreichen und teilte mir den Job 1983 und 1984 mit 2 Schulkameraden. Die Arbeitsatmosphäre war fast schon familiär und ich hege bis zum heutigen Tag allerbeste Erinnerungen daran und erzähle auch ab und zu mal gern davon.

 

Die Tätigkeit als Sommerferientelefonist war umfangreich und ohne die Braille-Schrift nicht möglich; denn es mussten neben Monatsabrechnungen von Telefongebühren auch noch Briefe von Braille in Schwarzschrift, die größtenteils an die Hör- und Punktschriftbücherei gerichtet waren, übertragen werden.

 

Herr Dr. Spiegelberg, seinerzeit Schulleiter, sagte mal während eines Mittagessens zu mir, dass Telefonist doch auch eine gute Berufswahl für mich sei da man nach den Sommerferien 1982 doch allgemein des Lobes voll war. Es lief in den Jahren 1981-1982 nicht ganz so gut in der Schule für mich, jedoch bestand ich mein Abi, schrieb aber auch vorsichtshalber eine Bewerbung im Herbst 1984, denn ich spekulierte auf den in Wehrda eingerichteten Telefonisten- und Pförtner-Arbeitsplatz. Daraus aber sollte jedoch nichts mehr werden, den bekam im Sommer 85, als ich noch arbeitssuchend war, einer meiner besten Freunde, für den ich mich nach seiner Arbeitslosigkeit von über 2 Jahren, unter welcher er sehr litt, aufrichtig mit ihm zusammen freute. Und die Urlaubsvertretung von Alfred E. spülte mir während meiner 4monatigen Arbeitslosigkeit Geld in die Kasse. Durch die Urlaubsvertretungen von Ingo B. und Alfred E. und das Maschinen Einschreiben war ich da quasi nur einen Monat ohne Geld.

 

1 Kommentar Ralf Heywinkel am 6.1.18 20:54, kommentieren

Die Brailleschrift, altmodisch oder doch modern?

Ich war neun Jahre alt, als ich die Brailleschrift erlernte. Damals wechselte ich im dritten Schuljahr von einer Schule für sehbehinderte Kinder auf eine Blindenschule mit Internat. Das war für mich eine große Umstellung. Einerseits war der Alltag komplett anders strukturiert, als ich es von zuhause aus kannte, gleichzeitig erlernte ich die Brailleschrift, eine für mich ungewohnte Art zu schreiben und zu lesen. Ich hatte vorher mit Lupen, Fernsehlesegeräten und Unterlagen in Großdruck gearbeitet. Aber nie so effektiv, dass ich ein Buch in normaler Geschwindigkeit hätte lesen können. Damals vermisste ich es auch nicht. Als Kind dachte ich, es sei eben so, fertig!

 

Das erste Schreibgerät für Brailleschrift, das ich am ersten Tag in der Blindenschule kennenlernte, war eine Punktschriftmaschine. Diese wurde mittels Tasten bedient. Jede Taste war einem bestimmten Punkt zugeordnet. Und je nach Tastenkombination konnte man auf diese Weise Buchstaben, Zahlen oder Satzzeichen erzeugen. Ich lernte, dass man dazu Papier verwendete, welches etwas dicker war, als herkömmliches Schreibpapier, das ich von den ersten Schuljahren her kannte.

 

Ebenso umfangreich sind Bücher in Braille. Für eine normal beschriebene Din a4 Seite braucht man gut drei Seiten auf Braille. Durch die Maschine, die die Brailleschrift erzeugt, ist diese immer gleichgroß. So was wie kleiner oder größer schreiben, das geht in Braille nicht. Was es in Braille auch nicht gibt, ist Schreibschrift. Die Buchstaben haben also stets dasselbe Schriftbild. Außerdem ist die Brailleschrift systematisch und logisch aufgebaut. Wer normale Schrift lesen kann, und ein bisschen logisches Denken beherrscht, kann die Blindenschrift schnell erlernen.

