Einen Regenbogen sehen

Es war ein wunderschöner Sommertag. Die Sonne schien schon den ganzen Tag fröhlich auf uns herab und nur ab und zu wehte eine kleine Brise. Gut gelaunt ging ich mit einer kleinen Gruppe 12 bis 14-Jähriger spazieren. Plötzlich sah ich in der Ferne ein buntes Band am Himmel leuchten. Ich blieb stehen und rief begeistert: „Schaut mal, ein Regenbogen!“

Doch die Anderen waren ohne mich weitergelaufen und hielten nun verwundert inne. Elias, ein etwas älterer Junge, lachte freudlos. „Hahaha! Ja, mach dich ruhig lustig über uns!“ Oh, verdammt! Wie hatte ich nur vergessen können, dass sie alle blind waren?! Da war ich ja eine tolle Praktikantin im Blindeninternat! Was stand nochmal in meiner Bewerbung? „Immer einfühlsam und äußerst taktvoll.“ Tja, hiermit hatte ich das Gegenteil bewiesen. „Aber ich... das war doch… gar nicht… so gemeint!“, stotterte ich wenig überzeugend. Nun wurde ich auch noch rot wie eine Tomate. Zum Glück konnten sie das nicht sehen. Moment mal… Freute ich mich etwa schon über ihre Blindheit? Jetzt reichte es! ‚Sylvie, ich verbiete dir, so etwas auch nur zu denken‘, befahl ich mir mit zusammengebissenen Zähnen.

Als ich wieder den Kopf hob, fragte mich die kleine Nina leise: „Wie sieht denn ein Regenbogen aus?“ Na ja, wie nun mal ein Regenbogen aussah. Ich überlegte: „Also, wenn keine Wolken davor sind, ist es eine Art riesiger Halbkreis am Himmel. Er besteht aus sechs verschiedenen leuchtenden Farben. Die erste Farbe ganz oben ist rot.“

Wie beschreibt man jemandem, der noch nie sehen konnte, die Farbe Rot?! Geht das überhaupt mit den restlichen vier Sinnen? Hören, fühlen, schmecken, riechen. Vielleicht auch mit einigen Gefühlen?

„Rot ist die Farbe der Liebe. Sie duftet wunderbar sanft wie eine Rose, die in liebevoller Zärtlichkeit geschenkt wurde, und schmeckt herrlich süß nach Sommer wie eine reife Erdbeere oder Kirsche. Doch Rot ist auch die Farbe der Wut. So unglaublich heiß wie ein gewaltiges knisterndes Feuer, aber auch so dumpf wie das Rauschen in euren Ohren, wenn euch etwas total aufregt.“ Vorsichtig linste ich zu den Anderen hinüber. Kein gelangweiltes oder fragendes Gesicht. Vielmehr schienen sie neugierig und abwartend. Anscheinend war meine Beschreibung gar nicht schlecht.

„Orange kommt als Nächstes darunter. Es ist eine sehr freundliche Farbe. Sie erinnert an eine leckere saftige Apfelsine und an den kräftig aromatischen Duft einer Mandarine. Erfrischend, als ob man sich spätabends bei einem wunderschönen Sonnenuntergang draußen auf einer Bank ausruhen würde. Doch auch so lebendig wie ein Goldfisch, der fröhlich in seinem Aquarium vor sich hin blubbert.“ Hoffentlich konnten sie damit überhaupt etwas anfangen. Etwas Einfacheres war mir allerdings so auf die Schnelle nicht eingefallen.

„Darauf folgt Gelb. Es ist die Farbe der Fröhlichkeit und des Lichts. Wie die ersten Sonnenstrahlen am Morgen, die euch an der Nase kitzeln, und fruchtig süßlich duftende Pfirsiche im Spätsommer. So unglaublich sauer, aber auch belebend wie eine reife Zitrone. Außerdem ist sie so seidig wie die wehenden Ähren auf dem Feld und hört sich an wie das lustige Quietschen von einem kleinen Quietscheentchen in der Badewanne.“ Ich kniff die Lippen zusammen, als ein leises Kichern ertönte. Also echt jetzt! Der Vergleich war doch wirklich originell und schlau gewesen. Darauf kam nicht jeder. Apropos schlau… „Gelb symbolisiert aber auch Intelligenz. Daher kommt auch die Redewendung, dass einem ein Licht aufgeht. Die meisten denken dann an eine aufleuchtende Glühbirne. Ja, ähm… falls ihr sowas kennt.“ Ganz ruhig! Einfach tief durchatmen und weitermachen.

