Berufsbilder blinder und sehbehinderter Menschen Teil 5: Immer auf der Suche nach neuen Lösungen

Hallo,   

als Blinder anderen blinden Menschen ihren Wunschstudiengang ermöglichen? Genau das ist der Hauptberuf von Gerhard Jaworek. Nebenbei versucht er dann noch, Astronomie als Hobby für Menschen mit Handicap zu erschließen. Davon hat er ja bereits am Mittwoch berichtet. Lest heute, was er hauptberuflich macht.

 


Zu meiner Person


Mein Name ist Gerhard Jaworek. Ich bin 48 Jahre alt, kinderlos und geschieden. Von 1975 bis 1992 besuchte ich klassische Blindenschulen in Ilvesheim Stuttgart und Marburg, die ich mit der Hochschulreife und einigen Zertifikaten zu klassischen Büroberufen,, z. B. Phono, Steno, Telefonie, abschloss. Somit erlangte ich die Hochschulreife auf dem zweiten Bildungsweg. Von 1992 bis 2000 Studierte ich Informatik in Karlsruhe und beendete mit Diplom. Unterstützt wurde ich z. B. mit barrierefreier Literatur, vom Studienzentrum für Sehgeschädigte (SZS) des Karlsruher Institutes für Technologie (KIT), dessen Mitarbeiter ich bis heute bin. Ohne diese Einrichtung hätte ich das Informatikstudium vermutlich nicht schaffen können. Es gab immer wieder Pioniere, die eine derartige Leistung auch ohne spezielle Unterstützung schaffen, aber diese Einrichtung hat mir sehr vieles erleichtert.


 


Das SZS


Das Studienzentrum für Sehgeschädigte (SZS) ist eine interfakultative Dienstleistungs-, Service- und Forschungseinrichtung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die blinde und sehbehinderte Studierende unterstützt – vor allem beim Absolvieren der am KIT angebotenen Studiengänge. Strategische SZS-Bausteine sind Dienstleistung & Service sowie Forschung. Durch die 2011 erfolgte Neueinrichtung der Professur für Informatiksysteme für sehgeschädigte Studierende, die Professor Rainer Stiefelhagen einnimmt, werden die bisherigen Tätigkeitsfelder des SZS um neue Forschungsschwerpunkte ergänzt.


 


Historisch ist das SZS aus einem Modellversuch hervorgegangen. Von 1987 - 1992 lief der Modellversuch "Informatik für Blinde". Er sollte zeigen, dass MINT-Fächer für Menschen mit Sehbeeinträchtigung mittels moderner assistiver Technologie und geeigneter Konzepte, studierbar sind.


 


Initiiert wurde es im Wesentlichen von Prof. Dürre, dessen Tochter blind ist und von Herrn Joachim Klaus, der dann über Jahrzehnte die Geschäftsführung inne hatte. 1992 wurde das SZS vom Status des Modellversuches verstetigt und als Institut der Informatik überführt. Seit 2011 ist das SZS mit Prof. Stiefelhagen auch Lehrstuhl "Informatiksysteme für blinde".


 


Wie ich zu meiner Stelle kam


Mein Interesse an Computertechnologie geht bis weit in die 80er Jahre zurück. Mein erster Rechner war ein Comodore 64 mit Sprachausgabe. Kein Vergleich, zu dem, was man heute auf dem Schreibtisch stehen hat und quasi ohne Screenreader. Was man damals wollte, musste man sich selbst programmieren. So entwickelte ich für diesen Homecomputer, wie die damals hießen, eine sprechende Textverarbeitung mit Buchführungsfunktionen. Somit interessierte ich mich sehr früh für Hilfsmittel und deren Anwendung. Schon während meines Studiums konnte ich mich mit meinen Fähigkeiten bei meinem jetzigen Arbeitgeber einbringen, indem ich mit auf Messen ging, neue Entwicklungen testete oder auch technisch unterstützen. So wurde ich zu Fragen der Barrierefreiheit entsendet, um das SZS in diversen Gremien zu vertreten. Seit 2000 arbeite ich an diesem SZS in den unterschiedlichsten Bereichen. Begonnen habe ich als Verantwortlicher für die Literaturversorgung unserer Studierenden und als Administrator unserer Server. So war ich fast zehn Jahre lang der technische Leiter des International Computercamps (ICC), das im letzten Sommer unter dem Dach des DVBS in Dresden stattfand. Dadurch dass wir mittlerweile ein Lehrstuhl sind, habe ich nun auch Arbeitsfelder in Forschung und Lehre dazu bekommen. So wirke ich bei Seminaren, Praktika und Vorlesungen mit. Dank meines Nebenfaches, Berufspädagogik, schule ich unsere Studierenden, so dass sie beispielsweise mit unseren umgesetzten graphischen taktilen Materialien umgehen lernen. Ein großes Arbeitsfeld ist die Entwicklung von Lösungen, wenn Veranstaltungen nicht barrierefrei sind. So habe ich beispielsweise einen Software-Stick entwickelt, der für einen blinden Physikstudenten ein studienrelevantes Praktikum zugänglich machte, indem er Messreihen mittels Zeile und Sprachausgabe und taktiler Ausdrucke nachverfolgen konnte. Ein anderer, auf dem Betriebssystem Linux basierender Stick, ermöglichte es Blinden in Gana, Kenia und Adisabeba, die grundsätzlichen Alltagsarbeiten am Rechner, wie Email, Textverarbeitung und einiges mehr, zu erledigen. Der Stick wird einfach in einen Computer gesteckt und dieser beginnt nach dem Booten einfach zu sprechen. Aktuell muss ich einen Workflow finden, dass ein Chemiestudent eine Vorlesung mit praktischer Übung besuchen kann.


