Banküberfall

(Ein unsicher wirkender Blinder um die 30 betritt mit seinem weißen Stock eine Bankfiliale. Er macht ein paar Schritte in den Raum hinein, dann bleibt er stehen. Nach einer Weile geht er drei weitere Schritte vorwärts, bleibt wieder stehen, macht dann zwei Schritte rückwärts. Eine Bankangestellte an einem Schalter bemerkt ihn.)

 

Bankangestellte (kackfreundlich, fast wie zu einem kleinen Kind): Junger Mann, kommen Sie zu mir?

 

(Der Blinde dreht sich in die Richtung, aus der die Stimme kam, und geht langsam auf den Schalter zu. Einige Zentimeter rechts von der Durchreiche bleibt er schließlich stehen.)

 

Bankangestellte: Kommen Sie noch ein bisschen nach links?

(Der Blinde korrigiert seine Position.)

Bankangestellte: Was kann ich für Sie tun?

 

Blinder: Guten Tag, ich – würde gern diese Bank überfalln.

 

Bankangestellte (immer noch im gleichen kackfreundlichen Tonfall): Oh, da weiß ich nicht, ob ich Ihnen da helfen darf. – Warten Sie einen Moment, dann schau ich, ob ich den Chef erreichen kann, ja? (Sie greift zum Telefon und tippt eine Durchwahl ein. Dann nach einer Weile ergeben): Guten Tag Herr Kottke, hier spricht Frau Engelbert. Bei mir steht ein Kunde, der möchte gern diese Bank überfalln. (Man hört aus dem Hintergrund eine schreiende Männerstimme, die irgendwas mit "Polizei" artikuliert. Daraufhin Frau Engelbert aufgebracht): Der Herr ist bl... – behin... – (leise): Er kann nichts sehn. (Kurz darauf legt sie auf. Zum Blinden): Der Chef kommt gleich. Einen Moment, ja? (Es öffnet sich eine Bürotür und Herr Kottke, ein Mann um die 60, betritt die Schalterhalle. Er steuert schnurstracks auf den Blinden zu.)

 

Kottke (normal freundlich): Guten Tag, mein Name ist Johannes Kottke, ich bin hier der Filialleiter. (Der Blinde dreht sich ihm zu und die beiden Männer schütteln sich die Hände. Kottke): Sie brauchen Geld, hab ich gehört. An welche Summe hatten Sie denn gedacht?

 

Blinder: Ja, ich weiß ja nicht, wieviel Sie bereit wären, mir zu geben.

 

Kottke (zur Frau hinter dem Schalter): Frau Engelbert, was ham wer in der Kasse? – Ach was, vergessen Sie die Kasse. (wieder zum Blinden gewandt): Wir gehn runter zum Tresor. Da is viel mehr drin. – Darf ich Sie führen? Wie soll ich Sie anfassen?

 

Blinder: Ich hak mich einfach bei Ihnen ein. (Er legt seine Hand um Kottkes Ellenbogen und beide setzen sich langsam in Bewegung.)

 

Kottke: So, jetzt kommt gleich eine Tür, Moment, ich öpfne sie, so, jetzt können wir durchgehn. (Sie gehen durch die Tür, die sich hinter ihnen automatisch schließt). Jetzt kommt eine Treppe, Vorsicht, jjjetzt kommt die erste Stufe. Wunderbar, wie Sie das machen. So, das war die letzte. (Beide gehen auf dem Treppenabsatz bis zur nächsten Treppenhälfte.) So, jetzt kommen wieder Stufen, Achtung, jetzt, wunderbar. – Jetzt sind wir unten und es kommt wieder eine Tür, ich öffne sie, wir können durchgehn, wunderbar. (Die Tür schließt sich hinter ihnen. Beide Männer befinden sich nun in einem langen Gang, den sie langsam durchschreiten. Kottke): Ich finde das ja bewundernswert, wie Sie mit Ihrem weißen Stock Ihre Wege bewältigen. Faszinierend. Ich beobachte Sie oft und immer haben Sie ein Lächeln auf dem Gesicht. Sie hadern nicht mit Ihrem Schicksal. Find ich toll. Unsere Bank unterstützt ja schon seit Jahren den VfB, den Verein für Behinderte hier am Ort. Die kümmern sich da ja hauptsächlich um geistig behinderte Menschen, aber die strahlen auch oft diese Fröhlichkeit aus. – Sooo. (Sie bleiben vor einer Stahltür stehen, die mit einem Zahlenschloss gesichert ist. An diesem macht sich Kottke nun murmelnd zu schaffen): Drei, sieben, neun. (Er öffnet die Tür.) Denn immer man rin in die jute Stube. (Sie gehen durch die Tür, die sich hinter ihnen automatisch schließt. Nun gehen sie durch einen Raum vorbei an diversen Schließfächern bis hin zu einem großen Stahlschrank, der ebenfalls mit einem Zahlenschloss gesichert ist. Kottke): So, wir sind da. (Der Blinde lässt Kottkes Arm los und Kottke macht sich wieder murmelnd am Zahlenschloss zu schaffen): Drei, sieben, neun. (Er öffnet den Schrank.) Sooo, dann wolln wir doch mal schaun, was wir da so für Milliönchen für Sie haben. – Bevorzugen Sie bestimmte Scheine, weil Sie die besser ertasten können?