„Grün ist die nächste Farbe. Sie schmeckt nach würzigen Kräutern, wie zum Beispiel Salbei oder Rosmarin. Zudem riecht sie frisch wie der Frühling, wenn die ganze Welt wieder neu zum Leben erwacht. Außerdem fühlt sie sich so seidig weich an wie das erste Gras nach einem langen Winter und klingt wie das Rascheln der Blätter an einem stürmischen Frühlingstag. Überhaupt ist fast alles in der Natur grün. Auch die Tannennadel. Weil die das einzig lebendig Grüne im Winter sind, ist sie die Farbe der Hoffnung. Aber sie steht gleichzeitig für Glück, denn ein vierblättriges Glückskleeblatt ist ebenfalls schön grün.“ Na, das hatte doch ganz gut geklappt. Weiter so!

„Als Nächstes folgt Blau. So lecker süß wie frisch gepflückte Blaubeeren aus dem Wald und sanft wie der ruhige Duft von zarten Veilchen. Für mich symbolisiert diese Farbe Freiheit, weil sie weit wie der unendliche wolkenlose Himmel ist. Außerdem ist sie so kühl, als ob Meereswasser am Strand eure Füße umspülen würde und klingt nach wildem Wellenrauschen bei einem starken Sturm. Doch Blau kann auch sehr ruhig und entspannend wie eine sich nur leicht kräuselnde Wasseroberfläche sein.“  Langsam kam ich richtig in Fahrt! Das war auch gut so, denn die letzte Farbe würde bestimmt nicht einfach werden.

„Als Letztes kommt Violett. Wie entspannender Lavendelduft und wunderbar süße Pflaumen. Diese Farbe ist eine Mischung aus Rot und Blau. Wie die Wolken am Morgen, wenn die Luft zwar von der Nacht noch kühl ist, aber schon von den ersten Sonnenstrahlen gewärmt wird. Im Alltag nennt man sie auch Lila. Viele Leute finden sie sehr modern und cool wie eine laut platzende Kaugummiblase.“ Eigentlich hatte ich noch nie einen lilafarbenen Kaugummi gesehen, aber darunter konnten sie sich wenigstens etwas vorstellen.

„All diese Farben zusammen sind ein Regenbogen. Ich mag ihn ganz besonders, weil er so wunderschön vielfältig und bunt wie das Leben ist.“ Es entstand eine lange Pause, in der jeder seinen eigenen Gedanken nachhing. Irgendwann tastete Nina, die nun direkt hinter mich getreten war, vorsichtig nach meiner Hand. Mit leiser zerbrechlicher Stimme flüsterte sie: „Danke, Sylvie! Jetzt können wir den Regenbogen tatsächlich sehen.“ Und so standen wir noch sehr lange. Mit geschlossenen Augen und einem glücklichen Lächeln auf jedem der strahlenden Gesichter. Denn obwohl der Regenbogen am Himmel schon längst verblasst war, leuchtete er in unseren Herzen stärker als je zuvor.

1 Kommentar Rosalie Renner am 4.3.18 16:51, kommentieren

Vreni stellt sich vor

Hey,

Ich heiße Vreni, bin 14 Jahre alt und komme aus Bayern. Seit ca. 4 einhalb  Jahren besuche ich ein Gymnasium in München, eine Regelschule, allerdings mit Erfahrung im Umgang mit seheingeschränkten Menschen. Ich bin seit meiner Geburt auf beiden Augen blind. Wichtig ist mir vor allem die Selbstständigkeit, um später mal ein möglichst unabhängiges Leben führen zu können.

Nach dem Abitur möchte ich studieren, festlegen werde ich mich allerdings erst, wenn ich in verschiedenen Bereichen meine Erfahrungen gemacht habe. In meiner Freizeit mache ich gerne Sport, wie Schwimmen oder  Skifahren. Früher war ich auch in einem Leichtathletikverein. Zudem spiele ich seit 4 Jahren Klarinette. Ich lese gerne, allerdings kein bestimmtes Genre.

Auf den Blog wurde ich über eine Freundin aufmerksam. Ich freue mich, viele coole Beiträge zu lesen und auch mal selbst was zu schreiben.

 

Bis bald

eure Vreni

Vreni am 23.2.18 11:58, kommentieren

Was mich ärgert

Hallo!

