Blind geheim wählen - wie geht das?

Hallo,

heute möchte ich kurz erzählen, wie ich ohne sehende Hilfe und ganz geheim meine Stimme bei der Landtagswahl NRW am 14.05.17 abgeben konnte.

 

Bereits ein paar Wochen vorher habe ich per Post gemeinsam mit meinen Wahlunterlagen eine Wahlschablone erhalten. Sie ist ungefähr so lang und breit wie ein Wahlzettel, unterscheidet sich aber sehr von ihm. Die Wahlschablone ist in zwei Spalten unterteilt: Erststimme und Zweitstimme. Statt der Namen der Parteien befinden sich in jeder Spalte  Zahlen von 1 bis 35 und direkt rechts oder links daneben ein Loch. In dieses Loch kann man sein Kreuzchen machen. Damit der Zettel nicht herausrutscht, ist oben eine geschlossene Kante. Trotzdem ist es schwierig, diesen Zettel richtig und gerade in diese Pappschablone einzulegen. Welche Partei welcher Nummer entspricht, ist einer CD zu entnehmen, die in alle über 100 Wahlkreise unterteilt ist.

 

Mein Fazit: Gute Idee aber mit Verbesserungsbedarf!!!! Die CD ist nicht das ideale Medium, denn man muss sich weit vor der Wahl mit der Liste beschäftigen. Und ich weiß nicht, ob jeder weiß, welchem Wahlkreis er angehört...

 

Habt ihr auch Erfahrungen mit der Wahlschablone gemacht? Falls ja, schreibt sie in die Kommentare. Ich bin gespannt, was ihr davon haltet!!!

 

Bis ganz bald

eure Carina

   

Carina am 23.5.17 10:55, kommentieren

Berufsbilder blinder und sehbehinderter Menschen Teil 8: Sebastian, der blinde Volkswirt

Hallo,

 

Ich bin der Sebastian, Jahrgang 1984 und seit dem Kleinkindalter blind. Habe mein Abitur 2003 an einer Blindenschule gemacht und möchte nun mal von meinem beruflichen Werdegang berichten.

 

An erster Stelle steht da die Berufswahl. Zu diesem Zweck gibt es ja in der 9. und 10. Klasse ein Praktikum, bei mir von je zwei Wochen. Aus meiner Sicht hat das der Findung eines möglichen Berufes nicht so wirklich viel beigesteuert. Vielleicht auch, weil für mich ein Studium angedacht war und das ja dann noch einige Jahre hin waren. Als Junge möchte man natürlich gern in den technisch- naturwissenschaftlichen Bereich, also Physik, Chemie, Elektrotechnik, Ingenieur, vielleicht sogar Medizin... Aber aus Behinderungsgründen wurde mir davon abgeraten. Gut, Arzt ist tatsächlich schwierig, obgleich es auch Mediziner im Büro gibt, was nicht so spannend für mich währe. Erst später habe ich mal von einem blinden Physikstudenten gelesen. Also gut, da wurde mir abgeraten. Mit dem Computer habe ich den Einstieg erst später gefunden, also habe ich Informatik von mir aus ausgeschlossen.

 

Meine nächste Idee war dann Wirtschaft. Das hilft, die Politik und das Handeln der Menschen und Unternehmen besser zu verstehen. Da hat mir keiner abgeraten. Ich habe mich für die Volkswirtschaftslehre entschieden, weil diese vielseitiger sein sollte. Meine Fächerkombinationen habe ich dann auch schön offen gewählt, dass man in vielen Bereichen Arbeit finden kann.

 

Im Studium habe ich dann gemerkt, dass es doch sehr visuell ist. Es wurden gerade in den Wirtschaftsfächern die wichtigen Zusammenhänge über Diagramme erklärt. Ist ja für den der es sieht sehr eingängig. Erklärt wurde es von den Tutoren mehr oder weniger gut, oft kam ich in der Vorlesung nicht mit. Noch schwieriger war es, wenn an der Tafel etwas vorgerechnet wurde und das wurde viel gemacht. Selbst wenn es angesagt wird, mitschreiben habe ich so schnell nicht geschafft, also Stichpunkte bei inhaltlichen Vorlesungen machen ist kein Problem, aber komplette seitenlange Rechnungen mitschreiben, dass ist mir nicht geglückt. Auch mitdenken war so schnell nicht möglich. Oft bin ich dann bei solchen Vorlesungen gar nicht mehr hin gegangen und habe es nachgearbeitet.