 


Nicht zuletzt bin ich auch Buchautor, Gitarrenlehrer und Astronom, aber das sollen Inhalte einer weiteren Geschichte werden.


 

 

Gerhard Jaworek am 24.3.17 10:27, kommentieren

Berufsbilder blinder und sehbehinderter Menschen Teil 4: eine Tastuntersucherin erzählt

Hallo,

mit ganz viel Fingerspitzengefühl etwas gutes tun, geht das? Ja, hört selbst, was Filiz Demir von ihrem Job als medizinische Tastuntersucherin erzählt.

 




 

Mein Name ist Filiz Demir. Ich bin 42  Jahre alt und arbeite seit drei Jahren als Medizinische Tastuntersucherin. Ursprünglich habe ich Datenverarbeitungskauffrau gelernt und war mehrere Jahre in der Buchhaltung tätig. Nach meiner Erblindung bin ich auf der Suche nach einer Umschulungsmöglichkeit auf den Beruf der Medizinischen Tastuntersucherin aufmerksam geworden. Hierbei wird der besonders gut ausgeprägte Tastsinn von blinden und sehbehinderten Frauen für die Brustkrebsfrüherkennung eingesetzt.


Ich arbeite in einer gynäkologischen Praxis und führe dort die Brusttastuntersuchung durch. Ich habe einen eigenen Raum, wo ich erst am PC einen Fragebogen mit der Patientin ausfülle. Hier werden die Vorerkrankungen, Risikofaktoren und die familiäre Vorbelastung abgefragt. Anschließend taste ich die Lymphknoten an den Hauptabflussgebieten der Brust ab und beklebe dann den Oberkörper der Patientin mit sogenannten Orientierungsstreifen. Auf diesen Streifen sind taktile Markierungen im Abstand von einem Zentimeter drauf. Ich klebe einen Streifen über das Brustbein und jeweils einen über die Brust und unter den Arm, so das die Brust in zwei Zonen aufgeteilt ist. Nun Taste ich die Brust Reihe für Reihe ab. Hierbei mache ich mit dem Zeige- und Mittelfinger eine Abwärtsspirale, d. H. ich übe nach jedem Kreis etwas mehr Druck aus, um in die tieferen Gewebeschichten zu kommen. Da das ganze Zeit braucht, habe ich pro Untersuchung eine halbe bis Dreiviertelstunde Zeit. Anschließend kommt der Arzt dazu, da dieser immer das Ergebnis entgegen nehmen muss. Durch diese sehr gründliche Untersuchungsmethode können schon kleine Gewebeveränderungen entdeckt werden, was die Brustkrebsfrüherkennung verbessert. 


Die Patientinnen fühlen sich durch die Gründlichkeit der Untersuchung gut aufgehoben. Sie haben Zeit Fragen zu stellen, die sie sich beim Arzt nicht immer trauen und weil es da auch meist immer recht schnell gehen muss. Manche sind von meiner Blindheit erst etwas verunsichert, aber das legt sich immer sehr schnell, wenn sie merken, dass ich ganz selbstverständlich damit umgehe. Viele finden es ganz spannend, wie ich am PC arbeite und stellen Fragen zu der Behinderung, weil sie sich nicht vorstellen können wie Blinde im Alltag zurechtkommen. Aufklärungsarbeit gehört also zu dem Job dazu! 