 

Ist euch schon mal aufgefallen, dass man zum Beispiel im Fernsehen oder in Artikeln oft sagt oder schreibt, dass x an einer Krankheit LEIDET? Ja, das stinkt gewaltig nach Mitleidsbonus und ich hasse Mitleid.

Seltsamerweise sagen das nie die Betroffenen selbst. Zumindest wüsste ich kein Beispiel. Die meisten akzeptieren ihre Krankheit als ein Teil von ihnen. Ich bin nicht krank oder leide unter SMA, ich kann gut damit leben. Da leide ich mehr unter der Gesellschaft und den Behörden, die mich wesentlich mehr behindern.

Und wenn wir schon mal bei falschen Formulierungen sind: Ich bin nicht an den Rollstuhl oder an das Bett gefesselt! Das ist eine Beleidigung meiner Hilfsmittel. Der Rollstuhl ersetzt mir meine Beine, die nun mal nicht machen, was sie sollen. Das ist okay, aber ohne Rollstuhl bin ich halt echt aufgeschmissen, also streicht dieses Wort sofort aus eurem Wortschatz, liebe Journalisten. Bei meinem extraweichen Bett ist es nicht anders. Ich liebe und brauche es.

 

Liebe Eltern behinderter Kinder,

bitte behandelt eure Kinder niemals aufgrund einer körperlichen Behinderung irgendwie anders. Sie können trotzdem eigenständig denken und brauchen genauso Erziehung und Schule. Aus eurem Kind kann mal echt was werden, aber dazu müsst ihr konsequent sein und dürft nicht aus Mitleid nachgeben. Sicher ist ein Leben mit Behinderung manchmal schwer. Das will ich nicht bestreiten. Aber es ist machbar und vor allem kann man daran wachsen. Bitte tut eurem Kind den Gefallen!

 

Und zum Schluss:

Liebe/r Betroffene,

bitte nimm deine Krankheit an. Ich hör dich schon murren: "Das sagt die so leicht. Die hat doch keine Ahnung. Ich will nicht krank sein."

Schon klar, ich will auch nicht krank sein, aber ich bin es und du eben auch und keiner kann das ändern. Bei SMA nicht und bei deiner Krankheit offensichtlich auch nicht. Meine Güte, du hast doch gar keine Wahl. Willst du jetzt dein ganzes Leben lang deswegen rumheulen? Du kannst doch noch was und du hast eine Chance. Nutze sie! Jetzt! Sonst komme ich vorbei und gebe dir höchstpersönlich einen Tritt in den Hintern.

Und an alle, die Muskelschwund oder eine andere Krankheit, die mit zunehmendem Alter voranschreitet, haben: Ihr könnt die Krankheit nicht aufhalten. Egal wie sehr ihr es verhindern wollt, es wird trotzdem immer schlimmer werden. Bitte spart eure Kraft und kämpft nicht ständig dagegen an. Diese Kraft braucht ihr für ein schönes Leben. Dann ist es eben etwas kürzer, aber wenigstens habt ihr dann richtig gelebt und euch nicht mit diesem sinnlosen Kampf selbst gequält. Man kann gut mit SMA leben. Und wenn du willst, kannst auch du mit deiner Krankheit im Einklang leben. Du musst ihren Verlauf nicht auf Krampf aufhalten. Das bringt nichts.

 

Bis bald,

eure Rosalie 

Rosalie am 13.2.18 21:37, kommentieren

Der Reiseblog ohne Bilder stellt sich vor

Wer bin ich überhaupt?

Mein Name ist Daniel, ich bin 38 Jahre alt, freier Journalist, Blogger, Texter und Kommunikationsberater. Auch in meiner Freizeit bin ich kreativ. So führe ich auf meinen Reisen zum Beispiel immer ein Reisetagebuch, damit ich mich noch lange an die Dinge erinnern kann, die ich in den verschiedenen Ländern erlebt habe. Die meiste Zeit habe ich in Australien verbracht, wo ich 2010 meinen Master gemacht habe. Als ich wieder nach Hause kam, war ich nicht nur um eine ganz besondere Erfahrung reicher, sondern hatte auch eine zweite Familie am anderen Ende der Welt. Seitdem fliege ich immer wieder hin. 2015 war ich zur Hochzeit meiner Gastfamilie dort und 2017 habe ich sie mit einem kurzen Besuch überrascht.