 

Für das Studium habe ich kaum mehr als die Regelstudienzeit gebraucht. Habe mir jedoch auch keinen wirklichen Urlaub gegönnt. Obgleich mir die Motivation oft schwer gefallen ist. Dann sitzt man den ganzen Tag lustlos vor seinen Materialien am Computer und stellt am Abend fest, dass man fast nichts gemacht hat, will dass dann in zwei Stunden nachholen, es wird spät und man wird morgens nicht wach. Wenn man das Studentenleben genießen möchte, braucht man sicher länger. Das zweite Problem bei so schnellem Studium ist, dass man es nur für die Prüfung lernt und dann wieder vergisst, es kommt nicht ins Langzeitgedächtnis.

 

Die breite Ausrichtung des Studiums war auch nicht unbedingt gut. Man kann in vielen Bereichen arbeiten, es wird aber auch immer einen geben, der für eine bestimmte Stelle besser passt. So habe ich nach dem Studium zwei Jahre nur Bewerbungen geschickt und Einstellungsgespräche besucht. Dann habe ich zwei Jahre gearbeitet, vor Ablauf der Frist schon wieder gesucht, hatte nach kurzer Unterbrechung was für drei Jahre. Da sich das als nicht so optimal herausstellte, habe ich praktisch gleich weitergesucht. Dennoch war ich schon gut ein Jahr arbeitslos, bis ich nun meine dritte Stelle fand. Wenn man mal von einer kurzen Unterbrechung absieht, war ich von Anfang 2008 bis Herbst 2016 nur im Bewerbungsprozess. Da hab ich die meisten Erfahrungen, das Arbeitsamt müsste mich eigentlich liebend gern als Mitarbeiter gewinnen wollen... Ein Vermittler dort meinte mal zu mir "einmal Arbeitsagentur, immer Arbeitsagentur" und das scheint leider viel zu oft zu stimmen. Nicht nur bei Blinden, auch in meinem Umfeld von Nicht-Behinderten beobachte ich deutliche Schwierigkeiten mit der Arbeitssuche.

 

Also vielleicht wäre es besser, sich zu spezialisieren. Dann muss man allerdings wissen, was man will und das war nie meine Stärke. Auch die Studienberatung war nicht besonders hilfreich. Ich denke, es müsste einen auf psychologischen Tests basierendes Findungsverfahren geben. Das man praktisch anhand seiner persönlichen Neigungen, ggf. der Einschränkungen durch die Behinderung und natürlich in Anbetracht des Arbeitsmarktes beraten wird, welche Fächer für einen  in Frage kommen. Jetzt hätte ich andere Ideen, was ich studieren würde. War mir nur nie sicher genug, um noch ein zweites Mal zu studieren. Also die Studienwahl ist ein schwieriges Thema und man sollte sie sorgfältig durchführen.

 

Für Prüfungen habe ich Sonderregeln verhandelt. Entweder eine Zeitverlängerung und schreiben an meinem Computer, oder auch mündlich. Vom Zeichnen hat man mich dann zumindest in der Prüfung verschont. Obgleich ich in der Schule gezeichnet habe. Gehen tut das schon irgendwie. Viele Professoren haben mir die Materialien noch in einer besser zugänglichen Form gegeben, gerade bei der Ökonometrie/Statistik gab es vieles in LaTeX. Das ist ein textbasiertes Schriftsatzsystem. Wenn man die Befehle kennt, ist es auf der Braillezeile gut zu lesen. Man muss immer Fragen, was sie einem geben können. Bücher hatte ich kaum. Habe viel mit meinen Mitschriften, den Unterlagen und meiner Studienassistenz gelernt.

 

Die Integrationshilfe in Form von Studienassistenz war für mich sehr hilfreich. Da bekam ich finanzielle Unterstützung für 15 oder 20 Stunden in der Woche, um mir jemanden zu nehmen, der mir beim Studium hilft, Abbildungen, Vorlesungsmaterial etc. beschreibt bzw. diktiert, oder einfach Nachhilfe gibt. Wie das genau aussieht, das hängt vom Studienfach ab. Für textbasierte Fächer habe ich keine Hilfe gebraucht. Für die Ökonometrie dafür umso mehr. Das waren alles Mitstudenten, die entweder gleichzeitig oder schon vorher das Fach besuchen/besucht haben.

 

Zudem hatte ich einen Laptop mit Braillezeile, 40 Zeichen.