Für den Beruf der Medizinischen Tastuntersucherin (MTU) muss man eine abgeschlossene Berufsausbildung haben (muss aber nicht im medizinischen Bereich sein) und eine neun monatige Qualifizierungsmaßnahme absolvieren. In der Qualifizierung hat man sechs Monate Unterricht und macht dann drei Monate Praktikum in einer gynäkologischen Praxis oder in einem Brustzentrum. Die MTU darf nur im Team mit einem Arzt arbeiten, da sie selber keine Diagnose stellen darf. Die Qualifizierung wird zurzeit in Berlin und den BFWs Düren, Halle, Mainz und Nürnberg angeboten. Wenn man medizinisch interessiert ist und gerne mit Menschen arbeitet, ist es eine sehr befriedigende Tätigkeit. Weitere Informationen gibt es unter www.discovering-hands.de


 

 

Filiz Demir am 23.3.17 09:17, kommentieren

Berufsbilder blinder und sehbehinderter Menschen Teil 3: Astronomie, auch ein Berufsfeld für blinde?

Ein Blinder erforscht das Weltall

 

Gerhard Jaworek, 48

 

„Wieso machst du das? Da hast du doch eh nichts von!“ – „Wie willst du da mitreden? Du siehst das doch gar nicht!“ – Solche verwunderten Fragen werden mir immer wieder gestellt, wenn ich als von Geburt an vollblinder Mensch über mein Lieblingshobby, die Astronomie, spreche. Nachdem ich meinen Vortrag oder mein Seminar abgehalten habe, wendet sich das Blatt aber meist und die Zweifler werden zu den größten Eiferern.

Seit etwa 25 Jahren befasse ich mich mit dem Weltraum. Beruflich ist es seit 15 Jahren meine Aufgabe, für die Studierenden mit Seheinschränkung der Karlsruher Hochschulen Lösungen zu finden, damit sie ein Studium im naturwissenschaftlich-technischen Umfeld absolvieren können. Es ist mir eine große Freude und ein Anliegen, besonders die Astronomie für Menschen mit Seheinschränkung zugänglich zu machen.

Meine Begeisterung für Wissenschaft und Technik war es, die mich zur Astronomie brachte. Sie verzweigt sich in derart viele Disziplinen, dass sie sich hervorragend als inklusives Hobby betreiben lässt – gemeinsam mit Sehenden oder mit Menschen mit anderen Einschränkungen. Seit vielen Jahren leite ich regelmäßig eine Freizeit des Evangelischen Blinden- und Sehbehindertendienstes Baden, die sich in erster Linie an junge Erwachsene richtet. Ich wähle dafür Themen aus, die Religion, Philosophie und Naturwissenschaften miteinander verbinden. Viele dieser Themen streifen die Astronomie, denn die Sonne, „der Stern, von dem wir leben“, geht uns alle an.

Die Sonne sendet ein unglaublich spannendes „Radio-Programm“, ein Rauschen, dessen Intensität und Lautstärke sich verändert, je nachdem, was auf dem Stern gerade vor sich geht. Der Jupiter hingegen sendet ein aufgeregtes Knattern und Tacken aus. Das Weltall ist also kein Ort der Stille, wie man vielleicht denken könnte, sondern bietet unzählige weitere, nicht visuelle Facetten. Abends den Himmel nicht betrachten zu können, bedeutet für mich keine Einbuße. Zum einen habe ich taktile Materialien entwickelt, die mir eine Vorstellung des Sternenhimmels mit seinen wichtigsten Sternbildern geben. Zum anderen ist es für mich ein Hochgenuss, zu erleben, wie sich die medial überreizte Welt der jungen Menschen entschleunigt, wenn wir bei einer Freizeit abends gemeinsam auf einer Wiese liegen. Ganz leise und ergriffen beginnen die Teilnehmer plötzlich, miteinander über das zu sprechen, was sie am Himmel sehen. Ich steuere zu den Sternbildern passende Geschichten aus der griechischen Mythologie oder andere Anekdoten bei, die ich frei erzähle oder im Dunkeln aus meinen Braille-Dokumenten vorlese. Die Materialien, die ich austeile, sind taktil und gleichzeitig farbig gestaltet. So können die sehenden Teilnehmer über ihre visuelle Wahrnehmung hinausgehen und wir können uns darüber austauschen. Den technisch Interessierten zeige ich Astronomie-Apps auf meinem Smartphone. Das Gerät ist der perfekte Eisbrecher, weil es die jungen Menschen fasziniert, wie ich das Touch-Handy ohne Augen bedienen kann.