Wenn ich in meiner deutschen Heimat bin, arbeite und lebe ich so, wie ich es will. Ich kann als Freiberufler meinen Laptop da aufklappen, wo ich es möchte: im Homeoffice, im Café, bei einer Wanderpause in der Eifel oder bei Kurztrips. Ich arbeite mit zwei weiteren Freiberuflern zusammen, die ich seit dem Studium kenne. Wenn wir skypen, sieht man im Hintergrund schon mal das Meer, die Berge oder eine Skipiste. Mein Beruf und mein Hobby passen also gut zusammen. Ich bin Blogger. Außerdem habe ich meine journalistische Karriere seinerzeit beim Radio begonnen. Da war der Weg zu den Audiobeiträgen im Reiseblog ohne Bilder nicht mehr weit 😉

Aber wie kommt man überhaupt auf die Idee, so einen „untypischen“ Blog zu machen?

Schon lange hatte ich den Wunsch, einen Reiseblog zu machen. Zuerst hatte ich über das Thema Australien nachgedacht. Da gibt es aber schon viele. Dann dachte ich übers Backpacken nach. Auch hier findet man viele Blogs. ich wollte nichts kopieren oder schlechter neu machen, das es schon in verschiedenen Formen gab. Also habe ich den Start immer wieder vor mir hergeschoben. Aber der Gedanke, einen Reiseblog zu starten, kam mir immer wieder in den Kopf. Und eines Tages kam die Idee im Gespräch mit einer Freundin. Sie fragte mich, was ich am liebsten machen möchte. Und das sind Audiobeiträge, weil nichts so intensives Kopfkino verursacht wie Atmosphäre, Stimme, verschiedene Geräusche und Musik. Außerdem sieht hier jeder seine eigenen Bilder vor dem geistigen Auge. Das ist doch geil?! Um zusätzlich zu polarisieren, wurde es der Reiseblog ohne Bilder. Die Idee hatte mich im ersten Moment gepackt und nicht mehr losgelassen.

Hast du schon bei der ersten Idee Menschen mit Handicap als Zielgruppe im Kopf gehabt?

Eines vorweg, damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich habe kein Handicap. Deshalb habe ich zunächst ehrlich gesagt nicht darüber nachgedacht. Am Anfang ging es mir vor allem darum, etwas Neues auszuprobieren und einen Reiseblog zu starten, den es in der Form noch nicht gab. Wie in jedem Projekt haben sich dann einige Dinge herauskristallisiert, als es anlief. Ich habe auch nach dem Start noch das Konzept nachjustiert, zum Beispiel die Struktur der Beiträge und Anmoderationen. Und in dem Zuge habe ich auch die Zielgruppen erweitert. Es gibt zum Beispiel auch eine ganze Reihe Leute, die sich über Reisen informieren wollen, aber zu faul sind, einen ewig langen Artikel zu lesen. Andere wollen solche Beiträge im Auto hören während der Fahrt. Lesen ist da auch eher schlecht. Im Zuge der weiteren Zielgruppenrecherche kam ich auch auf Sehbehinderte und Blinde. Ich habe in den Facebook-Gruppen vorsichtig nachgefragt, ob ich die Beiträge posten darf. Und die Reaktionen der User waren wirklich sehr gut.

Ein Mitglied der Gruppe hat sich sogar bei mir gemeldet für ein Interview. Er ist selber blind und reist jedes Jahr für eine ganze Weile. Finde ich super spannend. Natürlich verrate ich hier noch nicht, wer das ist. Das Interview kommt ja noch 😊
Aber gerade solche Geschichten sind doch eine Inspiration und Motivation für andere Menschen. Wir reden immer von Grenzen und Dingen, die wir angeblich nicht können. Wenn man aber einen blinden Menschen voller Begeisterung von seinen Reisen sprechen hört, sprengt das dann nicht jede Grenze in unseren Köpfen? Ist dann nicht klar, dass wir eigentlich alles machen können und alles möglich ist? In Gesprächen höre ich immer wieder, dass die Leute gerne reisen möchten, sich aber nicht trauen wegen ihres Jobs, ihrer Familie, ihrer Freunde. Wenn aber dann ein Blinder davon erzählt, wie er bei jeder Reise seine Grenzen überwindet, springen sie vielleicht über ihren Schatten.

Wo findet man den Blog?

Natürlich unter der URL

http://reiseblog-ohne-bilder.de, bei Facebook https://www.facebook.com/ReiseblogohneBilder/ , Instagram https://www.instagram.com/reiseblogohnebilder/, Pinterest https://www.pinterest.de/reiseblogohnebilder/ und auf iTunes (https://itunes.apple.com/de/podcast/rob-reiseblog-ohne-bilder-podcast-%C3%BCber-reisende-und/id1284720872?mt=2).