Es ist zu überlegen, ob man nicht ein Notizgerät nimmt. Das ist leichter, kleiner, schneller draußen und geht nicht so schnell leer. Habe jetzt privat die Eurobraille Esys 40. Nur ich finde die Tasten zum schreiben nicht so gut Auf einer normalen Tastatur kann ich viel besser tippen. Bei dem Papenmeier-Notizgerät sind die Tasten besser, habe es mir Ende 2012 mal angeschaut, es ist allerdings doppelt so schwer wie die Esys und hat eine konkave Zeile, was ich nicht so mag. Wenn man Excel und Internet in der Uni braucht ist der Laptop besser. Damals war das mit den Notizgeräten noch nicht ganz so verbreitet. Jetzt gibt es noch mehr Braillezeilen mit Notizfunktion. Auch die kleinen Netbooks kamen später auf. Ich finde 11 Zoll sollten es schon sein, hängt aber von der Handgröße usw. ab. Muss jeder probieren, welche Größe ihm liegt. Damals hatte ich einen mit 14 Zoll, jetzt auch einen mit 11,8.

 

Scanner und Schwarzschriftdrucker hatte ich auch. Scanner braucht man aber nicht so oft, wie man denken könnte. Die Texterkennungssoftware ist da schon wichtiger, für PDF aus dem Internet. Und Drucker halt für Briefe und Arbeiten zum einreichen, obwohl man das auch oft per Mail kann. Also beides nicht unverzichtbar.

 

Hab ich das Studium also abgehandelt, und wende mich dem Beruf zu.

Hatte 2007 im Studium ein sechswöchiges Praktikum auf freiwilliger Basis.

Nach zweijähriger Arbeitslosigkeit fand ich 2010 meine erste Arbeitsstelle. Habe dort Statistik und Prognose in der Statistik der gesetzlichen Krankenversicherung gemacht. In erster Linie Finanzstatistik, aber auch Mitgliederstatistik. Zudem einige Recherchen. D. h. viel mit Excel, aber auch etwas Internetrecherche und Sachen zusammenschreiben. Hab mich dort sehr wohl gefühlt und auch die Arbeit ist mir ganz gut geglückt.

 

Meine zweite Arbeit von 2012 bis 2015 war von der Sache her ähnlich, jetzt Statistik und Prognose der Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit. Nur der Teufel liegt im Detail, so kam ich mit dieser Arbeit deutlich schwerer zurecht. Auch habe ich mich vom Umfeld her nicht so wohl gefühlt. Das wurde besser, nachdem fast alle vom Referat gewechselt haben, nur die Schwierigkeiten mit der Arbeit blieben. Na, war eh nur befristet.

 

War dann wieder ein Jahr arbeitslos und habe Ende 2016 meine dritte und bis zum Tag des Schreibens aktuelle Arbeit gefunden. Hier läuft es bis jetzt wieder gut, persönlich und von der Arbeit her. Es ist wieder viel mit Excel-Tabellen und so Datenrecherche und Auswertung, auch Presseauswertung. Alles drei Büroarbeiten, also schon irgendwie ähnlich.

 

Habe bis jetzt immer Vollzeit gearbeitet. Da noch etwa 10 Stunden Wegezeit pro Woche hinzukommen, ist das allerdings recht viel. Könnte mir gut vorstellen, später auch mal weniger zu arbeiten, oder aufzuhören, wenn es die Finanzen erlauben.

 

Für die Arbeit habe ich ebenfalls einen PC mit Braillezeile, stationär mit 80 Zeichen, zum Mitnehmen auch 40. Bei meiner jetzigen Arbeit bekam ich einen dienstlichen Laptop.

 

Den Arbeitsweg erledige ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Wenn es keine Einschränkungen bei der Bahn gibt, funktioniert das auch sehr gut. Kann aktuell sogar durchfahren. Habe mir auch einige Ausweichrouten zeigen lassen. Alles kann man jedoch nicht abdecken.

 

Wenn man eine Arbeit anfängt kann man nicht nur die nötige technische Arbeitsplatzausstattung, sondern auch blindheitsbedingte Qualifikationen wie Umgang mit den PC-Hilfsmitteln und natürlich einem Mobilitätstraining beantragen. Das wird bei der Arbeitsagentur beantragt. Wer schon 15 Jahre im Berufsleben steht, der beantragt bei der Rentenversicherung, welche sich mit der Genehmigung jedoch deutlich schwerer tut.

 

Was sicher für den Arbeitsweg, aber auch für alle anderen Wege wichtig ist, sind meine Bahnhofsbeschreibungen unter:

http://mobil.kuubus.de

Die Seite freut sich immer über neue Einsendungen.

