Berufsbilder blinder und sehbehinderter Menschen Teil 8: Sebastian, der blinde Volkswirt

Hallo,

 

Ich bin der Sebastian, Jahrgang 1984 und seit dem Kleinkindalter blind. Habe mein Abitur 2003 an einer Blindenschule gemacht und möchte nun mal von meinem beruflichen Werdegang berichten.

 

An erster Stelle steht da die Berufswahl. Zu diesem Zweck gibt es ja in der 9. und 10. Klasse ein Praktikum, bei mir von je zwei Wochen. Aus meiner Sicht hat das der Findung eines möglichen Berufes nicht so wirklich viel beigesteuert. Vielleicht auch, weil für mich ein Studium angedacht war und das ja dann noch einige Jahre hin waren. Als Junge möchte man natürlich gern in den technisch- naturwissenschaftlichen Bereich, also Physik, Chemie, Elektrotechnik, Ingenieur, vielleicht sogar Medizin... Aber aus Behinderungsgründen wurde mir davon abgeraten. Gut, Arzt ist tatsächlich schwierig, obgleich es auch Mediziner im Büro gibt, was nicht so spannend für mich währe. Erst später habe ich mal von einem blinden Physikstudenten gelesen. Also gut, da wurde mir abgeraten. Mit dem Computer habe ich den Einstieg erst später gefunden, also habe ich Informatik von mir aus ausgeschlossen.

 

Meine nächste Idee war dann Wirtschaft. Das hilft, die Politik und das Handeln der Menschen und Unternehmen besser zu verstehen. Da hat mir keiner abgeraten. Ich habe mich für die Volkswirtschaftslehre entschieden, weil diese vielseitiger sein sollte. Meine Fächerkombinationen habe ich dann auch schön offen gewählt, dass man in vielen Bereichen Arbeit finden kann.

 

Im Studium habe ich dann gemerkt, dass es doch sehr visuell ist. Es wurden gerade in den Wirtschaftsfächern die wichtigen Zusammenhänge über Diagramme erklärt. Ist ja für den der es sieht sehr eingängig. Erklärt wurde es von den Tutoren mehr oder weniger gut, oft kam ich in der Vorlesung nicht mit. Noch schwieriger war es, wenn an der Tafel etwas vorgerechnet wurde und das wurde viel gemacht. Selbst wenn es angesagt wird, mitschreiben habe ich so schnell nicht geschafft, also Stichpunkte bei inhaltlichen Vorlesungen machen ist kein Problem, aber komplette seitenlange Rechnungen mitschreiben, dass ist mir nicht geglückt. Auch mitdenken war so schnell nicht möglich. Oft bin ich dann bei solchen Vorlesungen gar nicht mehr hin gegangen und habe es nachgearbeitet.

 

Für das Studium habe ich kaum mehr als die Regelstudienzeit gebraucht. Habe mir jedoch auch keinen wirklichen Urlaub gegönnt. Obgleich mir die Motivation oft schwer gefallen ist. Dann sitzt man den ganzen Tag lustlos vor seinen Materialien am Computer und stellt am Abend fest, dass man fast nichts gemacht hat, will dass dann in zwei Stunden nachholen, es wird spät und man wird morgens nicht wach. Wenn man das Studentenleben genießen möchte, braucht man sicher länger. Das zweite Problem bei so schnellem Studium ist, dass man es nur für die Prüfung lernt und dann wieder vergisst, es kommt nicht ins Langzeitgedächtnis.

 

Die breite Ausrichtung des Studiums war auch nicht unbedingt gut. Man kann in vielen Bereichen arbeiten, es wird aber auch immer einen geben, der für eine bestimmte Stelle besser passt. So habe ich nach dem Studium zwei Jahre nur Bewerbungen geschickt und Einstellungsgespräche besucht. Dann habe ich zwei Jahre gearbeitet, vor Ablauf der Frist schon wieder gesucht, hatte nach kurzer Unterbrechung was für drei Jahre. Da sich das als nicht so optimal herausstellte, habe ich praktisch gleich weitergesucht. Dennoch war ich schon gut ein Jahr arbeitslos, bis ich nun meine dritte Stelle fand. Wenn man mal von einer kurzen Unterbrechung absieht, war ich von Anfang 2008 bis Herbst 2016 nur im Bewerbungsprozess. Da hab ich die meisten Erfahrungen, das Arbeitsamt müsste mich eigentlich liebend gern als Mitarbeiter gewinnen wollen... Ein Vermittler dort meinte mal zu mir "einmal Arbeitsagentur, immer Arbeitsagentur" und das scheint leider viel zu oft zu stimmen. Nicht nur bei Blinden, auch in meinem Umfeld von Nicht-Behinderten beobachte ich deutliche Schwierigkeiten mit der Arbeitssuche.

 

Also vielleicht wäre es besser, sich zu spezialisieren. Dann muss man allerdings wissen, was man will und das war nie meine Stärke. Auch die Studienberatung war nicht besonders hilfreich. Ich denke, es müsste einen auf psychologischen Tests basierendes Findungsverfahren geben. Das man praktisch anhand seiner persönlichen Neigungen, ggf. der Einschränkungen durch die Behinderung und natürlich in Anbetracht des Arbeitsmarktes beraten wird, welche Fächer für einen  in Frage kommen. Jetzt hätte ich andere Ideen, was ich studieren würde. War mir nur nie sicher genug, um noch ein zweites Mal zu studieren. Also die Studienwahl ist ein schwieriges Thema und man sollte sie sorgfältig durchführen.

 

Für Prüfungen habe ich Sonderregeln verhandelt. Entweder eine Zeitverlängerung und schreiben an meinem Computer, oder auch mündlich. Vom Zeichnen hat man mich dann zumindest in der Prüfung verschont. Obgleich ich in der Schule gezeichnet habe. Gehen tut das schon irgendwie. Viele Professoren haben mir die Materialien noch in einer besser zugänglichen Form gegeben, gerade bei der Ökonometrie/Statistik gab es vieles in LaTeX. Das ist ein textbasiertes Schriftsatzsystem. Wenn man die Befehle kennt, ist es auf der Braillezeile gut zu lesen. Man muss immer Fragen, was sie einem geben können. Bücher hatte ich kaum. Habe viel mit meinen Mitschriften, den Unterlagen und meiner Studienassistenz gelernt.

 

Die Integrationshilfe in Form von Studienassistenz war für mich sehr hilfreich. Da bekam ich finanzielle Unterstützung für 15 oder 20 Stunden in der Woche, um mir jemanden zu nehmen, der mir beim Studium hilft, Abbildungen, Vorlesungsmaterial etc. beschreibt bzw. diktiert, oder einfach Nachhilfe gibt. Wie das genau aussieht, das hängt vom Studienfach ab. Für textbasierte Fächer habe ich keine Hilfe gebraucht. Für die Ökonometrie dafür umso mehr. Das waren alles Mitstudenten, die entweder gleichzeitig oder schon vorher das Fach besuchen/besucht haben.

 

Zudem hatte ich einen Laptop mit Braillezeile, 40 Zeichen.