Daniel am 1.2.18 17:46, kommentieren

Gestatten, Torball mein Name

"Gestatten Torball. Blindentorball!" - Ein Gespräch mit einem ungewöhnlichen Sportgerät

 

Wollen wir zuerst einmal das formale klären: Wie wirst Du denn am Liebsten angesprochen?

Eigentlich ist mein korrekter Name Blindentorball, aber die meisten nennen mich Torball. Das ist schon o. k. so.

 

Was unterscheidet Dich denn von Sportgeräten anderer Ballsportarten?

Ach, so viel ist das gar nicht. Mit ca. 500 g hab ich ungefähr das Gewicht eines Fußballes und mein Umfang ähnelt in etwa so einer Mischung aus Volleyball und Fußball. Das einzige, was kein anderer meiner Ballkollegen und -kolleginnen zu bieten hat: Ich hab Metallringe in meinem Bauch.

  

Metallringe im Bauch? Das ist ja schon ziemlich skurril?

Na ja. Du solltest wissen: Ich diene als Spielgerät für Blinde und Sehbehinderte Sportler. Die tragen wären der gesamten Spielzeit eine lichtundurchlässige Brille. Da macht das schon Sinn, dass die mich durch das Rasseln der Metallringe über das Gehör orten können.

 

Klingt logisch. Kannst du uns auch etwas zum Spiel selbst sagen?

Vielleicht zuerst mal was zum Spielfeld. Du musst Dir eine Fläche von 7 x 16 Meter vorstellen. An den beiden Stirnseiten stehen jeweils Tore. Die sind sieben Meter breit und 1,30 Meter hoch. An der Mittellinie ist quer über das Feld eine Leine in 40 cm Höhe gespannt. Jeweils zwei Meter rechts und links der Mittellinie gibt es ebenfalls eine Leine in 40 cm Höhe, die quer über das Spielfeld gespannt ist. Dann sind da auf jeder Seite des Spielfeldes drei Spieler. Die werfen mich unter den Leinen durch und hoffen, dass ich beim Gegner den Weg ins Tor finde.

 

Drei Leinen auf Kniehöhe. Drei Spieler auf dem Feld, die Nichts sehen können. Dann fliegst Du noch durch die Gegend. Endet das nicht im Chaos?

Nein keineswegs. Das geht sogar sehr geordnet ab. Vor jedem Tor sind drei Teppichmatten geklebt. Die sind zwei Mal einen Meter groß. Daran können sich die Spieler orientieren. Zusätzlich haben die noch mannschaftsinterne akustische Absprachen, so dass die genau wissen, wo sie grade sind und wo sie mich hinwerfen müssen oder wie sie mich abwehren können. Dazu kommt noch, dass die drei Leinen in der Mitte des Feldes mit Glöckchen ausgestattet sind, die bei der geringsten Berührung der Leinen ein akustisches Signal geben. Übrigens: Die Berührung der Leinen ist bei Strafe verboten. Weder die Spieler noch ich dürfen da dran kommen.

 

Und wie läuft denn dann so ein Spiel ab?

Das ist gar nicht so kompliziert. Die beiden Mannschaften befinden sich jeweils wechselseitig im Angriff und in der Abwehr. Bin ich z. B. im Besitz von Mannschaft A hat diese acht Sekunden Zeit, mich unter den Leinen durch zu werfen. Gleichzeitig knien die Spieler von Mannschaft B auf dem Boden und erwarten mich. Wenn ich dann auf dem Weg zu Mannschaft B bin legen die sich blitzschnell auf die Seite, strecken sich aus und verbauen mir - leider - den Weg ins Tor. Dann haben die von Mannschaft B wiederum acht Sekunden Zeit, mich auf die Seite von Mannschaft A zu befördern und so geht das immer hin und her. Insgesamt zehn Minuten pro Spiel.

 

Wird Dir dieses hin und her nicht irgendwann langweilig?