 

Meine private Seite findet ihr unter:

www.sebastianfietz.de

 

1 Kommentar Sebastian Fietz am 3.4.17 12:53, kommentieren

Blognews 1/2017: Was bzgl. Blog in den letzten 3 Monaten passiert ist

Hallo,

 

mittlerweile gibt es uns schon fast ein halbes Jahr. Ende 2016 gab es ja bereits einen kleinen Jahresrückblick, aber in den letzten drei Monaten hat sich so einiges getan. Was das so ist und was für die nächste Zeit so ansteht, erzählen wir euch heute in diesem Bericht.

 

1. Zahlen und Fakten

In den letzten Monaten haben sehr viele Leute ihren Weg zu uns gefunden. Insgesamt können wir uns nun über 3257 Besucher, 11 Gästebucheinträge, über mehr als 30 Kommentare und 25 Abonenten freuen. Auch wir Autoren waren fleißig und haben nun insgesamt 92 Artikel verfasst.  Wie ihr vielleicht schon gemerkt habt, haben wir Zuwachs bekommen: Neben einiger Gastautoren, die unter anderem auch für unsere Artikelserie zum Thema Beruf tätig waren, haben wir mit Rosalie, Luisa und vielen Anderen  weitere Autoren für unser Team gewinnen können, dass nun aus ca. 30 Autoren besteht.

 

2. Social Media

Neben einem Twitter-Account (@AndereBlogger) haben wir jetzt auch Facebook (anders und doch gleich)und Instagram (anders_und_doch_gleich). Vor allem bei Twitter und Instagram gibt's regelmäßig Neuigkeiten. Für interne Zwecke wurden zudem weitere WhatsApp-Gruppen und eine Mailingliste geschaffen, um den Austausch und die Zusammenarbeit unter den Autoren zu erleichtern.

 

3. Medien und Öffentlichkeitsarbeit

Auch in den Medien waren wir relativ aktiv: Im Januar erschien ein ausführlicher Artikel im Newsletter BBSB-Inform, woraufhin die Besucherzahlen massiv anstiegen. Außerdem wurde unser Link einmal über den Newsletter Horus-Aktuell verschickt. Weiterhin ging auch unser Aufruf für die Artikelserie "Berufsbilder blinder und sehbehinderter Menschen" über diesen Newsletter. Diesem Aufruf ist es zu verdanken, dass in dieser Serie ca. 15 Artikel erscheinen werden. Außerdem sendete Ohrfunk Ende März mehrfach ein Interview, dass der Chefredakteur Eberhard Dietrich mit unserer Autorin und Mitbegründerin Carina T. geführt hat.

 

4. Prominenter Supporter für den Blog

 

Auf Carinas Initiative hin konnten wir zudem den selbst hochgradig sehbehinderten Buchautor und Unternehmer Saliya Kahawatte als Supporter für unser Projekt gewinnen. Neben kleinen Social Media Aktionen veröffentlichte er auch scho einen Text über uns und unser Projekt samt Gruppenbild auf seiner Stiftungshomepage. Diesen findet ihr unter folgendem Link:

https://saliyafoundation.de/aktuelle-projekte/

 

5. Was bringt die Zukunft?

Das ist eine wirklich gute Frage, die uns oft auch von Interessierten an unserem Projekt gestellt wird. Ehrlich gesagt, wissen wir das nicht so genau: Vielleicht drehen wir mal Videos, produzieren Audio-Dateien, machen ein Blogtreffen… Es gibt soooo viele Möglichkeiten. Eins können wir euch aber garantieren: Wenn es etwas Neues gibt, dann erfahrt ihr das auf jeden Fall auf dem Blog und über Social Media. Also fleißig unsere Medien verfolgen!!! J

 

 

 

6. Dank

Alle Leute und Organisationen aufzuzählen, denen wir zu Dank verpflichtet sind, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Wenn ihr wissen wollt, wer das alles war und ist, dann schaut auf unserer Seite "Danksagungen" vorbei. Diese findet ihr in der Kategorie "So kannst du uns unterstützen".

 

Auf weitere so erfolgreiche drei Monate!!!!

Euer Team von anders-und-doch-gleich

 

anders-und-doch-gleich am 31.3.17 15:00, kommentieren

Wie ich eine Zugfahrt erlebe

       Hallo,

für mich wird es bald ernst:

In weniger als einer Woche beginnt für mich das Studium an der Technischen Hochschule Köln. Um da irgendwann einmal auch alleine hinzukommen, habe ich hart trainiert. Von meiner Zugfahrt zur TH und meinen Gedanken während dieses Weges möchte ich heute erzählen.