 

Blinder: Nein, ich komme mit allen Scheinen zurecht.

 

Kottke: Faszinierend. Ich könnte das nicht. – Naja, dann bräuchte ich Ihren Rucksack. Da soll der Zaster doch sicher rein. (Der Blinde setzt seinen Rucksack ab und gibt ihn Kottke, der augenblicklich damit beginnt, ihn inklusive Seitentaschen mit Scheinen vollzustopfen. Nach einer Weile fängt er an, dabei zu singen): Money money money money money money money money, money money, money money money – Money makes the world go round, the world go round, the world go round. Money makes the world go round. It makes the world go round. (zum Blinden): Wissen Sie, aus welchem Musical das ist?

 

Blinder: Cabaret.

 

Kottke: Sehr gut. Ich wusste, dass Sie das wissen. Sie sind ja bestimmt hochmusikalisch und haben viele Schallplatten zu Hause. – So, der Rucksack ist voll. Soll ich Ihnen noch eine andere tasche holen oder einen Koffer, damit Sie noch mehr Geld transportieren können?

 

Blinder: Nein, das ist nicht nötig.

 

Kottke: Aber Ihre Jacke machen wer noch voll. Komm' Se ma her. (Er stopft alle Außentaschen der Jacke mit Scheinen voll. Dann): Haben Sie auch Innentaschen? (Er schaut selber nach und füllt auch die Innentaschen üppig.) So, mehr geht nicht. – Und Sie wollen wirklich nicht, dass ich noch eine Tasche hole?

 

Blinder: Nein.

 

Kottke: Gut, dann geb ich Ihnen jetzt Ihren Rucksack wieder. (Blinder nimmt ihn an und setzt ihn auf. Unterdessen schließt Kottke den Schrank, als er abschließen will, stutzt er aber.

 

Blinder (eine Weile, nachdem er Kottkes Stutzen bemerkt hat): Drei sieben neun.

 

Kottke (murmelnd, während er das Zahlenschloss schließt): Ah ja. Drei, sieben, neun. (zum Blinden): So, Sie fassen mich wieder an? (Der Blinde hakt sich bei Kottke ein und beide bewegen sich in Richtung Tür. Kottke, als sie dort angekommen sind): Ich mache die Tür auf, komm' Se durch, ... (Als beide durch die Tür gegangen sind und diese ins Schloss fällt, stutzt Kottke erneut): Woher wussten Sie eigentlich eben die Kombination für das Zahlenschloss?

 

Blinder: Als Sie aufgeschlossen haben, haben Sie die gemurmelt.

 

Kottke (keineswegs erschrocken, sondern eher belustigt): Ach du Scheiße. Vor euch Blinden kann man aber auch gar nichts geheim halten. Ihr habt einfach ein viel zu gutes Gehör. - Komm' Se, sagen Se se noch mal. (als der Blinde nicht reagiert): Die Kombination, wie war die noch mal? (vor Erwartung fast platzend): Na? Na?

 

Blinder (gelangweilt): Drei sieben neun.

 

Kottke (entzieht sich dem Griff des Blinden, dreht sich zur Tür um und schließt das Zahlenschloss. Dabei murmelt er): Faszinierend. Faszinierend. (sich wieder zum Blinden drehend): So, weiter geht's. (Der Blinde hakt sich wieder ein und beide gehen durch den langen Gang zurück zum Treppenhaus. Kottke): Ich hatte einen Onkel, den Onkel Ewald, und Onkel Ewald war ... – nein, der war jetzt nicht so wie Sie. Sie wurden doch sicher schon so geboren?