Es ist zu überlegen, ob man nicht ein Notizgerät nimmt. Das ist leichter, kleiner, schneller draußen und geht nicht so schnell leer. Habe jetzt privat die Eurobraille Esys 40. Nur ich finde die Tasten zum schreiben nicht so gut Auf einer normalen Tastatur kann ich viel besser tippen. Bei dem Papenmeier-Notizgerät sind die Tasten besser, habe es mir Ende 2012 mal angeschaut, es ist allerdings doppelt so schwer wie die Esys und hat eine konkave Zeile, was ich nicht so mag. Wenn man Excel und Internet in der Uni braucht ist der Laptop besser. Damals war das mit den Notizgeräten noch nicht ganz so verbreitet. Jetzt gibt es noch mehr Braillezeilen mit Notizfunktion. Auch die kleinen Netbooks kamen später auf. Ich finde 11 Zoll sollten es schon sein, hängt aber von der Handgröße usw. ab. Muss jeder probieren, welche Größe ihm liegt. Damals hatte ich einen mit 14 Zoll, jetzt auch einen mit 11,8.

 

Scanner und Schwarzschriftdrucker hatte ich auch. Scanner braucht man aber nicht so oft, wie man denken könnte. Die Texterkennungssoftware ist da schon wichtiger, für PDF aus dem Internet. Und Drucker halt für Briefe und Arbeiten zum einreichen, obwohl man das auch oft per Mail kann. Also beides nicht unverzichtbar.

 

Hab ich das Studium also abgehandelt, und wende mich dem Beruf zu.

Hatte 2007 im Studium ein sechswöchiges Praktikum auf freiwilliger Basis.

Nach zweijähriger Arbeitslosigkeit fand ich 2010 meine erste Arbeitsstelle. Habe dort Statistik und Prognose in der Statistik der gesetzlichen Krankenversicherung gemacht. In erster Linie Finanzstatistik, aber auch Mitgliederstatistik. Zudem einige Recherchen. D. h. viel mit Excel, aber auch etwas Internetrecherche und Sachen zusammenschreiben. Hab mich dort sehr wohl gefühlt und auch die Arbeit ist mir ganz gut geglückt.

 

Meine zweite Arbeit von 2012 bis 2015 war von der Sache her ähnlich, jetzt Statistik und Prognose der Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit. Nur der Teufel liegt im Detail, so kam ich mit dieser Arbeit deutlich schwerer zurecht. Auch habe ich mich vom Umfeld her nicht so wohl gefühlt. Das wurde besser, nachdem fast alle vom Referat gewechselt haben, nur die Schwierigkeiten mit der Arbeit blieben. Na, war eh nur befristet.

 

War dann wieder ein Jahr arbeitslos und habe Ende 2016 meine dritte und bis zum Tag des Schreibens aktuelle Arbeit gefunden. Hier läuft es bis jetzt wieder gut, persönlich und von der Arbeit her. Es ist wieder viel mit Excel-Tabellen und so Datenrecherche und Auswertung, auch Presseauswertung. Alles drei Büroarbeiten, also schon irgendwie ähnlich.

 

Habe bis jetzt immer Vollzeit gearbeitet. Da noch etwa 10 Stunden Wegezeit pro Woche hinzukommen, ist das allerdings recht viel. Könnte mir gut vorstellen, später auch mal weniger zu arbeiten, oder aufzuhören, wenn es die Finanzen erlauben.

 

Für die Arbeit habe ich ebenfalls einen PC mit Braillezeile, stationär mit 80 Zeichen, zum Mitnehmen auch 40. Bei meiner jetzigen Arbeit bekam ich einen dienstlichen Laptop.

 

Den Arbeitsweg erledige ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Wenn es keine Einschränkungen bei der Bahn gibt, funktioniert das auch sehr gut. Kann aktuell sogar durchfahren. Habe mir auch einige Ausweichrouten zeigen lassen. Alles kann man jedoch nicht abdecken.

 

Wenn man eine Arbeit anfängt kann man nicht nur die nötige technische Arbeitsplatzausstattung, sondern auch blindheitsbedingte Qualifikationen wie Umgang mit den PC-Hilfsmitteln und natürlich einem Mobilitätstraining beantragen. Das wird bei der Arbeitsagentur beantragt. Wer schon 15 Jahre im Berufsleben steht, der beantragt bei der Rentenversicherung, welche sich mit der Genehmigung jedoch deutlich schwerer tut.

 

Was sicher für den Arbeitsweg, aber auch für alle anderen Wege wichtig ist, sind meine Bahnhofsbeschreibungen unter:

http://mobil.kuubus.de

Die Seite freut sich immer über neue Einsendungen.

 

Meine private Seite findet ihr unter:

www.sebastianfietz.de

 

1 Kommentar Sebastian Fietz am 3.4.17 12:53, kommentieren

Blognews 1/2017: Was bzgl. Blog in den letzten 3 Monaten passiert ist

Hallo,

 

mittlerweile gibt es uns schon fast ein halbes Jahr. Ende 2016 gab es ja bereits einen kleinen Jahresrückblick, aber in den letzten drei Monaten hat sich so einiges getan. Was das so ist und was für die nächste Zeit so ansteht, erzählen wir euch heute in diesem Bericht.

 

1. Zahlen und Fakten

In den letzten Monaten haben sehr viele Leute ihren Weg zu uns gefunden. Insgesamt können wir uns nun über 3257 Besucher, 11 Gästebucheinträge, über mehr als 30 Kommentare und 25 Abonenten freuen. Auch wir Autoren waren fleißig und haben nun insgesamt 92 Artikel verfasst.  Wie ihr vielleicht schon gemerkt habt, haben wir Zuwachs bekommen: Neben einiger Gastautoren, die unter anderem auch für unsere Artikelserie zum Thema Beruf tätig waren, haben wir mit Rosalie, Luisa und vielen Anderen  weitere Autoren für unser Team gewinnen können, dass nun aus ca. 30 Autoren besteht.

 

2. Social Media

Neben einem Twitter-Account (@AndereBlogger) haben wir jetzt auch Facebook (anders und doch gleich)und Instagram (anders_und_doch_gleich). Vor allem bei Twitter und Instagram gibt's regelmäßig Neuigkeiten. Für interne Zwecke wurden zudem weitere WhatsApp-Gruppen und eine Mailingliste geschaffen, um den Austausch und die Zusammenarbeit unter den Autoren zu erleichtern.

 

3. Medien und Öffentlichkeitsarbeit

Auch in den Medien waren wir relativ aktiv: Im Januar erschien ein ausführlicher Artikel im Newsletter BBSB-Inform, woraufhin die Besucherzahlen massiv anstiegen. Außerdem wurde unser Link einmal über den Newsletter Horus-Aktuell verschickt. Weiterhin ging auch unser Aufruf für die Artikelserie "Berufsbilder blinder und sehbehinderter Menschen" über diesen Newsletter. Diesem Aufruf ist es zu verdanken, dass in dieser Serie ca. 15 Artikel erscheinen werden. Außerdem sendete Ohrfunk Ende März mehrfach ein Interview, dass der Chefredakteur Eberhard Dietrich mit unserer Autorin und Mitbegründerin Carina T. geführt hat.