Ich stehe auf dem Bahnsteig und warte auf den Zug in Richtung Köln. "Es ist 10 Uhr 50", verkündet meine Uhr. Meine Ohren sind gespitzt. In wenigen Minuten wird der Zug eintreffen. Da höre ich auch schon die Ansage: "Einfahrt RE7 nach Reine über Dormagen und Köln Hauptbahnhof." Kaum ist die Ansage verstummt, da vernehme ich schon das aufgeregte Knistern und Quietschen der Gleise und die Geräusche des heranfahrenden Zugs. Als der Regionalexpress dann mit einem leisen Schnauben anhält bewege ich mich auf den Zug zu und taste mich an ihm entlang, immer auf der Hut vor dem Spalt zwischen Zug und  Bahnsteigkante. Irgendwann habe ich dann eine Tür entdeckt und steige erleichtert ein. Geschafft! Nun noch einen Sitzplatz finden. Ich drehe mich nach rechts und taste mich vor, bis mein Stock an die Sitzreihen stößt. Vorsichtig strecke ich die Hand aus und berühre den Sitz rechts neben mir. Aber da ist nur das samtige Sitzpolster, also ist der Platz frei. Ich lasse mich erleichtert auf den Sitz fallen und stelle meinen Timer auf 20 Minuten, um rechtzeitig wieder in Richtung Tür gehen zu können. Nun kann ich entspannt meine WhatsApp-Nachrichten lesen oder mich mit meiner Begleitung unterhalten.

 

Circa 20 Minuten später reißt mich mein Timer wieder aus den Gedanken. Ich stecke mein Handy in die Tasche und stehe auf. Langsam gehe ich durch den Zug in Richtung Tür. "In einem fahrenden Zug zu laufen, ist ganz schön schwierig", denke ich, während ich versuche, bei der ganzen Schaukelei das Gleichgewicht zu halten. Zum Glück finde ich einen dieser metallenen Haltegriffe, an dem ich mich festhalte, während der Zug in den Kölner Hauptbahnhof einfährt. Als der Zug zum Stehen kommt und ich gerade auf den Türöffner drücken will, spricht mich eine Frau an: "Entschuldigen Sie, Sie stehen auf der falschen Seite." "Oh, danke", antworte ich und mache mich daran, den Zug zu verlassen. Doch dann stehe ich vor dem nächsten Problem: Wo sind die Treppen? Und wieder kommt Hilfe: "Zu den Treppen geht's rechts rum", sagt dieselbe Frauenstimme. Wieder bedanke ich mich und mache mich auf den Weg. Nur wann kommen diese verflixten Treppen? Warum gibt's hier keine Leute, an denen ich mich orientieren kann? Als mir eine junge Frau anbietet, mich zu den Treppen zu bringen, nehme ich das Angebot erleichtert an und hake mich bei ihr ein. Am unteren Ende der Treppe verabschiede ich mich von ihr und greife zum Treppengeländer. Dort steht in erhabener Schwarzschrift geschrieben, welches Gleis sich wo befindet. Ich weiß, ich muss mich nach den höheren Zahlen orientieren, um zum Breslauer Platz zu kommen. Ich lege die Richtung fest, suche die Leitlinie und folge ihr. "Gehe ich richtig", frage ich mich immer wieder. Doch dann spüre ich es: Es geht bergab, ich bin richtig!!! Immer wieder stößt mein Stock gegen Hindernisse, vielleicht sind es Füße oder es ist ein Koffer. Ich weiß es nicht und mir ist es so ziemlich egal, was ich da mit meinem Stock berühre. Wenn jemand gar nicht zur Seite gehen will, mache ich mich mit einem kurzen "Entschuldigung" bemerkbar.