 

Blinder: Ja.

 

Kottke: Nun, der Onkel Ewald war kriegsbeschädigt. Der hatte Bombensplitter ins Auge gekriegt. Deshalb war der blind. Aber wenn bei dem einer in den Raum kam und irgendwas sagte, dann wusste Onkel Ewald sofort, wer das ist. Aber nicht nur das: Der hörte auch sofort, in welcher Stimmung du warst. Vor dem konntest du auch nichts geheim halten. Richtig erschreckend war das manchmal. – So, jetzt kommt die Tür zum Treppenhaus. (Beide gehen hindurch und die Tür schließt sich hinter ihnen. Kottke): Jetzt kommt die erste Stufe (Sie steigen die erste Treppenhälfte hinauf.), letzte (sie gehen auf dem Absatz zur nächsten Hälfte.), jetzt geht's wieder los (Sie gehen die zweite Treppenhälfte hinauf.) und jetzt ist Ende. Ich öffne die Türe (Beide gehen hindurch) und da wären wir wieder. Ich bring Sie noch raus? (Er geht mit dem Blinden durch die Schalterhalle zur Ausgangstür. Kottke): Türe. (Beide gehen hindurch. Kotke): Sie kommen jetzt alleine klar?

 

Blinder (seine Hand von Kotkes Arm lösend): Ja.

 

Kottke (sich mit dem Gesicht dem Blinden zuwendend): Dann darf ich mich von Ihnen verabschieden, ich halte Ihnen die Hand hin. (Der Blinde ergreift die Hand und schüttelt sie. Kottke): Haben Sie viel Freude an dem Geld. Aber nicht alles auf einmal ausgeben. (Er lacht schallend. Der Blinde stimmt in das Lachen mit ein, aber lacht nicht so laut. Dann Kottke): Ja, dann machen Sie's gut. Und beehren Sie uns ruhig mal wieder.

 

Blinder: Werd ich machen. (Er geht breit grinsend und sicheren Schrittes davon.)

Simon Kuhlmann am 18.9.17 12:56, kommentieren

Von der geschützten Welt in die freie Wildbahn

Ich möchte hiermit allen die früher in einem Internat, Heim etc. gelebt haben und ein Handikap haben, Mut machen. Mein Weg aus dem geschützten Umfeld "Internat".

 

Ich möchte euch ja auch nicht nur die guten Seiten von einem Leben außerhalb der geschützten Welt zeigen, sondern ich möchte euch eigentlich hiermit Mut machen. Weil wer es nicht probiert, kann auch nicht später sagen, ob es klappen würde.

 

 

Ich war neun Jahre lang im Internat der "Stephen Hawking Schule“ in Neckargmünd, bevor ich trotz meines Handicaps den Sprung in die freie Wildbahn wagte. Vielleicht wissen einige von euch, dass man in einem sehr geschützten und behutsamen Rahmen in so einer Zeit lebt.

 

Ich habe viele Höhen und Tiefen erlebt und das wird mich auch mein ganzes Leben lang weiter begleiten, nur wahrscheinlich in abgeschwächter Form.

 

Im September 2016 habe ich eine Ausbildung zur Sozialassistentin an der SRH Fachschule in Frankfurt begonnen. Bevor ich überhaupt mit der Ausbildung starten konnte, musste ich eine Unterkunft in Frankfurt finden, was schon eine Herausforderung für sich ist. Viele denken jetzt „OK“, die hat ein Handikap, dann ist es doch das leichteste, wenn sie in ein Heim oder eine betreute Wohngemeinschaft geht. Nein, ich habe mir gesagt, wenn schon, dann auch richtig. Also begab ich mich auf die Suche nach einer WG, weil ganz alleine wollte ich dann auch nicht wohnen. Jedoch scheiterte ich schnell daran, weil ich mit meinem Rollstuhl nicht in den dritten Stock eines Altbaus „fliegen“ kann. Also machte ich mich auf die Suche nach einer eigenen Wohnung, um dann eine WG zu gründen. Leider bin ich auch hier auf viele Absagen gestoßen, aber das konnte mich nicht von meinem Vorhaben, auszuziehen von zu Hause, abhalten. Denn nur weil wir ein Handikap haben, heißt das noch lange nicht gleich, dass wir keine Entscheidungen selber treffen dürfen.

 

Anfang der Sommerferien hatte ich dann endlich eine Wohnung.