 

4. Prominenter Supporter für den Blog

 

Auf Carinas Initiative hin konnten wir zudem den selbst hochgradig sehbehinderten Buchautor und Unternehmer Saliya Kahawatte als Supporter für unser Projekt gewinnen. Neben kleinen Social Media Aktionen veröffentlichte er auch scho einen Text über uns und unser Projekt samt Gruppenbild auf seiner Stiftungshomepage. Diesen findet ihr unter folgendem Link:

https://saliyafoundation.de/aktuelle-projekte/

 

5. Was bringt die Zukunft?

Das ist eine wirklich gute Frage, die uns oft auch von Interessierten an unserem Projekt gestellt wird. Ehrlich gesagt, wissen wir das nicht so genau: Vielleicht drehen wir mal Videos, produzieren Audio-Dateien, machen ein Blogtreffen… Es gibt soooo viele Möglichkeiten. Eins können wir euch aber garantieren: Wenn es etwas Neues gibt, dann erfahrt ihr das auf jeden Fall auf dem Blog und über Social Media. Also fleißig unsere Medien verfolgen!!! J

 

 

 

6. Dank

Alle Leute und Organisationen aufzuzählen, denen wir zu Dank verpflichtet sind, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Wenn ihr wissen wollt, wer das alles war und ist, dann schaut auf unserer Seite "Danksagungen" vorbei. Diese findet ihr in der Kategorie "So kannst du uns unterstützen".

 

Auf weitere so erfolgreiche drei Monate!!!!

Euer Team von anders-und-doch-gleich

 

anders-und-doch-gleich am 31.3.17 15:00, kommentieren

Wie ich eine Zugfahrt erlebe

       Hallo,

für mich wird es bald ernst:

In weniger als einer Woche beginnt für mich das Studium an der Technischen Hochschule Köln. Um da irgendwann einmal auch alleine hinzukommen, habe ich hart trainiert. Von meiner Zugfahrt zur TH und meinen Gedanken während dieses Weges möchte ich heute erzählen.

Ich stehe auf dem Bahnsteig und warte auf den Zug in Richtung Köln. "Es ist 10 Uhr 50", verkündet meine Uhr. Meine Ohren sind gespitzt. In wenigen Minuten wird der Zug eintreffen. Da höre ich auch schon die Ansage: "Einfahrt RE7 nach Reine über Dormagen und Köln Hauptbahnhof." Kaum ist die Ansage verstummt, da vernehme ich schon das aufgeregte Knistern und Quietschen der Gleise und die Geräusche des heranfahrenden Zugs. Als der Regionalexpress dann mit einem leisen Schnauben anhält bewege ich mich auf den Zug zu und taste mich an ihm entlang, immer auf der Hut vor dem Spalt zwischen Zug und  Bahnsteigkante. Irgendwann habe ich dann eine Tür entdeckt und steige erleichtert ein. Geschafft! Nun noch einen Sitzplatz finden. Ich drehe mich nach rechts und taste mich vor, bis mein Stock an die Sitzreihen stößt. Vorsichtig strecke ich die Hand aus und berühre den Sitz rechts neben mir. Aber da ist nur das samtige Sitzpolster, also ist der Platz frei. Ich lasse mich erleichtert auf den Sitz fallen und stelle meinen Timer auf 20 Minuten, um rechtzeitig wieder in Richtung Tür gehen zu können. Nun kann ich entspannt meine WhatsApp-Nachrichten lesen oder mich mit meiner Begleitung unterhalten.

 

Circa 20 Minuten später reißt mich mein Timer wieder aus den Gedanken. Ich stecke mein Handy in die Tasche und stehe auf. Langsam gehe ich durch den Zug in Richtung Tür. "In einem fahrenden Zug zu laufen, ist ganz schön schwierig", denke ich, während ich versuche, bei der ganzen Schaukelei das Gleichgewicht zu halten. Zum Glück finde ich einen dieser metallenen Haltegriffe, an dem ich mich festhalte, während der Zug in den Kölner Hauptbahnhof einfährt. Als der Zug zum Stehen kommt und ich gerade auf den Türöffner drücken will, spricht mich eine Frau an: "Entschuldigen Sie, Sie stehen auf der falschen Seite." "Oh, danke", antworte ich und mache mich daran, den Zug zu verlassen. Doch dann stehe ich vor dem nächsten Problem: Wo sind die Treppen? Und wieder kommt Hilfe: "Zu den Treppen geht's rechts rum", sagt dieselbe Frauenstimme. Wieder bedanke ich mich und mache mich auf den Weg. Nur wann kommen diese verflixten Treppen? Warum gibt's hier keine Leute, an denen ich mich orientieren kann? Als mir eine junge Frau anbietet, mich zu den Treppen zu bringen, nehme ich das Angebot erleichtert an und hake mich bei ihr ein. Am unteren Ende der Treppe verabschiede ich mich von ihr und greife zum Treppengeländer. Dort steht in erhabener Schwarzschrift geschrieben, welches Gleis sich wo befindet. Ich weiß, ich muss mich nach den höheren Zahlen orientieren, um zum Breslauer Platz zu kommen. Ich lege die Richtung fest, suche die Leitlinie und folge ihr. "Gehe ich richtig", frage ich mich immer wieder. Doch dann spüre ich es: Es geht bergab, ich bin richtig!!! Immer wieder stößt mein Stock gegen Hindernisse, vielleicht sind es Füße oder es ist ein Koffer. Ich weiß es nicht und mir ist es so ziemlich egal, was ich da mit meinem Stock berühre. Wenn jemand gar nicht zur Seite gehen will, mache ich mich mit einem kurzen "Entschuldigung" bemerkbar.

 

 

Endlich spüre ich einen Luftzug und bald die Gummimatten vor dem Ausgang. Ich hangle mich nach rechts am Bahnhofsgebäude entlang und an den unzähligen Türen vorbei, bis ich eine Leitlinie finde. Dieser folge ich und stutze kurz, als die Linie plötzlich weg ist. Doch dann erinnere ich mich wieder: "Das ging baulich nicht anders, das hast du doch im Training gelernt." Erleichtert gehe ich weiter, um dann beim zweiten Noppenpflaster nach links abzubiegen. Ich finde einen Handlauf und gehe die Treppe hinab. Unten begrüßt mich ein Noppenstreifen. Ich bewege mich nach links und finde die Leitlinie. Ich gehe schneller, schließlich weiß ich: Hier geht's nur geradeaus. Doch plötzlich fällt mein Stock ins Leere. "Was ist jetzt los", denke ich, aber in diesem Moment fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Ich stehe vor der nächsten Treppe. Vorsichtig suche ich das Geländer und gehe die Treppe hinab. Unten muss ich einer Zickzack-Kurve folgen. Und dann ist Vorsicht geboten, denn ab hier stellt das Leitsystem auch meine Begrenzung zur Bahnsteigkante da. Am zweiten Noppenfeld bleibe ich stehen, gehe ein paar Schritte zurück und warte auf meine U-Bahn. "Nächster Zug auf Gleis 3: Linie 16 Richtung Sürt", verkündet eine laute, deutliche Frauenstimme aus dem Lautsprecher. Ich mache mich bereit und lausche den Geräuschen des Zuges. Als er anhält, höre ich wie rechts und links Türen aufgehen. Ich entscheide mich für die rechte Tür und beeile mich sie zu finden. Als ich sie erreicht habe, geht sie auch schon zu. Aber glücklicherweise hat jemand die Tür noch daran gehindert, mich zu zerquetschen, sodass ich einsteigen kann. In der Bahn angekommen, frage ich nach einem freien Sitzplatz. "Da ist was frei", antwortet ein Mann. "Mit da kann ich nicht viel anfangen", sage ich und muss lachen. Nach einigem hin und her habe ich einen Platz gefunden und setze mich.