Nicht zuletzt bin ich verrückt genug, um ein Teleskop und ein Mikroskop zu besitzen. Ich kam zu beidem durch meine Nichten und Neffen, die heute erwachsen sind und deren Kinder mittlerweile hineinblicken, wenn sie mich besuchen. Es war frustrierend, wie viele Spiele wir nicht gemeinsam spielen konnten, weil alles so visuell ist. Spiele wie „Mau-Mau“, „Mühle“ und „Mensch ärgere dich nicht!“ gingen noch, aber „Siedler“ oder „Sagaland“ funktionierten überhaupt nicht. Aus diesem Grund suchte ich ein Hobby für uns alle. Bald erwies sich der Blick durch mein Mikroskop oder des Nachts durch mein Teleskop als die erfüllendste Beschäftigung für meine Nichten und Neffen. Zwar habe ich nicht mit der Astronomie begonnen, um eine Beschäftigung für die Kinder zu finden, habe aber durch sie erkannt, wie mächtig die Astronomie im Erlangen einer ganzheitlichen Weltsicht ist und wie viel Potenzial sie dem inklusiven Miteinander bietet.

In der Gesellschaft muss sich in dieser Hinsicht noch einiges ändern. Oft werde ich gefragt, ob ich die Bücher des Physikers Stephen Hawking kenne. Jedoch nicht etwa wegen deren Inhalt, sondern weil er – zwar völlig anders als ich – auch behindert ist. Damit wird einer der größten Physiker und Astronomen des letzten Jahrhunderts über seine Behinderung definiert. Dabei war schon Johannes Kepler, der größte Astronom des letzten Jahrtausends, in Folge einer Pockenerkrankung stark seheingeschränkt. Hätte er nicht seinen Astronomie-Kollegen Tycho Brahe als präzisen Beobachter an seiner Seite gehabt, ist es fraglich, ob er zu seinen bahnbrechenden Keplerschen Gesetzen gefunden hätte, die bis heute für die Weltraumforschung grundlegend sind.

Mit meiner Mission der „Inklusion am Himmel“ konnte ich sogar den Vorstand der Astronomischen Gesellschaft, eine der ältesten astronomischen Vereinigungen Europas, begeistern. Es ist nicht einfach, dort ohne Kontakte Mitglied zu werden, aber mein Engagement für die Astronomie-Freizeiten hat überzeugt und seit Mai 2013 bin ich das erste und einzige blinde Mitglied.

 

Am 01.10.2015 erschien mein erstes Buch "Blind zu den Sternen - mein Weg als Astronom" im Aquensisverlag Baden-Baden unter der ISBN-Nummer 978-3-95457-134-5  als gedruckte und als E-Book-Version. Der Druck ist so gestaltet, dass Menschen mit Restsehvermögen ihn gut lesen können. Das Buch kostet 14,00 Euro und wurde von der Marburger Blindenhörbücherei als Daisy-Buch produziert.

 

Gerhard Jaworek am 22.3.17 19:14, kommentieren

Berufsbilder blinder und Sehbehinderter Menschen Teil 2: ein sehbehinderter Winzer erzählt

Hallo,

heute erzählt euch Rainer Gießen, Deutschlands einziger sehbehinderter Winzer von seinem Beruf.

Viel Spaß beim Lesen.

 

Wir arbeiten um zu Leben und leben nicht um zu arbeiten

 

Rainer Gießen 56, selbständiger Winzer mit eigenem Weingut

 

ja ein Spruch. Oder ein Motto. Bei mir ist es mal so und mal anders herum. Blind bin ich noch nicht. Nach Aussagen verschiedener Ärzte würde ich es auch nicht werden, wenn kein Unfall oder ähnliches dazwischen kommt. Ich bewundere blinde Mitmenschen wie sie mit Ihrem Leben umgehen und vor allem es meistern. Wir „Nochsehende“ klammern uns an unseren Sehrest. Braille, ich kann mir nicht vorstellen es zu erlernen. Sich im öffentlichen Raum als Blinder alleine zu bewegen, ich kann es mir ebenso nicht vorstellen. Ja aber jeder ist anders.

 

Die starke Kurzsichtigkeit ( bei mir zur Zeit li 0,05 und  re 0,1 ) ist mir in die Wiege gelegt. Bzw. es liegt bei uns in der Familie. Mütterlicherseits wird die Kurzsichtigkeit an den Männlichen Nachwuchs vererbt. Anfangs war das Sehen bei mir nicht ganz so schlecht wie heute. Ich dürfte noch den „Mopedführerschein“ und den Autoführerschein machen, mit Auflagen und Sonderprüfungen. Alle paar Jahre musste  ich ein Attest bei der Führerscheinstelle vorlegen. Und dann war 1990 Schluss mit der Automobilität. Gerade in dem Jahr als unsere 2. Tochter zur Welt kam.