Nun hieß es Hoffen und Bangen, dass die Schule mir eine Zusage schickt, die hatten sich nämlich auch nicht mehr bei mir gemeldet. Eine Woche vor Ausbildungsbeginn kam endlich der Bescheid. Unter einer Bedingung: ich musste mir meine Schreibhilfe selber organisieren (ohne die es sich für mich nicht gelohnt hätte anzufangen).

Nebenbei suchte ich auch noch Mitbewohner. Kaum hatte ich jemanden, kam auch schon einige Tage später die Absage, meist mit der Begründung "es ist zu teuer ". Die Wohnungsmieten in Frankfurt sind halt sehr hoch, und dazu kommt noch der Aufzug, der den Preis zusätzlich in die Höhe treibt.

 

Ausbildung

 

Ich kam am ersten Tag in die Schule und merkte sofort, hier ist eine große Unsicherheit im Raum, aber das hatte ich mir fast schon gedacht. Ich bin also, wie jeder andere, erstmal mit zu der Einführungsveranstaltung gegangen, in meinem Fall gefahren, und danach wurde uns das Gelände und was drum herum ist, gezeigt. Da haben sich dann auch schon die ersten Hindernisse gezeigt, weil, um aus der Schule zu kommen, muss man zwei Stufen hinunter (nur der hintere Eingang ist ebenerdig). Alle standen unbeholfen um mich herum, bis ich ihnen genau gesagt habe, was wer machen muss.

Später in der Klasse mussten wir uns alle vorstellen. Da ich mir das schon dachte, hab ich mir auch schon Gedanken gemacht, was ich sage. Ich habe mir gesagt, dass ich nur das Wichtigste sage, und wer mehr über mich und mein Handikap erfahren will, muss zu mir kommen und mich selber fragen, und ich entscheide dann, was ich ihnen sage und was nicht.

Ich musste mich nebenher noch um die Wohnung kümmern. In der ersten Woche war zum Glück noch meine Mutter da, die einiges übernommen hat. Nach der Woche war ich dann allerdings auf mich allein gestellt, es machte mir in diesem Moment aber nichts aus. Ich war ungefähr einen Monat allein, bis ich endlich jemanden für die WG gefunden hatte. Außer der Wohn- und Schulsituation musste ich mir noch genau überlegen " was mach ich wann, und wie komm ich wohin".

Ich saß jeden Abend Stunden lang da und überlegte mir, was ich am nächsten Tag machen muss, und wie ich dahin komme.

Zusätzlich musste ich mich aber auch immer darum kümmern, dass meine Schreibhilfe in den richtigen Stunden bei mir war, was gar nicht so einfach war, da wir alleine im ersten Halbjahr jede Woche einen anderen Stundenplan bekamen. So kam es auch oft vor, dass ich allein im Unterricht war. Im Unterricht habe ich mir dann die Mitschriften von den Mitschülern holen können, nur bei den Arbeiten geht das halt nicht. Beim ersten Mal hat die Schule noch mitgemacht, allerdings beim zweiten Mal nicht mehr, also durfte ich die Arbeit alleine schreiben, was für mich eine enorme Belastung bedeutet.

 

Mein Alltag hat sich schrittweise eingependelt, ich weiß genau, wann ich was machen kann und muss.

 

In der Schule hat sich auch einiges getan, der Stundenplan ändert sich nicht mehr ständig, sodass ich nicht mehr ständig bei meiner Schreibhilfe im Büro anrufen muss. Um dann zu hoffen, dass nicht schon alle verplant sind und ich mich allein durch den Schultag schlagen muss.

 

Alltag

 

Leider kommen fast jeden Tag unvorhersehbare Zwischenfälle in meinen Alltag, und es ist selten, dass der Tag nach Plan läuft. So zum Beispiel hat letztens mal beim Einkaufen mein Rollstuhl gestreikt, er wollte einfach nicht mehr, und ich stand hilflos mitten im Laden, weil mich konnte man auch nicht mehr schieben. Nach unzähligen Versuchen hat er sich doch endlich dazu entschieden, schwergängig sich bewegen zu lassen.

 

Ich habe oben mit Absicht nicht das Wort "nie" verwendet, weil dann doch mal so ein Tag kommt, an dem alles so klappt, wie man es sich wünscht. Dann soll man den Tag festhalten und sich darüber freuen.