 

 

Endlich spüre ich einen Luftzug und bald die Gummimatten vor dem Ausgang. Ich hangle mich nach rechts am Bahnhofsgebäude entlang und an den unzähligen Türen vorbei, bis ich eine Leitlinie finde. Dieser folge ich und stutze kurz, als die Linie plötzlich weg ist. Doch dann erinnere ich mich wieder: "Das ging baulich nicht anders, das hast du doch im Training gelernt." Erleichtert gehe ich weiter, um dann beim zweiten Noppenpflaster nach links abzubiegen. Ich finde einen Handlauf und gehe die Treppe hinab. Unten begrüßt mich ein Noppenstreifen. Ich bewege mich nach links und finde die Leitlinie. Ich gehe schneller, schließlich weiß ich: Hier geht's nur geradeaus. Doch plötzlich fällt mein Stock ins Leere. "Was ist jetzt los", denke ich, aber in diesem Moment fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Ich stehe vor der nächsten Treppe. Vorsichtig suche ich das Geländer und gehe die Treppe hinab. Unten muss ich einer Zickzack-Kurve folgen. Und dann ist Vorsicht geboten, denn ab hier stellt das Leitsystem auch meine Begrenzung zur Bahnsteigkante da. Am zweiten Noppenfeld bleibe ich stehen, gehe ein paar Schritte zurück und warte auf meine U-Bahn. "Nächster Zug auf Gleis 3: Linie 16 Richtung Sürt", verkündet eine laute, deutliche Frauenstimme aus dem Lautsprecher. Ich mache mich bereit und lausche den Geräuschen des Zuges. Als er anhält, höre ich wie rechts und links Türen aufgehen. Ich entscheide mich für die rechte Tür und beeile mich sie zu finden. Als ich sie erreicht habe, geht sie auch schon zu. Aber glücklicherweise hat jemand die Tür noch daran gehindert, mich zu zerquetschen, sodass ich einsteigen kann. In der Bahn angekommen, frage ich nach einem freien Sitzplatz. "Da ist was frei", antwortet ein Mann. "Mit da kann ich nicht viel anfangen", sage ich und muss lachen. Nach einigem hin und her habe ich einen Platz gefunden und setze mich.

 

Neun Stationen und ca. 5 500 Meter Fußweg später habe ich dann die Uni erreicht. Wie es mir dort ergeht, dass sollen Inhalte weiterer Beiträge werden.

Bis bald

eure Carina

 

 

1 Kommentar Carina am 31.3.17 14:36, kommentieren

Berufsbilder blinder und sehbehinderter Menschen Teil 7: Der Psychologe



 

Hallo liebe Interessierte!

 

Ich heiße Matthias Rode, bin 51 Jahre alt. Ich bin verheiratet, lebe in Rostock, gelte als blind, habe auf einem Auge einen Sehrest. Über  meine Frau bin ich Stiefvater, Opa, habe keine eigenen Kinder. Ich bewege mich viel, joggen, Radfahren (leider nicht unfallfrei), Gartenarbeit, freies Tanzen wie „Bio Danza“ oder „5 Rhythmen“, Qi Gong.

Ich bin Diplom-Psychologe, Psychotherapeut. Das Studium hat mich sehr interessiert, und ich wollte gerne viel mit Menschen arbeiten.

Meine Studienjahre in Freiburg und Trier habe ich in sehr guter Erinnerung, viel Freiraum, gerade in Trier ein breites Lehrangebot. Es ist viel Lesestoff; ich hatte produktive Lern- und Arbeitsgruppen, so dass ich gut zurecht gekommen bin. Auch mit Dozenten konnte ich gut verhandeln, so dass für mich der Lesestoff reduziert wurde.

Meine berufsbegleitende Therapieausbildung in Hamburg und Stralsund war eine intensive Zeit, Fallpräsentationen mit Videofeedback.

Ich habe in mehreren Rahakliniken gearbeitet, einige Jahre  in der stationären Jugendhilfe.

Zur Zeit arbeite ich an einer Rehaklinik für Kardiologische Patienten an der Ostsee. Ich habe nicht viel Papierarbeit. Für meinen Eindruck gelingen mir Einzelgespräche am besten, Gruppenarbeit ist manchmal schwieriger; ich gehe  offen mit meinen Schwierigkeiten um, und ich erlebe auch sehr viele freundliche und verständnisvolle Patienten. Ich gebe viele Entspannungskurse, AT und PME; das fällt mir leicht.

Anstrengend an meinem Beruf ist oft das viele Zuhören, die menschliche Nähe zu vielen fremden Menschen. Für Menschen mit Sehbehinderung ist der Beruf gut geeignet, glaube ich. Wichtig ist sicher die Fähigkeit und Freude, sich auf andere Menschen einzulassen, nicht planlos mit eigenen Ratschlägen zu kommen. Jeder Mensch trägt nach meiner Auffassung die Lösung von Schwierigkeiten in sich. Hier habe ich die Fallarbeit, die Supervisionen mit den Kollegen, während der Therapieausbildung als hilfreich und notwendig erlebt.  

 

 

1 Kommentar Matthias Rode am 31.3.17 12:20, kommentieren