 

Neun Stationen und ca. 5 500 Meter Fußweg später habe ich dann die Uni erreicht. Wie es mir dort ergeht, dass sollen Inhalte weiterer Beiträge werden.

Bis bald

eure Carina

 

 

1 Kommentar Carina am 31.3.17 14:36, kommentieren

Berufsbilder blinder und sehbehinderter Menschen Teil 7: Der Psychologe



 

Hallo liebe Interessierte!

 

Ich heiße Matthias Rode, bin 51 Jahre alt. Ich bin verheiratet, lebe in Rostock, gelte als blind, habe auf einem Auge einen Sehrest. Über  meine Frau bin ich Stiefvater, Opa, habe keine eigenen Kinder. Ich bewege mich viel, joggen, Radfahren (leider nicht unfallfrei), Gartenarbeit, freies Tanzen wie „Bio Danza“ oder „5 Rhythmen“, Qi Gong.

Ich bin Diplom-Psychologe, Psychotherapeut. Das Studium hat mich sehr interessiert, und ich wollte gerne viel mit Menschen arbeiten.

Meine Studienjahre in Freiburg und Trier habe ich in sehr guter Erinnerung, viel Freiraum, gerade in Trier ein breites Lehrangebot. Es ist viel Lesestoff; ich hatte produktive Lern- und Arbeitsgruppen, so dass ich gut zurecht gekommen bin. Auch mit Dozenten konnte ich gut verhandeln, so dass für mich der Lesestoff reduziert wurde.

Meine berufsbegleitende Therapieausbildung in Hamburg und Stralsund war eine intensive Zeit, Fallpräsentationen mit Videofeedback.

Ich habe in mehreren Rahakliniken gearbeitet, einige Jahre  in der stationären Jugendhilfe.

Zur Zeit arbeite ich an einer Rehaklinik für Kardiologische Patienten an der Ostsee. Ich habe nicht viel Papierarbeit. Für meinen Eindruck gelingen mir Einzelgespräche am besten, Gruppenarbeit ist manchmal schwieriger; ich gehe  offen mit meinen Schwierigkeiten um, und ich erlebe auch sehr viele freundliche und verständnisvolle Patienten. Ich gebe viele Entspannungskurse, AT und PME; das fällt mir leicht.

Anstrengend an meinem Beruf ist oft das viele Zuhören, die menschliche Nähe zu vielen fremden Menschen. Für Menschen mit Sehbehinderung ist der Beruf gut geeignet, glaube ich. Wichtig ist sicher die Fähigkeit und Freude, sich auf andere Menschen einzulassen, nicht planlos mit eigenen Ratschlägen zu kommen. Jeder Mensch trägt nach meiner Auffassung die Lösung von Schwierigkeiten in sich. Hier habe ich die Fallarbeit, die Supervisionen mit den Kollegen, während der Therapieausbildung als hilfreich und notwendig erlebt.  

 

 

1 Kommentar Matthias Rode am 31.3.17 12:20, kommentieren

Berufsbilder blinder und sehbehinderter Menschen Teil 6: ein fast blinder Richter erzählt

Hallo,

heute erzählt euch ein fast blinder Richter von seinem Berufsalltag.

Viel Spaß beim Lesen!!!!

 

Alles, was Recht ist (oder die Freude an der Unabhängigkeit)

Von Stefan Niemann

 

Montag, 2. April 2001, 8:00 Uhr:

Ich sitze - bekleidet mit einem dunklen Anzug, weißem Hemd und einer roten Designerkrawatte - in der Straßenbahn und bin auf dem Weg ins Landgericht. Ich bin freudig erregt. Heute ist der Tag der Tage, mein Start ins Berufsleben. Und es ist nicht irgendein Beruf, nein, ich werde als Richter im Landgericht arbeiten. Im Gericht angekommen, bringt mich ein Mitarbeiter der Verwaltung zu einem Sitzungssaal. Dort läuft gerade eine öffentliche Sitzung in einem Zivilrechtsstreit. Die Vorsitzende unterbricht die Sitzung, alle Beteiligten erheben sich, und ich muss meinen Diensteid leisten. Ich bin jetzt doch ziemlich nervös. Aufgrund einer hochgradigen Sehbehinderung bin ich nicht in der Lage, den Eid abzulesen. Deshalb spricht ihn die Vorsitzende Satz für Satz vor, ich spreche ihn nach. Im Anschluss daran wird die Sitzung fortgesetzt, ich gehe in mein Dienstzimmer.

 

Dort angekommen, ist meine anfängliche Euphorie verflogen, erste Selbstzweifel beschleichen mich, war es wirklich eine so gute Idee, sich auf eine Richterstelle zu bewerben? Werde ich den Anforderungen überhaupt gerecht werden können? In meinem Büro liegt ein rund 90 cm hoher Stapel mit Akten. Offenbar wird von mir erwartet, dass ich irgendetwas Zielführendes mit diesen Akten machen soll, nur was und vor allem wie?

 

Mit den Verantwortlichen des Landgerichts hatte ich ca. zwei Monate zuvor besprochen, dass und welche Hilfsmittel ich aufgrund meiner hochgradigen Sehbehinderung benötigen würde, um mir die Akten zugänglich zu machen. Dazu gehörten zuvörderst ein PC mit einem großen Bildschirm, einer Vergrößerungssoftware und vor allem einem Screenreader, also einer Software, die den Bildschirminhalt vorlesen kann, des weiteren ein Scanner, um so mittels einer OCR-Software die Anwaltsschriftsätze einscannen und dann über die Sprachausgabe des PC vorlesen lassen zu können. Außerdem ein sog. Bildschirmlesegerät, mit dessen Hilfe man Texte über eine Kamera und einen Bildschirm extrem stark vergrößern kann. Das Landgericht hatte beim Landeswohlfahrtsverband auch umgehend einen Antrag auf Kostenübernahme gestellt, dieser Antrag ist allerdings noch nicht beschieden, und so sitze ich jetzt in meinem Büro und kann lediglich auf mein privates Bildschirmlesegerät zurückgreifen, das ich - um überhaupt etwas lesen zu können - in mein Dienstzimmer habe bringen lassen. Weil sich mein Sehvermögen allerdings in den letzten drei Jahren nochmals erheblich verschlechtert hat, ist das nur bedingt eine Hilfe, und die Brailleschrift (Blindenschrift) habe ich zwar im letzten Jahr gelernt, ich bin aber viel zu langsam, als dass ich damit beruflich sinnvoll arbeiten könnte. Auch die versprochene Arbeitsassistenz ist noch nicht da, die Anträge beim LWV laufen, immerhin soll sie in zwei Wochen anfangen.