Auch in der Schule habe ich immer Momente, die mich in meinen Vorhaben bestärken. Zum Beispiel kommt es ab und zu im Pflegeunterricht zu Situationen, die niemand ahnt: wenn wir was besprechen, und ich dann sage, dass es mir damals auch so erging, dann sind alle erstmal erstaunt. Aber das ist nicht schlimm für mich, ich hätte am Anfang ja alles erzählen können.

 

So Momente geben mir immer Kraft, weil einfach niemand damit rechnen konnte, dass ich trotzdem sowas in meinem Leben mache.

 

Ich hatte am Anfang auch meine Zweifel, aber ihr seht ja selbst, es kann alles klappen. Jeder Anfang ist schwer, man muss nur lernen die schönen Dinge im Leben fester zu halten.

 

Glaubt an euch

Ihr schafft das!!!

 

Eure Luise  

Luise Pape am 15.9.17 18:50, kommentieren

Ein ganz normaler Tag

Man hat sich nicht die Mühe gemacht, mir einen Namen zu geben, aber ich habe die wichtigste Aufgabe in dieser Geschichte: Ich muss sie erzählen, denn die Hauptperson, Simon, wird es selbst nicht tun, weil sie die Geschichte nicht für erzählenswert hält. Was, bitte, ist an einem ganz normalen Tag interessant? Und würde Simon sie trotzdem erzählen, würde er Details vergessen, da sie für ihn so alltäglich sind. Das fängt schon morgens beim Aufstehen an: Obwohl es noch stockdunkel ist, macht er kein Licht. Er braucht es nicht. Er ist blind. Dennoch tastet er sich nicht unsicher an der Wand entlang, sondern geht zielstrebig ins Bad, tastet nur, um sich zu vergewissern, kurz mal nach einem Stuhl oder der Türklinke. Die Wohnung kennt er in- und auswendig. Ferner muss er sich nicht auf den Tastsinn allein verlassen, sondern profitiert daneben von seinem trainierten Gehör, mit dem er, wie viele andere Blinde, auch Schallveränderungen verursacht durch höhere Hindernisse wahrnehmen kann, die gar kein Geräusch machen. So ist er z. B. in der Lage, Wände zu hören. Den weißen Stock braucht er in seiner Wohnung nicht. Er wohnt alleine und so gibt es niemanden, der ihm Dinge in den Weg legt oder heimlich die Möbel umstellt. Gut, höchstens seine Putzfrau, aber die ist eher auf das Abbrechen von Wasserhähnen oder das Herausreißen von Telefonkabeln spezialisiert. Apropos Putzfrau: Die hat er nicht etwa, weil Blinde nicht selbst putzen könnten, sondern aus demselben Grund, aus dem auch so mancher Sehende eine Putzfrau beschäftigt: Er ist faul und hat das Geld.

 

Zum Frühstück gibt es zwei abgepackte Schokobrötchen aus dem Supermarkt, einfach weil es schneller geht. Er wäre durchaus in der Lage, sich ein Brot oder Brötchen zu schmieren. Auch trinkt er nicht deshalb Senseo-Kaffee, weil er keine herkömmliche Kaffeemaschine bedienen könnte. Sofern solche Dinge (aber auch das schon erwähnte Putzen oder Kochen, Waschen etc.) einem Blinden nicht z. B. von den Eltern gezeigt werden, gibt es hierfür spezielle LPF-Lehrer, wobei LPF für lebenspraktische Fertigkeiten steht.

 

Nach dem Frühstück geht er noch mal ins Bad, wo er sich die Zähne putzt, duscht und sich rasiert, Letzteres natürlich, ohne dabei in den Spiegel zu schauen. Dann zieht er sich die Klamotten an, die er am Abend zuvor bereitgelegt hat. Dass diese farblich zusammen passen, mag den einen oder anderen verwundern, ist aber keine Hexerei: Damit er an beiden Füßen gleichfarbige Socken trägt, werden in seiner Sockenschublade gleiche Paare mit Klammern zusammengehalten. Außerdem besitzt er ein Farberkennungsgerät. Das hält man einfach an ein Kleidungsstück, drückt auf einen Knopf und schon wird die Farbe angesagt. Simons Exemplar kennt nicht so viele Farben wie teurere Geräte, aber zur groben Unterscheidung reicht es. Er hat als Geburtsblinder ohnehin nie Farben gesehen, sondern lediglich von seiner Mutter gelernt, welche Kombinationen gar nicht gehen, wobei das natürlich subjektiv ist. Manchmal stört es ihn schon, dass er, was Kleidung betrifft, nicht wirklich einen eigenen Geschmack haben kann.