Nein, Überhaupt nicht. Da steckt ja noch mehr dahinter. Da gibt es z. B. Spieler, die können mich so schnell und leise werfen, da bin ich schon im Tor, bevor die in der Abwehr überhaupt merken was los ist. Das ist schon witzig, wenn Du aus dem Tor dann zuschauen kannst, wie die hinfallen und weißt genau: Ätsch. Zu spät. Aber noch mehr Spaß hab ich bei den Spielern, die mich so werfen können, dass ich im Spielfeld der abwehrenden Mannschaft zu hoppeln anfange. Da komm ich zwar nicht so schnell an, dafür kannst Du aber schon auf dem Weg das Chaos im Gesicht der Abwehrspieler sehen und genießen. Die wissen genau: Gleich trifft mich dieser blöde Torball so, dass er irgendwo weiter Richtung Tor springt. Was für ein Spaß, wenn ich denen zuschauen kann, wie sie verzweifelt versuchen mich vom Weg ins Netz ab zu halten, genau wissend: Ihr kriegt mich ja doch nicht.

 

Du hast vorhin von dem Verbot gesprochen die Leinen zu berühren?

Ach ja. Das ist auch noch so eine Besonderheit, die ich außerordentlich witzig finde. Es gibt da noch den Schiedsrichter, der u. a. darüber wacht, dass diese Leinen nicht berührt werden. Sollte das dann doch einmal passieren, wird der Verursacher für einen Angriffszug der gegnerischen Mannschaft des Feldes verwiesen. Leider sind die Spieler in der Regel schon so gut konditioniert, dass die von sich aus eher selten an die Leinen packen. Da muss ich halt dann für ein bisschen Leben in der Bude sorgen. Ich mach mir dann schon mal einen Spaß daraus die Leinen selbst zu berühren. Du solltest mal die Verzweiflung bei manchen Spielern sehen, wenn das öfter vorkommt. Die fallen da teilweise richtig vom Glauben ab. Ich grins mir dann immer eins und denke: Ups, Kann schon mal passieren - Gelle.

 

Das hört sich nach viel Spaß an - also zumindest für Dich. Wie viele Kollegen von Dir teilen denn Dein Vergnügen und wo kann man Dich mal erleben?

Wir sind eigentlich über ganz Deutschland verteilt. Es gibt seit einigen Jahren eine Torball-Bundesliga; hierarchisch unterteilt in drei Spielklassen. Da sind wir bis zu sechs Mal im Jahr aktiv. Darüber hinaus finden über das Jahr verteilt auch deutschland- und europaweit Freundschaftsturniere statt. Also, wir bekommen schon ordentlich Einsatzzeit. Es gibt auch noch eine Torball-Nationalmannschaft, die sich regelmäßig zu Lehrgängen trifft und zu Welt- und Europameisterschaften fährt. Auch da sind dann Kollegen von mir mit dabei.

 

Bei allem Spaß, den Du offensichtlich hast; Hier zum Schluss doch noch mal was Ernsteres: Stichwort Inklusion. Ist das bei euch auch ein Thema?

Selbstverständlich. Das wird im Torball schon seit vielen Jahren aktiv gelebt. Meine Kollegen und ich werden von Sehenden, Sehbehinderten und Blinden gleichermaßen durch die Sporthallen der Republik gescheucht. Da sowieso alle Spieler diese lichtundurchlässige Brille tragen müssen, ist es auch vollkommen egal wie groß der Sehrest noch ist. Unter der Brille sind eh alle gleich. Ich würde sogar noch ein Stück weiter gehen wollen und sagen, dass der Torball eine der wenigen Sportarten ist, wo sich „Nicht Behinderte“ den Gegebenheiten von „Behinderten“ anpassen müssen und nicht umgekehrt. Wollte man diesen Gedanken auf die Spitze treiben, könnte man sogar sagen: Hier inkludieren die „Behinderten“ Sportler die „Nicht Behinderten“ Sportler.

 

Ein interessanter Gedanke; Wenn jetzt jemand den Torballsport mal näher kennen lernen möchte: Wo kann man denn mehr über Dich und Deine Kollegen erfahren?

Da kann ich Dir eine gute Homepage ans Herz legen:

www.blindentorball.de

Dort erfährst Du noch viel mehr über mich, meine Kollegen und den Torballsport. Es gibt dazu auch eine Facebook-Seite. Wenn Du da mal nach Blindentorball suchst und die Seite abonnierst bekommst Du immer die neuesten Infos rund um den Torball.

 

Sehr schön. Vielen Dank für das Gespräch und viel Spaß in Zukunft.

Ich bedanke mich auch und würde mich freuen, demnächst mal einige Leser im wahrsten Wortsinn persönlich treffen zu dürfen.

 

      

Markus am 16.1.18 19:01, kommentieren