 

So nehme ich jetzt also die oberste Akte vom Stapel, sie besteht aus vier Bänden, die mit einer Art Gürtel zusammengehalten werden. Ich lege den ersten Band unter das Lesegerät und beginne auf Seite 1. Es handelt sich um eine Klage des Inhabers eines abgebrannten Gewerbebetriebes, der 7,6 Mio. Euro von seiner Versicherung fordert. Meine Hände werden feucht, Panik steigt in mir auf. Wieso soll ich (gleich als erstes) über solche Streitwerte entscheiden, ich habe doch keine Ahnung! Eigentlich gilt am Landgericht das sog. Kammerprinzip, sprich, in der Regel entscheiden immer drei Richter über die jeweiligen Fälle, und nur im Ausnahmefall wird der Fall einem Einzelrichter zur Entscheidung übertragen. Blöderweise haben die beiden Richterkollegen meiner Kammer dieses Prinzip de facto umgekehrt, sprich, grundsätzlich entscheidet der Einzelrichter, und nur im Ausnahmefall, also bei Fällen, die besonders kompliziert oder umfangreich sind, entscheidet die Kammer mit drei Richtern. Und bei meiner Vorstellung hat mir der Vorsitzende der Kammer gleich noch mit auf den Weg gegeben, dass es solche Fälle praktisch nicht gäbe und deshalb alles durch den Einzelrichter entschieden würde, keiner meiner Vorgänger sei jemals mit dem Ansinnen an ihn herangetreten, einen Fall zu dritt zu entscheiden. Ich klappe die Akte wieder zu, da fällt mir ein auf der Vorderseite angebrachter Zettel auf. Dort steht "Anlagen in Kiste auf Geschäftsstelle". Ich gehe in meine Geschäftsstelle und frage nach. Man verweist auf sechs Umzugskartons, die in einer Ecke gestapelt sind und in denen sich Dutzende Leitz-Ordner mit Plänen, Rechnungen, Schriftverkehr etc. befinden.

 

Ich könnte einfach nur schreien. Dass ich den Fall ca. drei Jahre später ganz locker entscheiden werde und dass gegen mein Urteil noch nicht einmal Berufung eingelegt werden wird, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich beschließe, jetzt erst mal durchs Haus zu gehen und mich bei den richterlichen Kollegen vorzustellen. Ich gehe von Zimmer zu Zimmer, die Namen der Kollegen kann ich mir bald schon nicht mehr merken, bald habe ich auch den Überblick verloren, bei wem ich schon überall war. Die Gänge systematisch abzuarbeiten hilft auch nicht weiter, denn teilweise sind die Büros verschlossen. Eigentlich hätte ich ja erwartet, dass meine Sehbehinderung hier eine Rolle spielen wird, aber bis auf die jüngeren Kollegen stellt keiner Nachfragen. Das liegt vielleicht daran, dass es am Landgericht seit Jahren einen vollblinden Richter gibt.

 

Nach ca. eineinhalb Stunden - ich habe nur einen Bruchteil der Kollegen angetroffen - kehre ich in mein Büro zurück. Ich nehme mir die zweitoberste Akte und beginne zu lesen. Diesmal handelt es sich um eine Erbstreitigkeit, die Klägerin macht gegen ihre Geschwister Pflichtteilsansprüche geltend und erhebt deshalb eine sog. Stufenklage. "Was um Himmels willen ist eine Stufenklage?", frage ich mich. Im Studium war das ganz sicher nicht dran und im Referendariat irgendwie auch nur am Rande. Ich lese und lese und habe innerlich schon beschlossen, den Dienst zu quittieren, da klopft es an der Tür. Eine junge Frau steckt den Kopf zur Tür herein und meint: "Ich bin Steffi, ich bin seit drei Monaten hier Richterin, die jungen Richter gehen um 12.00 Uhr immer zusammen zum Mittagessen in die Kantine, magst Du mitkommen?" Das lasse ich mir nicht zweimal sagen, und so gehe ich - zusammen mit sieben Männern und Frauen, die alle ungefähr in meinem Alter sind - zum Essen. Dabei erfahre ich, dass sie alle zwischen drei Monaten und zwei Jahren als Richter arbeiten und dass sie alle - mal mehr und mal weniger - von denselben Zweifeln geplagt werden, ob sie für den Job überhaupt geeignet sind und dass sie alle das Gefühl haben, dass ihnen die Kenntnisse, die sie jetzt bräuchten, im Studium und im Referendariat nicht vermittelt worden sind. Hier ist auch meine Sehbehinderung das erste Mal wirklich Thema. Die Kollegen wollen wissen, wie ich denn das Studium und das Referendariat bewältigt habe und wie ich die Akten bearbeite. Ich berichte von meinem Dilemma, dass zur Zeit weder die Assistenzkraft noch die erforderlichen technischen Hilfsmittel da sind. Alle sind super-nett und bieten ihre Hilfe an. Ich könne jederzeit kommen, wenn ich Fragen hätte, das sei ganz normal. In den kommenden Monaten - aber das weiß ich da noch nicht - werde ich von diesem Angebot reichlich Gebrauch machen.

 

Nach dem Mittagessen gehe ich wieder in mein Büro und lese die Erbschaftsakte weiter. Da klopft es erneut. In das Dienstzimmer kommt Corinna, eine der jungen Frauen, mit der ich gerade beim Mittagessen war. Sie erklärt, sie sei die unmittelbare Vorgängerin auf meinem Dezernat gewesen und kenne alle Akten. Sie sei gekommen, um mir bei der Post zu helfen. Sie nimmt mir gegenüber an meinem Schreibtisch Platz. Dann erklärt sie mir, wie man so eine Akte bearbeitet, nämlich immer von hinten. Man schaut, was als letztes passiert ist, ob Schriftsätze eingegangen sind, die müsse man dann an die jeweils andere Partei weiterleiten, ob ein Termin angesetzt werden müsse, dann müsse man die Anwälte und Parteien entsprechend mittels einer Verfügung laden etc. Ich denke mir "Na toll!!! Das hätte dir der Ausbilder im Referendariat ja auch mal erklären können!" Corinna ist jedenfalls total nett, liest mir jeweils vor, um welche Akte es sich handelt, sagt mir, was jetzt sinnvollerweise gemacht werden muss, füllt die passenden Formulare aus, und ich unterschreibe diese eigentlich nur. Nach einer guten halben Stunde ist der dicke Aktenstapel von der Seite für den Posteingang auf die Seite für den Postausgang gewandert. Corinna schaut auf der Geschäftsstelle nach, ob da noch Akten sind, und bearbeitet auch diese mit mir zusammen. Nach rund einer Stunde ist alles geschafft, und sie sagt: "So! Genug gearbeitet für heute! Jetzt gehst Du heim! Und morgen Nachmittag komme ich, und wir machen wieder die Post, das machen wir so lange, bis Deine Technik und Deine Arbeitsassistenz da ist!"