 

Wenige Minuten später steht er in Schuhen und Jacke da und ist bereit, zur Arbeit zu gehen. Er schaltet nur noch schnell sein Handy ein. Es ist noch eins mit richtigen Tasten, auf dem die Software eines Spezialherstellers installiert ist, durch die das Gerät sprechen kann, so dass er in der Lage ist, sich in den Menüs zurechtzufinden und SMS zu lesen. Irgendwann wird er sich auch ein Smartphone mit Touchscreen anschaffen (müssen), wie sie mittlerweile in Mode sind. Diese sind durch sprechende Spezialsoftware ebenfalls von Blinden bedienbar und man kann über Apple sagen, was man will, aber im iPhone ist so eine Software sogar schon standardmäßig enthalten. VoiceOver, so der Name der Software, muss lediglich aktiviert werden.

 

Auch auf seinem Arbeitsweg, der ihm von einem Orientierungs- und Mobilitätslehrer beigebracht worden ist, geht er flott und sicher, allerdings nun mit weißem Stock, den er vor sich her pendelt. Der Stock ist ihm dabei immer einen Schritt voraus: Wenn Simon den rechten Fuß nach vorne setzt, ist der Stock an der linken Seite und umgekehrt. So bekommt er rechtzeitig mit, wenn etwas im Weg steht, wie jetzt gerade die Mülltonne, über die er daher nicht fällt. Er benutzt den Stock aber nicht nur, um vor Hindernissen gewarnt zu werden, sondern verfolgt mit ihm auch so genannte Leitlinien. So stößt er z. B. mit dem Stock ganz bewusst immer wieder gegen eine steinerne Begrünungsbegrenzung, weil diese ihn geradewegs zu einer Straße führt, die er überqueren muss (wobei er diese natürlich auch hört, wenn darauf gerade Autos fahren). – Wie bitte? – Warum er keinen Führhund hat? – Ganz einfach: Weil er keine Lust hat, sich um ein Tier zu kümmern. Außerdem kann die Zusammenarbeit zwischen Hund und Mensch nur funktionieren, wenn letzterer dem Tier hundertprozentig vertraut. Dieses Vertrauen hätte Simon nicht. Trotz aller Intelligenz und spezieller Ausbildung: Der Hund ist und bleibt ein Tier. Einmal hat ihm eine Bekannte erzählt: "Mein Hund muss zur Nachschulung. Der läuft im Dienst immer anderen Hunden hinterher." Das trägt nicht gerade zur Vertrauensförderung bei.

 

In seinem Büro im Rathaus angekommen, wo er nicht etwa als Telefonist (ein vermeitnlich typischer Blindenberuf), sondern als Verwaltungsfachangestellter in der Steuerabteilung arbeitet, setzt Simon sofort einen Kopfhörer auf. Das macht er jedoch nicht, weil er bei der Arbeit Musik hören möchte (um Gottes Willen! Er könnte sich dann gar nicht konzentrieren!), sondern weil auch auf seinem PC, genau wie auf dem Handy, eine Spezialsoftware läuft, die ihm den Bildschirminhalt vorliest. Das kann nicht über Lautsprecher erfolgen, weil er dann die Kollegin, mit der er das Büro teilt, stören würde. Daher der Kopfhörer. Das, was auf dem Bildschirm zu sehen ist, wird aber nicht nur in Sprache umgewandelt, sondern auch auf einem speziellen Gerät, der Braillezeile, in Blindenschrift ausgegeben, das der Tastatur vorgelagert ist. Die Tastatur selbst ist jedoch eine ganz normale. Die meisten Blinden lernen bereits in der Schule, mit zehn Fingern zu schreiben, und das ist nicht bewundernswert, weil auch sehende Schreibkräfte angehalten werden, blind zu tippen.

Da kommt sein Chef und gibt ihm den Brief eines Bürgers. Auch das stellt für Simon kein Problem dar. Er hat einen Scanner auf dem Tisch stehen. Da legt er den Brief rein und kurze Zeit später hat er dank der auf dem Computer installierten OCR-Software den Wortlaut unter seinen Fingern und im Kopfhörer.