 

Ich – wir leben auf dem Land, im Dreieck von Mainz – Kaiserslautern – Ludwigshafen. Weitab von den guten Anbindungen öffentlicher Verkehrsmitteln in der Stadt. Die Bahn fährt bei uns gar nicht und die öffentlichen Busverbindungen sind mehr als eingeschränkt. Das Taxi ist zu teuer, da kostet eine einfache Fahrt nach Worms ( nächste Stadt ca. 16 km entfernt mit kulturellen Angebot, Ärzten, Einkaufzentren ) ca. 40€. Deshalb brauche ich immer einen „Fahrer“ für notwendige Erledigungen die mich selbst betreffen. Angefangen vom Friseur, Ärzte, Schwimmbad, Sauna, Theater, Kino, Feste, Veranstaltungen, Weiterbildungsseminare etc. Die wunderschöne, Toskana ähnliche Landschaft bei uns, mit sanften Hügeln, bewachsen mit Weinbergen, Feldern und Windrädern sind toll aber die Einschränkungen für mich in meiner Mobilität sind massiv. Man ist sozusagen nicht mehr Selbständig sondern abhängig. Fahrradfahren mag ich nicht mehr auf mir unbekannten Strecken, so kauften wir uns ein E-tandem um unsere Freizeit zu genießen.

 

Den Beruf Winzer – Weinbautechniker bekam ich ebenso in die Wiege gelegt. Nach dem Abschluss der Handelsschule bewarb ich mich an verschiedenen Stellen. Hatte aber nicht so wirkliche Chancen, den ich stamme aus der Zeit der Geburtenstarken Jahrgänge um 1960. Also Bewerber ohne Ende, warum sollen die Betriebe einen nehmen der Einschränkungen mitbringt. Auch waren damals die gesetzlichen Vorschriften anders als heute und ich saß mit meiner damaligen Einschränkung zwischen den Stühlen: nicht voll sehen – nicht behindert.

 

So wurde ich dann auch von zu Hause überredet den Beruf Winzer zu ergreifen und den elterlichen Betrieb fortzuführen. Gesagt getan, Winzerlehre, hineinschnuppern in andere Betriebe durch Reisen in andere Weinbauländer, Wirtschafter Ausbildung und dann noch den Weinbautechniker absolviert. So bin ich seit 1978 als selbständiger Winzer mit eigenem Weingut.

 

Das Arbeitsbild eines Winzers ist sehr vielseitig. Vom Weinberg, hier muss der Rebstock ( ich habe ca. 45000 davon, verteilt auf ca. 9 ha Fläche, die sich auf ca. 10 km Umkreis erstrecken ) gepflegt werden. Im Winter wird der Stock beschnitten, im Frühjahr angebunden, Rebholz schreddern, neue Weinberge werden gepflanzt. D.h. mehrere hundert oder gar tausend Pflanzen kommen in die Erde. Der Unterstützungsrahmen aus Pfählen ( alle 4. Stock kommt 1 Pfahl ) ca. 70 cm tief in die Erde, Drähte ( mehrere 100 m Länge ) werden gespannt. Alles muss verankert werden. Mehrmals im Jahr Grasmähen, sowie Bodenbearbeitung während des Jahres. Pflanzennährstoff ausbringen. Unerwünschte Triebe am Stamm und auf der Bogrebe entfernen. Die jungen Triebe mehrmals hochstecken und festbinden, damit die vom Wind nicht abgebrochen werden. Die langen Triebe per Maschine einkürzen, 2 – 3-mal im Jahr. Überzählige Trauben entfernen um die Qualität zu steigern. Ständiges beobachten des Wuchses (nach dem Motto: das Auge des Herren pflegt den Weinberg). Die reifenden Trauben begutachten, den Erntetermin entscheiden. Die Traubenernte wird maschinell eingebracht.

 

Zu Hause die Trauben verarbeiten, den Most bearbeiten, ebenso die Gärung überwachen, Reinigungsarbeiten erledigen. Den Wein ausbauen, filtrieren, abschmecken. Abfüllungen vorbereiten. Immer wieder Geschmackskontrolle. Flaschen sortieren, etikettieren, verpacken, kommissionieren, Etiketten für die Druckerei vorbereiten. Bedarfsmaterial planen und bestellen. Angebote einholen.

 

Diverse Schreibtischarbeiten, wie Formulare ausfüllen, Kellerbuchführung. Kundenanschreiben anfertigen, Mails bearbeiten. Bankgeschäfte, Rechnungswesen ja alles was im Büro so anfällt. Mit Behörden, Lieferanten und Kunden verhandeln. Ausliefertouren vorbereiten und planen. Kunden betreuen, beraten, verkaufen, verpacken, Weinproben zu Hause und Außerhalb durchführen. Weinwanderungen – Exkursionen mit Probe im Weinberg für Kunden erledigen.