 

So viel zu meinem ersten Arbeitstag, der jetzt fast 16 Jahre zurückliegt und den ich wohl nie vergessen werde. Aber wer bin ich, und wie kam es dazu? Mein Name ist Stefan Niemann, ich bin 45 Jahre alt, verheiratet, und ich habe zwei Kinder. Im Alter von neun Jahren wurde bei mir eine sog. Zapfen-Stäbchen-Dystrophie, eine fortschreitende degenerative Netzhauterkrankung, diagnostiziert. Diese führt innerhalb von ganz kurzer Zeit zu einem extremen Verlust der Sehkraft, bei mir auf unter zwei Prozent. Im weiteren Verlauf kommen immer größer werdende Gesichtsfeldausfälle, eine gesteigerte Blendempfindlichkeit etc. hinzu. Deshalb musste ich 1979, mitten in der vierten Klasse, die heimische Grundschule verlassen, und ich wechselte zunächst auf die Blinden- und Sehbehindertenschule in Nürnberg - Langwasser, später dann, im Jahr 1984, auf die Deutsche Blindenstudienanstalt in Marburg. Dort legte ich 1991 als eher durchschnittlicher Schüler das Abitur ab. Anschließend begann ich im Wintersemester 1991/1992 mit dem Studium der Rechtswissenschaften an der Philipps-Universität Marburg. Dabei war das Jurastudium für mich - anders als für etliche meiner Kommilitonen - nicht nur eine Verlegenheitslösung nach dem Motto "Ich weiß nicht so recht, was ich machen soll, deshalb fange ich mal mit Jura an". Aber ich bin familiär auch etwas "vorbelastet", denn einer meiner Onkel war als Rechtsanwalt, ein anderer als Richter am Oberlandesgericht tätig. Was die so bei Familientreffen berichteten, fand ich meistens sehr spannend, und so reifte in mir schon früh der Entschluss, später auch etwas mit Jura zu machen.

 

Meine Sehbehinderung stellte hier kein besonderes Hindernis dar, denn insbesondere im Fachbereich Rechtswissenschaften ist die Universität Marburg auf sehbehinderte und blinde Studierende eingestellt. Die Zusammenarbeit mit den Dozenten war vorbildlich, an die Wand projizierte Folien erhielt ich vorab als Ausdruck. Das einzige "Problem" war das Lesen der Gesetzestexte im Hörsaal selber, denn seinerzeit war die Technik lange nicht so weit wie heute. Die Dozenten lasen deshalb die fraglichen Paragraphen selber vor, oder sie forderten einzelne Kommilitonen auf vorzulesen. Im juristischen Seminar, der Bibliothek des Fachbereiches Rechtswissenschaften, gab es mehrere Räume, die sehbehinderte oder blinde Studierende mit Vorlesekräften nutzen konnten, um sich dort Aufsätze, Urteile etc. vorlesen lassen zu können, ohne dass die übrigen Besucher hierdurch gestört würden, und die Bibliothekare waren stets hilfsbereit, wenn es darum ging, Bücher zu finden. Auch standen mehrere Bildschirmlesegeräte zur Verfügung.

 

Das Jurastudium besteht - vereinfacht gesagt - aus drei sog. Kleinen und drei sog. Großen Scheinen, die jeweils in den Fächern Zivilrecht, Strafrecht und Öffentliches Recht abgelegt werden müssen. Um die nötigen Fachkenntnisse zu erwerben, hört man die verschiedensten Vorlesungen (im Zivilrecht z.B. Allgemeiner Teil, Allgemeines Schuldrecht, Besonderes Schuldrecht, Allgemeines Sachenrecht, Immobiliarsachenrecht, Familienrecht, Erbrecht, Gesellschaftsrecht, Insolvenzrecht etc.). Pro Semester werden zwei Hausarbeiten und drei Klausuren geschrieben, und um einen Schein zu bekommen, muss man eine Hausarbeit und eine Klausur bestehen. Das klingt erst mal einfach, ist es aber nicht immer. Denn die Durchfallquote liegt bei ca. 40 Prozent, und man weiß nie, aus welchem der vielen denkbaren Bereiche die Aufgabenstellung stammen wird, man muss also eigentlich alles wissen. Zu meiner Zeit stellten die drei Kleinen Scheine eine Zwischenprüfung dar, die bis spätestens nach dem sechsten Semester bestanden worden sein musste. Diese Zwischenprüfung wurde dann abgeschafft, zwischenzeitlich aber wieder eingeführt. Man schreibt erst die kleinen Scheine, dann die großen. Wenn man diese Scheine bestanden hat (und - je nach Bundesland - weitere Scheine in Rechtsgeschichte, Rechtssoziologie, Rechtsphilosophie, Wirtschaft etc. abgelegt hat), kann man sich zum Ersten Staatsexamen anmelden. Abhängig davon, in welchem Bundesland man studiert, ist die Prüfung unterschiedlich. Zu meiner Zeit gab es in Hessen ein sog. Hausarbeitenexamen, sprich, das Examen bestand aus einer Hausarbeit, für die man sechs Wochen Zeit hatte, mehreren schriftlichen Klausuren und einer großen (fünfstündigen) mündlichen Prüfung. Zusätzlich war es seinerzeit so, dass die sehbehinderten und blinden Studierenden ihre Klausuren, die sie für die Scheine bestehen mussten, mit nach Hause nehmen und sie am nächsten Tag abgeben durften. Für das Staatsexamen galt dies allerdings nicht, hier mussten die Klausuren unter Aufsicht in der Uni geschrieben werden. Da ich in den Hausarbeiten (anfangs) stets schlecht abgeschnitten habe und mich in dem Wissen, die Klausuren zu Hause schreiben zu dürfen, nicht richtig zum Lernen motivieren konnte, entschloss ich mich dann zu einem Studienortwechsel und wechselte zum Wintersemester 1994/1995 an die Ruprecht-Karls-Universität nach Heidelberg, dies unter anderem auch deshalb, weil Baden-Württemberg ein Examen ohne Hausarbeit hatte und seinerzeit das einzige Bundesland war, in dem im Zweiten Juristischen Staatsexamen keine Kommentare erlaubt waren. Kommentare sind dicke, teilweise mehrere tausend Seiten starke Werke, in denen die Gesetze erklärt werden. Und da es diese - anders als heute - seinerzeit noch nicht in juristischen Datenbanken gab, hätte ich im Examen mit einer Vorlesekraft arbeiten müssen, die allerdings - das war die Vorgabe des Prüfungsamtes - über keine juristischen Vorkenntnisse verfügen durfte. Ohne gewisse Vorkenntnisse ist es allerdings sehr schwer bis unmöglich, in Kommentaren die passenden Stellen innerhalb angemessener Zeit zu finden. Deshalb hatte ich mir überlegt, dass meine Sehbehinderung weniger stark ins Gewicht fallen wird, wenn niemand ein Nachschlagewerk benutzen darf und alle alles auswendig wissen müssen. Die Universität in Heidelberg war auf Sehbehinderte oder Blinde nicht wirklich eingestellt. Im juristischen Seminar stand zwar ein Lesegerät, es bedurfte allerdings - insbesondere am Anfang - ganz erheblichen Eigenengagements, um den Dozenten die Problematik der Sehbehinderung verständlich zu machen und diese dazu zu bekommen, dass sie ihre Vorlesungen so gestalten, dass auch Blinde ihr folgen können. Meine Klausuren zu meinem letzten Großen Schein, dem Großen Öff-Recht-Schein, schrieb ich auf einer mechanischen Schreibmaschine im Dekanat. Das waren die ersten und einzigen Klausuren während meines Studiums, die ich unter echten Prüfungsbedingungen zu schreiben hatte. Allerdings weiß ich von Berichten späterer Studierender, dass heute auch in Marburg sämtliche Klausuren in der Uni geschrieben werden müssen.