 

In der Mittagspause geht er, wie jeden Tag, in das Café des benachbarten Altenheims, wo er einen Stammplatz hat, den er leicht alleine finden kann. Heute gibt es Schweinebraten mit Kohlrabi und Kartoffeln, wobei man ihm das Fleisch geschnitten hat. Das müsste man nicht unbedingt tun, aber so bleibt es ihm erspart, dass er beim Schneiden eventuell etwas vom Teller schiebt. Nicht erspart bleibt ihm hingegen die ältere Dame, die neben ihm sitzt: "Geht es?", fragt sie mehrmals, während er isst, und kommentiert es von Zeit zu Zeit begeistert, wenn er ein Stück Fleisch aufspießt: "Erwischt!" Das nervt, aber er beschwert sich nicht. Sie meint es ja gut. Außerdem ist es schon ein Fortschritt, dass sie ihm nicht bereits wenige Sekunden, nachdem er zu essen angefangen hat, das Besteck entreißt, sondern ihm erst dann zur Hand geht, wenn der Teller so leer ist, dass es für ihn wirklich schwierig ist, etwas auf die Gabel zu bekommen.

 

Endlich Feierabend! Auf dem Heimweg geht er noch bei der Bäckerei vorbei, die im REWE untergebracht ist. Es ist viel los und er weiß nicht genau, ob er sich ordnungsgemäß in der Schlange angestellt hat und vorrückt. Schließlich fragt eine weibliche Stimme: "Wer war jetzt dran?"

"Äh – ich vielleicht?" Ja, er ist dran und so gibt er schnell seine Bestellung auf. Jetzt gilt es, die Stimme der Verkäuferin im Ohr zu behalten, die für ihn zuständig ist. Das ist heute aber mal wieder gar nicht so einfach, denn die Dame, die den Kunden neben ihm bedient, hat eine ganz ähnliche Stimme und so ist er sich nicht sicher, ob er gemeint ist, als gefragt wird: "Darf es sonst noch was sein?" Nein, es darf nichts mehr sein, daher geht es nun ans Bezahlen. Seine Münzen hat er in einer Box sortiert, wo es für jede Münze eine Vertiefung gibt. Das wäre aber nicht unbedingt nötig, denn die Euromünzen sind auf Grund ihrer Größe und der Beschaffenheit des Randes eindeutig voneinander zu unterscheiden. Bei Scheinen tut sich Simon dagegen schwer, weswegen er sie in die zahlreichen Kartenfächer seines Portemonnaies einsortiert: In das erste linke Fach kommen die Fünfer, in das zweite die Zehner, in das dritte die Zwanziger und in das vierte die Fünfziger. Beim Einsortieren hilft ihm ein viereckiger Geldscheinprüfer aus Plastik, in den die Ziffern 5, 10, 20, 50, 100 und 200 in bestimmter Anordnung in Blindenschrift eingestanzt sind. Klemmt man jetzt z. B. eine 20-Euro-Note in den Prüfer ein und klappt sie um, so verdeckt sie durch ihre spezifische Größe die Ziffern 5 und 10, so dass die erste fühlbare Ziffer die 20 ist.

 

Im REWE muss er heute nicht einkaufen. Das macht er in der Regel samstags, wobei er sich immer von einer im Laden angestellten Person helfen lässt. Als Sehender würde er es lieben, durch das Geschäft zu schlendern und sich spontan für Produkte, die er sieht, zu entscheiden. Da er das als Blinder nicht kann und das Personal auch nicht über Gebühr beanspruchen möchte, kommt er gut vorbereitet mit einem am PC getippten und in Normalschrift ausgedruckten Einkaufszettel ins Geschäft, der dann schnell abgearbeitet werden kann, auf dem aber nur Produkte stehen, die er schon kennt und von denen er in der Regel auch weiß, dass sie zum REWE-Sortiment gehören. Dementsprechend wenig abwechslungsreich sind seine wöchentlichen Einkäufe. Übrigens: Als Blinder ohne fremde Hilfe einzukaufen, könnte er sich nicht vorstellen. Zwar gibt es schon spezielle Barcode-Leser und entsprechende Apps, aber selbst wenn er wüsste, wo im Laden was steht und auch nicht öfter umgeräumt würde, wäre es einfach zu mühsam, sich so die gewünschten Produkte zusammenzusuchen.