 

Ich konnte lesen und schreiben, und ich war neugierig. Erst recht, als ich merkte, dass ich ohne die Augen zu sehr anzustrengen lesen und schreiben konnte. Damit war mein Weg als angehende Leseratte geebnet. Ich konnte einfach so in die Schulbücherei gehen und mir ein Buch ausleihen. Das war einfach großartig.

 

Bei der Brailleschrift unterscheiden wir zwischen mehreren Möglichkeiten:

  1. Vollschrift. Man schreibt jeden Buchstaben einzeln hin. Die Buchstaben erscheinen also eins zu eins auf dem Blatt.

  2. Kurzschrift. Hier gibt es für häufig verwendete Zeichenketten, Wörter oder Silben Abkürzungen. Damit kann man Bücher schneller lesen, und auch entsprechend schneller schreiben. Auch ist sie Platzsparender als die herkömmliche Vollschrift. Diese Kurzschrift ist standardisiert, und wurde bei mir im fünften Schuljahr unterrichtet.

  3. Stenographie. Hier wird noch mehr abgekürzt. Ich habe mal eine AG mitgemacht, und die Grundzüge erlernt. Um damit aber wirklich stenographieren zu können, braucht es viel Ausdauer. Wie bei der herkömmlichen Stenografie auch. Hierfür wurde ein anderes Schreibgerät verwendet, der Stenoschreiber, der einen langen Streifen produziert. Er ist leiser, kleiner und leichtgängiger als die herkömmliche Punktschriftmaschine. Damit fallen Dinge wie Zeilenschaltung als Zeitkiller weg.

 

Inzwischen gibt es die Brailleschrift in allen Ländern, die blinden Menschen Bildung ermöglichen. Die Grundzüge sind dieselben, da die Geräte zur Erstellung von Blindenschrift genormt sind. Ganz gleich welches Modell verwendet wird. In vielen Ländern können sich die Schüler die Punktschriftmaschinen nicht leisten, da diese recht kostspielig sind. Hier werden mittels einer Schreibtafel und einem Griffel die Punkte einzeln eingestanzt. Es ist mit viel Fleiß und Übung verbunden, aber machbar eine passable Schreibgeschwindigkeit zu bekommen. Doch für diese Menschen ist es die einzige Möglichkeit sich selbständig etwas zu notieren.

 

Heute schreibe ich das meiste über die Tastatur meines PC, und lese meine Texte meist mit einer Sprachausgabe, deren Vorlesegeschwindigkeit ich meinen Bedürfnissen anpasse. Dennoch möchte ich meine Braillezeile nicht missen, die mir den Bildschirminhalt in Braille ausgibt. Gerade wenn ich mit Zahlen arbeite, möchte ich das Geschriebene lieber unter den Fingern haben.

 

Auch unterwegs ist das Smartphone   mit seiner sprechenden Bedienungshilfe Voiceover mein ständiger Begleiter. Und ja, man kann seinen Text sogar in das Gerät diktieren, und daraus Schrift machen lassen. Die Spracherkennung hat diesbezüglich große Fortschritte gemacht. Und manchmal mache ich das auch so. Aber am liebsten nutze ich die Möglichkeit der Brailleeingabe über das IPhone. Das ist am Anfang etwas nervig und erfordert etwas Übung. Dafür ist das schreiben damit präziser als die Diktierfunktion. Und ich kann meinen Text überall schreiben, ganz gleich ob am Schreibtisch, auf einer Parkbank oder im Bus. Außerdem brauche ich im Gegensatz zur Spracherkennung keine stabile  Internetverbindung. Und das macht mich ein stückweit unabhängig. Tja, und einen Text in das Iphone zu diktieren, während die Menschen in der voll besetzten U-Bahn dabei zuhören können, ist auch nicht so mein Fall. Denn so sehr liegt mir die Unterhaltung anderer Fahrgäste doch nicht am Herzen.

Lydia Zoubek am 4.1.18 12:42, kommentieren