 

Im Jahr 1997 trat ich dann zum Ersten Juristischen Staatsexamen an. Zuvor hatte ich - wie die meisten Jurastudenten - ein sog. Repetitorium besucht, das sind zumeist kostenpflichtige Kurse, in denen den Juristen der Stoff noch einmal komprimiert eingepaukt wird. Weil mir aufgrund der Sehbehinderung das Lesen schwerer fällt als anderen Studierenden, besuchte ich gleich drei Repetitorien, hörte also den Stoff mehrfach. Anlässlich der schriftlichen Prüfungen musste ich meinen privaten PC samt Drucker und das Bildschirmlesegerät ins Landgericht nach Heidelberg verbringen. Dort wurde der PC durch einen extra aus dem Justizministerium in Stuttgart angereisten IT-Spezialisten untersucht, um sicherzustellen, dass sich keine unerlaubten Hilfsmittel auf dem Rechner befinden, sämtliche Laufwerke und Anschlüsse, die nicht für den Drucker oder den Monitor benötigt wurden, wurden versiegelt. Damit keine Daten zu Betrugszwecken aufgespielt werden können. Das Erste Examen bestand aus sieben Klausuren, drei im Zivilrecht, zwei im Strafrecht und zwei im Öffentlichen Recht, und einer großen (fünfstündigen) mündlichen Prüfung.

 

Nach bestandenem Erstem Staatsexamen absolvierte ich ab Oktober 1997 das Referendariat. Hierbei handelt es sich um einen zweiten Ausbildungsabschnitt, der die praktische Arbeit umfasst. Man durchläuft verschiedene Stationen (am Zivilgericht, bei der Staatsanwaltschaft, in der Verwaltung, beim Rechtsanwalt). Sodann legt man die schriftlichen Prüfungen ab, das waren seinerzeit 8 Klausuren, davon vier im Zivilrecht, zwei im Strafrecht und zwei im Öffentlichen Recht. An den schriftlichen Teil des Examens schließt sich die sog. Wahlstation, bei der man sich eine Ausbildungsstelle wählen darf, an. Ich entschied mich seinerzeit für die größte Anwaltskanzlei in San Francisco und verbrachte drei Monate in einer der schönsten Städte der Welt, vertiefte mein Englisch und lernte ein völlig anderes Rechtssystem kennen. Die erforderlichen technischen Hilfsmittel, insbesondere ein Bildschirmlesegerät, mietete ich vor Ort bei einer Hilfsmittelfirma an. Außerdem profitierte ich von den Ressourcen der Kanzlei mit mehr als 250 Anwälten und tausenden Angestellten alleine am Standort San Francisco. Wieder zurück in Deutschland blieb dann noch die mündliche Prüfung, die ich am 2. November 1999 ablegte. Sie fand im Justizministerium in Stuttgart statt, und ich musste das Lesegerät von Heidelberg nach Stuttgart verbringen lassen. Damit war meine Ausbildung beendet.

 

Weil sich mein Sehvermögen insbesondere gegen Ende des Studiums und im Referendariat weiter verschlechterte und weil sich die Schwierigkeit, ohne größere technische Hilfsmittel Texte lesen zu können, im Referendariat als Problem herausgestellt hatte, entschloss ich mich sodann für eine sog. Blindentechnische Grundausbildung - wiederum an der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg. Hierbei handelt es sich um einen ca. einjährigen Kurs, der Menschen, die ihr Augenlicht (weitgehend) verloren haben, diejenigen Fähigkeiten beibringen soll, die sie benötigen, um ihr Leben zukünftig möglichst eigenständig leben zu können. Hierzu gehört neben dem sog. Mobilitätstraining (Benutzung des Blindenstockes) und dem Training der sog. Lebenspraktischen Fertigkeiten (Kochen, Wäsche waschen, Bügeln etc.) vor allem das Erlernen der Blindenschrift sowie von Computerkenntnissen. Für mich waren nur die beiden letztgenannten Bereiche bedeutsam, und so wurde in meinem Fall gerade hierauf besonderes Augenmerk gelegt. Und ich steckte - quasi noch im Lernmodus des Staatsexamens - ganz erheblichen Aufwand in das Erlernen der Blindenschrift. Ich arbeitete mehr und härter als die übrigen Rehabilitanden meines Jahrgangs, musste am Ende aber feststellen, dass die Punktschrift nicht das Medium werden wird, mit dem ich (erfolgreich) arbeiten werde. Denn mit der Blindenschrift ist es wie mit dem Lernen eines Instruments, nur durch Üben, Üben und noch mehr Üben wird man besser und vor allem schneller. Es zeichnete sich ab, dass ich die Blindenschrift nur adäquat erlernen würde, wenn ich die im beruflichen Alltag zu lesenden Texte überwiegend in Blindenschrift lesen würde. Allerdings war auch klar, dass ich - würde ich dies tun- schlicht zu langsam sein würde, um der Fülle der zu bearbeitenden Texte Herr zu werden; ein Teufelskreis. Deshalb entschied ich mich dann dazu, nahezu ausschließlich akustisch zu arbeiten. Und so ließ ich mir täglich über die quäkende Stimme der Sprachausgabe des PC die Süddeutsche Zeitung vorlesen. Ich merkte sehr schnell, dass ich die Sprechgeschwindigkeit immer mehr steigern konnte und trotzdem alles mitbekam.