 

Reparaturen - Wartungsarbeiten im Weinberg sowie an Keller-, Weinbergmaschinen durchführen soweit ich das erkennen kann. Arbeitsassistenzen anleiten, beaufsichtigen.

 

Seit 1984 bin ich verheiratet, 2 Töchter, 2 Enkelkinder. Zusammen mit meiner Frau bewirtschaften wir heute in Rheinhessen und Pfalz Weinberge mit den unterschiedlichsten Reben und unterschiedlichsten Weinstilen. Nachzulesen unter www.weingut-giessen.de . Wir verkaufen unsere Weine – Sekte fast ausschließlich in ganz Deutschland an Endverbraucher. Viel Herzblut und Engagement steckt in unserem Tun, Weinen - Sekten. Viel mehr als „Sehende“ erahnen denn die tägliche Arbeit fällt einem nicht in den Schoß. Es wird von uns „Sehbehinderten“ + Blinden ebenso viel verlangt wie von „Sehenden“ obwohl wir das nicht leisten können, obwohl wir es wollten.

 

Über unsere berufsständische Sozialversicherung, die Pflicht ist und ich nicht wechseln kann

( Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung sowie Berufsgenossenschaft ) bin ich enttäuscht. Hierüber bekommt man keinerlei Unterstützung bzgl. Hilfsmittel für uns Behinderte was den Beruf anbetrifft, auf dem privaten Sektor ist es sehr schwierig. Man ist auf das Integrationsamt angewiesen und hier muss man dicke Bretter bohren und vieeeel Geduld haben. Leider können sich die Sachbearbeiter nicht in meine Belange reindenken, denn ich habe halt ein anderes Berufsbild als Angestellte und Arbeiter. Das Integrationsamt versuchte erneut unsere Sozialversicherung in die Leistungspflicht zu bringen bzgl. Hilfsmittel für meinen Arbeitsplatz. Die haben es aber abgelehnt und Recht bekommen. Kein Schreibtischjob hm und nun. Wir wurden uns einig dass ich eine gewisse Geldsumme bekomme die ich dann für meine Arbeitsassistenten einsetzen kann. Jedes halbe Jahr muss ich die Geldsumme nachweisen. Das Integrationsamt versucht regelmäßig die Zuwendungen um 10 % für meine Assistenzen zu kürzen. Leider hatte ich mit Einsprüchen selten Erfolg. Hallo wird meine Behinderung weniger? Ein Gerichtsverfahren vor dem Verwaltungsgericht musste ich wegen Formfehler bei der Erstantragsstellung abbrechen. Leider fehlte mir die anwaltliche Beratung vor dem Erstantrag.

 

Nach eigenen Recherchen bei meinem Berufsverband bin ich der einzige selbstständige Winzer in Deutschland mit einer derartigen Sehbehinderung.

 

Es staut sich schon ab und an Frust auf. Der bei mir dann zuweilen lautstark rauskommt, dann geht’s mir aber meist wieder besser. Nur durch die mehr als tatkräftige Unterstützung meiner Frau können wir den Weinbaubetrieb ohne feste Arbeitskräfte führen. Wir müssen uns allerdings doch eine Menge Aushilfskräfte einkaufen, denn ich kann nicht alles arbeiten. Wenn es um Sauberkeit geht, putze ich doppelt und lasse noch mal kontrollieren, denn Wein ist eine verderbliche Ware.

 

Die Traktorarbeit im Weinberg ( die ich vermisse ) erledigt. wie so vieles was mit „Fahren“ und „Besorgen“ zu tun hat, meine Frau. Einige Weinbergsarbeiten haben wir vergeben, allerdings unter unserer Kontrolle, da ich diese einfach wegen Ihrer Schwere nicht erledigen oder erkennen kann. Wobei ich doch ab und an mit dem Traktor im Weinberg Arbeiten erledige, um Geräte einzustellen mit denen meine Frau dann den Rest erledigt. Öfter klingelt das Telefon und: „Das und jenes geht nicht, was muss ich tun?“ Ja wenn man es noch nie selbst gemacht hat, kann man keine Ratschläge und Tipps geben. So bin ich gezwungen diverse Sachen einfach anzupacken und zu probieren.

 

Leider stößt man bei seinen Mitmenschen immer wieder auf Unverständnis. Es kommen Aussagen wie: lass dich operieren, man kann doch alles machen, kauf dir ne bessere Brille und und und. Manchmal lasse ich mich auf eine Diskussion ein, um Aufzuklären, andermal reagiere ich gar nicht. Aber es tut doch hin und wieder weh.

 

Am liebsten arbeite ich beim Weinausbau im Keller. Man braucht aber hier Geduld, Intuition, Spontanität, Kreativität und Entscheidungsfreude auch Mut zu Risiko darf nicht fehlen. Die jährlichen Erfolge bei der Weinprämierung bestätigen dann mein werken.