 

Und genauso, nämlich ausschließlich akustisch, arbeite ich jetzt die letzten 16 Jahre als Richter. Ich bearbeite ein sog. allgemeines Zivildezernat. Es geht meistens um Geld, also um Erbstreitigkeiten, die Folgen von Verkehrsunfällen, Vertragsstreitigkeiten, fehlerhaft erbrachte Werkleistungen (z.B. schlecht erstellte Bauwerke), aber auch um Unterlassung ehrverletzender Äußerungen oder um die Vornahme bestimmter Handlungen (z. B. Wiederanstellen der Heizung). Dabei muss der Streitwert mindestens 5.000,01 Euro betragen. Im Strafrecht darf ich nicht tätig sein, da Blinde oder hochgradig sehbehinderte Richter in den Tatsacheninstanzen (Amtsgericht oder Landgericht) nach einer (umstrittenen) Entscheidung des BGH nicht eingesetzt werden dürfen. Der Bundesgerichtshof begründet dies mit einer Vorschrift in der Strafprozessordnung, wonach sich das Gericht sein Urteil "unmittelbar aus dem Inbegriff der Hauptverhandlung" bildet. Weil Blinde oder Sehbehinderte aber beispielsweise nicht selbst sehen können, ob Zeugen schwitzen oder rot werden oder weil sie sich Fotos beschreiben lassen müssten, sei dies dann nicht mehr "unmittelbar" im Sinne des Gesetzes.

 

Anders als im Studium besteht die richterliche Tätigkeit in der Praxis im Wesentlichen darin, den tatsächlichen Sachverhalt erst zu ermitteln. Dazu muss man die Akten lesen, um sodann zu prüfen, an welchen Punkten die Parteien streitig vortragen. Beispielsweise wird der Hergang eines Verkehrsunfalls unterschiedlich geschildert. Dann sind die angebotenen Beweise zu erheben, sprich, es sind Zeugen und Parteien zum Unfallhergang zu hören, ggf. sind Sachverständigengutachten (zu gefahrenen Geschwindigkeiten, Bremsweg etc.) einzuholen, wenn dem Gericht die fachlichen Kenntnisse in bestimmten Bereichen fehlen. Teilweise muss sich - beispielsweise in Nachbarschaftsstreitigkeiten - das Gericht auch selbst vor Ort einen Eindruck verschaffen. Der größte Teil der richterlichen Tätigkeit besteht im Lesen der Akten und in der rechtlichen Prüfung. In meinem Fall halte ich an einem Tag in der Woche meine Gerichtsverhandlungen ab, die übrige Zeit bereite ich die Verhandlungen vor bzw. schreibe die Urteile.

 

Vor dem Landgericht herrscht Anwaltszwang. Deshalb kommen praktisch alle Klagen und sonstigen Schriftsätze von Anwaltskanzleien und lassen sich hervorragend einscannen. Ich bin - trotz der Behinderung - so in der Lage, mir die Schreiben durch den PC vorlesen zu lassen. Meine Arbeitsassistenz scannt die Schreiben ein. Anlagen, wie Fotos oder Texte, die nicht eingescannt werden können, weil die Qualität zu schlecht ist, weil sie handschriftlich verfasst sind etc., liest sie mir auf, ich höre mir das dann an. Fotos und irgendwelche Pläne beschreibt sie mir. So bin ich in der Lage, mir vom gesamten Akteninhalt Kenntnis zu verschaffen. Die Gesetzestexte, juristische Fachaufsätze und vor allem Urteile sind - anders als zu Zeiten meines Studiums oder Referendariates - heute problemlos in juristischen Datenbanken wie Juris oder Beck Online zu finden. Insofern bin ich mit Hilfe der Assistenz und vor allem des sprechenden PC in der Lage, die Akten zu bearbeiten. Die Sitzungsleitung der mündlichen Verhandlungen obliegt ebenfalls dem Richter. Ich nehme hier die Assistenz mit in die Sitzung. Falls dort durch Anwälte Schriftsätze vorgelegt werden bzw. falls einzelne Teile in der Akte gesucht werden müssen, beispielsweise Fotos, die Zeugen vorgelegt werden sollen, steht sie bereit, um zu helfen. Wenn - was in meiner Zeit erst vier Mal vorgekommen ist - Ortstermine durchzuführen sind, dann werde ich mit dem Dienstwagen durch den Fahrer des Landgerichts dort hingefahren. Ich habe auch hier stets die Assistentin mit, die mir das - was ich selbst nicht wahrnehmen kann - beschreibt.

 

Auf echte Hindernisse wegen der Sehbehinderung bin ich bislang nicht gestoßen. Abhängig vom Einzelfall ist der Aufwand, der betrieben werden muss, um mir die Akte zugänglich zu machen, mal kleiner und mal größer. Es geht aber immer irgendwie. Der einzig theoretisch denkbare Fall, bei dem die Sehbehinderung ein Problem bei der ordnungsgemäßen Ausübung der richterlichen Tätigkeit darstellen könnte, ist derjenige, bei dem es um die Beurteilung der Echtheit einer Urkunde bzw. den Vergleich zweier Unterschriften geht. Letzteres gehört zum ureigenen Aufgabenbereich eines Richters, Schriftsachverständige können hier nur eingeschränkt helfen, und aus technischen Gründen (wegen der in meinem Fall erforderlichen Vergrößerung) könnte jeweils nur eine der zu beurteilenden Unterschriften unter das Bildschirmlesegerät gelegt werden. Ein direkter Vergleich zweier Unterschriften könnte hier ggf. schwierig werden, dies unter anderem auch deshalb, weil sich das genaue Aussehen von Unterschriften nur schlecht beschreiben lässt und die Entscheidung, ob die zu vergleichenden Unterschriften "gleich" sind, damit de facto auf die Assistenzkraft verlagert würde. Entsprechendes ist in den 16 Jahren meiner richterlichen Tätigkeit allerdings noch nie vorgekommen. In einem solchen Fall müsste ich die Sache auf die Kammer zurückübertragen. Dann würde der Fall durch drei Richter entschieden, und zwei wären in der Lage die Unterschriften zu vergleichen.

 

Fazit:

Insbesondere (auch) für hochgradig Sehbehinderte oder Blinde ist der Beruf des Richters sehr gut ausübbar. Es ist ein anspruchsvoller Beruf, der insbesondere für Personen geeignet ist, die gerne mit Menschen umgehen (es müssen Parteien, Zeugen und Sachverständige vernommen werden), die die Abwechslung lieben (kein Fall ist wie der andere) und die - das ist wichtig - entscheidungsfreudig sind. Zauderer, also Menschen, die sich mit dem Treffen von Entscheidungen eher schwer tun, weil die getroffene Entscheidung sich ja später als falsch herausstellen könnte, werden im Richteramt eher nicht glücklich werden. Da es keine Präsenzpflicht gibt, man also kommen und gehen kann, wie man will, Hauptsache die Arbeit wird gemacht, gibt es wohl keine zweite Tätigkeit, bei der sich Beruf und Familie so gut miteinander vereinbaren lassen. Die jüngere Vergangenheit zeigt, dass deshalb insbesondere Frauen, die sowohl Familie haben als auch den erlernten Beruf ausüben wollen, das Richteramt anstreben. Auch wenn die Verdienstmöglichkeiten in deutsch-amerikanischen Großkanzleien oder der Industrie teilweise deutlich besser sind, hat mich persönlich stets die Unabhängigkeit des Richteramtes gereizt. Man ist nur dem Gesetz verpflichtet, und es gibt keinen Vorgesetzten, der einem Vorgaben macht, welchen Fall man wann und vor allem wie zu entscheiden hat.

 

 

 

Stefan Niemann am 28.3.17 10:01, kommentieren