 

Die Kundenbetreuung, wie Wein verkaufen, Beratung, Weinsafaris im Weinberg und Keller machen mir viel Spaß. Man lernt eine Menge Menschen kennen. Kann sich, seinen Beruf, seinen Wein erklären und stößt oft auf offene Ohren, Wissbegieren und Verständnis.

 

Was mich anätzt ist die Büroarbeit, viele sinnfreie Tätigkeiten müssen getan werden. Formulare, Tabellen usw. viele davon nicht wirklich notwendig. Aber die beteiligten Behörden kennen kein Pardon wehe es fehlt ein Strich, der Termin ist verpasst. Jeder schiebt die Verantwortung am liebsten weiter und verschanzt sich hinter Paragraphen. Grad für uns Sehbehinderten fällt es schwer die Formulare auszufüllen. Ich bekomme Rückenprobleme davon, da ich in einer sehr ungünstigen Arbeitshaltung diese Tätigkeiten erledigen muss.

 

Die üblichen Hilfsmittel, wie Screenreader, Kamera und was es so alles noch gibt, nutze ich selten. Denn seit ich Windows 7 habe kann ich fast alles zoomen wie ich es brauche. Die Kamera nutze ich ab und an wenn es wirklich sehr klein gedruckt ist. Ansonsten habe ich einen großen Bildschirm, passe die Programme füllen an. Aber nicht alle machen das mit. Ich habe für meinen Betrieb ein spezielles Weinbuchführungs- und Rechnungsprogramm dessen Hersteller klein ist. Er sieht es aber nicht ein auf meine Wünsche einzugehen, obwohl ich Ihn schon mehrmals persönlich Auge in Auge darum gebeten habe. Er will einfach nicht. Schade! Oder frustrierend. Wechseln wird teuer und kostet  viel Mühe. Für den Keller und Hof habe ich keine Hilfsmittel. Nur menschliche Hilfe in Form von meiner Familie und Arbeitsassistenzen. Diese müssen in meinem Beisein Nacharbeiten oder mit mir die Arbeit erledigen.

 

Im Weinberg bin ich dabei, soweit es geht. Wenn es sich um das Erkennen von Krankheiten geht, muss die Arbeitsassistenz es mir erklären, oder ich sage wie es aussieht, oder aussehen könnte. Ja alles nicht so einfach, aber jeder hat in seinem Beruf sein Handikap und es ist jedesmal anders.

 

Wer Lust hat und Neugierig ist, darf mich nach Voranmeldung 06243 – 384 oder mail info@weingut-giessen.de gerne in meinem Reich zu einer Weinsafari durch die Weinberge und Weinkeller sowie zu einem ausführlichen Weintasting besuchen. Ich freue mich auf zahlreiche Besucher.

 

Was mich reizt und interessieren würde wäre, meine Weine auch unseren Sehbehinderten und Blinden näher zu bringen. Leider fehlen mir die Kenntnisse und Möglichkeiten Braille und QR Codes für die Flaschen zu erstellen. Wir wollen versuchen auch unsere HP Barrierefrei zu gestalten.

 

Mit freundlichen Grüßen          

 

R. Gießen                                                       

1 Kommentar Rainer Gießen am 21.3.17 11:54, kommentieren

Berufsbilder blinder und sehbehinderter Menschen Teil 1: Kommunikation als Beruf?

Wenn ich auf Formularen meinen Beruf angeben soll, weiß ich nie, was ich schreiben soll. In letzter Zeit habe ich mich mit mir selbst auf "Kommunikationsdienstleisterin" geeinigt. Das umfasst am besten die vielen verschiedenen Dinge, die ich tue.

Ich habe Kommunikationswissenschaft studiert und mache irgendwie immer schon Öffentlichkeitsarbeit. Schon in der Schule schrieb ich gelegentlich Berichte und Beiträge für Zeitschriften, machte ein Praktikum bei einem lokalen Radiosender und diskutierte vor Publikum. Im Studium war ich in der studentischen Selbstverwaltung, also im AStA, im Studierendenparlament und in allen möglichen Gremien aktiv, wo natürlich auch Texte für Flyer, Infobroschüren, regelmäßige Publikationen oder die Presse produziert werden mussten. Nach dem Studium setzte sich das in meiner Arbeit für verschiedene Vereine fort - egal, wo ich hin komme, ich habe nach kurzer Zeit den Hut der Pressesprecherin auf.

Unter Anderem damit verdiene ich nun seit einiger Zeit auch mein Geld. Vor einem Jahr habe ich mich selbstständig gemacht und biete als Einpersonenfirma diverse Dienstleistungen an. Alle haben mit Kommunikation und Text zu tun. Ich schreibe redaktionelle Beiträge, Pressemitteilungen, Webcontent und Briefe/Newsletter oder erkläre anderen Leuten in Workshops, wie sie am besten Öffentlichkeitsarbeit machen. Ich berate aber auch Menschen, Gruppen und Unternehmen zu Inklusion und zum Umgang mit menschlicher Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Außerdem übersetze ich Texte vom Englischen ins Deutsche. Das ist recht praktisch, da mein Partner in umgekehrter Richtung übersetzt. Er als Englischer Muttersprachler und ich als Deutsche Muttersprachlerin können uns gegenseitig gut unterstützen, wenn eine*r von uns mal ein Übersetzungsproblem hat.

Ein Schwerpunkt, den ich aus einem früheren Job mitgenommen habe, ist die Übersetzung komplizierter Texte in Leichte oder Einfache Sprache. Leichte Sprache ist ein sehr stark vereinfachtes Sprachniveau mit festen Regeln. Sie richtet sich an Menschen mit geistigen Behinderungen, funktionalem Analphabetismus oder an Menschen, die eine andere Muttersprache haben und noch nicht so gut Deutsch können. Einfache Sprache ist ein etwas höheres, aber immernoch sehr leicht verständliches Sprachniveau. Weil Inklusion immer wichtiger wird, lassen immer mehr Institutionen und Unternehmen ihre Texte in diese vereinfachten Sprachniveaus übersetzen. Es gibt also plötzlich auch Übersetzungen innerhalb einer Sprache, was ich mit meinem sprachwissenschaftlichen Hintergrund sehr spannend finde.

Als ich mir vor mehr als 15 Jahren überlegt habe, für den Rest meines Lebens etwas mit Sprache zu machen, war mir nicht klar, wie sich Computer und die entsprechenden Hilfsmittel weiterentwickeln würden. Ich dachte, Text werde ich immer bearbeiten können, ob mit Vergrößerung (was damals noch ging), in Brailleschrift oder mit Sprachausgabe. Inzwischen sind die meisten Jobs im Textbereich aber auch irgendwie mit Layout, Bildbearbeitung oder visuellen Elementen verbunden. Da ich wegen dieser Anforderungen bei vielen potentiellen Arbeitgeber*innen abgeblitzt bin, habe ich mich letztendlich für die Freiberuflichkeit entschieden. Das erfordert eigentlich mehr Selbstdisziplin und -organisation, als ich habe, aber mit einem erfahrenen Selbstständigen an meiner Seite fasse ich so langsam Fuß.

Auch als Freiberuflerin fällt mir die visuelle Welt aber oft auf die Füße. Alle Übersetzungstools arbeiten z.B. mit verschiedenen Textfarben, mehreren parallel wichtigen Textfenstern und sonstigem Schnickschnack. Dazu kommt die übliche Zickerei von Jaws - andere Screenreader mögen das hinkriegen, aber der Test steht für mich noch aus. Selbst in einem vermeintlich nicht visuellen Bereich wie der reinen Texterei gibt es inzwischen also ein paar Hürden - dennoch würde ich sagen, die Richtung ist für blinde Menschen nicht abwegig. Kommunikation, Sprache und Text sind und bleiben wichtig, denn nur mit diesen Mitteln können Menschen sich miteinander verbinden, sich austauschen und etwas bewirken. Kommunikation als Beruf macht einfach Spaß.

Das Handwerkszeug für meine momentanen Tätigkeiten kommt natürlich zu großen Teilen aus meinem Magisterstudium. Vieles habe ich aber auch "on the job" gelernt oder mir einfach aus Interesse angeeignet. Interesse und Faszination für ein Thema oder einen Bereich halte ich für die wesentliche Grundlage jedes Berufs - zumindest, wenn der Beruf eine Berufung ist und mensch wirklich motiviert an die Dinge herangeen will. Kommunikations- und Sprachwissenschaft ist natürlich nur etwas für Leute, die sich für Kommunikation und Sprache begeistern und sich gerne mit Hintergründen und philosophischen Betrachtungen dazu auseinandersetzen. Dafür braucht es nicht unbedingt ein Studium, aber es hilft sehr und wird von Arbeitgeber*innen erwartet. Für Menschen, die gerne denken, schreiben und mit Anderen kommunizieren, sich um Verständlichkeit und Vermittlung von Inhalten bemühen und Andere dabei unterstützen wollen, sich auszudrücken, ist meine Berufsrichtung jedenfalls perfekt - auch wenn es keinen vernünftigen Namen dafür gibt

Lea am 20.3.17 15:20, kommentieren