 

Zu Hause setzt er sich erst mal an den Rechner, um u. a. Mails zu checken und mit seiner Freundin zu skypen, mit der er eine Fernbeziehung führt. Nächstes Wochenende fährt er sie mit dem Zug mal wieder besuchen. Da er den Weg zum Bahnhof nicht kennt, gönnt er sich ein Taxi dorthin. Am Zielbahnhof wird ihn dann ein Bahnmitarbeiter zur U-Bahn bringen. Diese Hilfe wird Simon im Vorfeld über die Mobilitätsservice-Zentrale der Deutschen Bahn anfordern. Wie die U-Bahn-Station heißt, an der seine Freundin ihn erwartet, weiß er natürlich und auch, dass es der dritte Halt ist für den Fall, dass die Durchsagen mal wieder nicht zu verstehen sind.

 

Nach dem Abendessen (es gibt zwei Scheiben frisches Brot vom Bäcker mit Cervelatwurst, dazu eine Tasse Ostfriesentee im Beutel) sieht er fern. – Ja, Sie haben richtig gelesen: Simon sieht fern und nennt das auch so (Blinde benutzen ganz selbstverständlich optische Begriffe, die im allgemeinen Sprachgebrauch verankert sind, und haben auch nichts dagegen, wenn Sehende es in ihrer Gegenwart tun). Er kann zwar das Fernsehbild nicht sehen, aber das Programm besteht ja auch aus Ton und den kann er hören. Außerdem ist der Tatort, den er sich gerade ansieht, ein Hörfilm. Das heißt, es gibt auf einem zweiten Tonkanal, wo sonst z. B. schon mal der Originalton eines ausländischen Films übertragen wird, Audiodeskription, also Bildbeschreibungen, die in den Dialogpausen gesprochen werden.

 

Um kurz nach zehn liegt Simon im Bett und es endet ein ganz normaler Tag im Leben der blinden Hauptperson dieser Geschichte.

Simon Kuhlmann am 12.9.17 12:56, kommentieren

Gastautor Simon Kuhlmann

Hallo,

ich bin Simon Kuhlmann. Am 25. Februar 1978 erblickte ich das Licht der Welt bzw. bekam ich die Möglichkeit dazu, nutzte sie aber nicht. Stattdessen konzentrierte ich mich von Anfang an auf die anderen Sinne, vor allem aufs Hören. Schon früh interessierte ich mich für Sprache und Musik. Daher verwundert es nicht, dass ich heute Schriftsteller und Liedermacher bin. Davon leben kann ich allerdings leider nicht. Mein beruflicher Werdegang sieht so aus:

 

Schulbildung zunächst an der Blindenschule Düren, dann integrativ am Conrad-von-Soest-Gymnasium in Soest. Nach dem Abi Studium der Sonderpädagogik mit Musik auf Lehramt an der Uni Dortmund, Abschluss erstes Staatsexamen. Nach zwei abgebrochenen Referendariaten in Bielefeld und Soest Umschulung zum Verwaltungsfachangestellten am Berufsförderungswerk Düren. In diesem Beruf arbeite ich jetzt schon mehrere Jahre bei der Stadt Königswinter.

 

Mehr über mich erfahrt ihr hier:

http://www.blautor.de/vita-und-werke/simon-kuhlmann/index.htm

Simon Kuhlmann am 10.9.17 17:57, kommentieren

Vorstellung Luise

Hallo!!!

Mein Name ist Luise Pape. Seit meinem siebten Lebensjahr bin ich körperbehindert. Die Ärzte können mir nicht genau sagen, warum und was es ist, aber die Wahrscheinlichkeit ist am höchsten, Das es von einer Impfung kommt. Seit diesem Zeitpunkt musste ich mir alles wieder neu erkämpfen. Vom Liegen, über Sprechen bis hin irgendwann zum Laufen. Inzwischen benutze ich meinen Rollstuhl nur noch für lange Strecken und wenn ich einen schlechten Tag habe. Die Krankheit zeigt sich bei mir, indem ich zwar vieles schon kann, aber für vieles auch noch Unterstützung benötige. Zum Beispiel ist mein Gleichgewichtssinn nicht ganz ausgebildet, meine Feinmotorik ist auch nicht mehr vorhanden und was mich aber am größten einschränkt ist, dass ich am ganzen Körper zittere. Außenstehende merken es nicht direkt, dass ich am ganzen Körper zittere, weil ich es so gut es geht  verstecke, was vielleicht nicht immer gerade die beste Lösung ist. Aber gerade nach großer Anstrengung sieht man es schon noch und mir fallen selbst die kleinsten Sachen schwer, zum Beispiel eine Wasserflasche zu greifen.

 

Aber nun möchte ich euch ja auch was von mir erzählen und nicht nur von meiner Krankheit.

Ich bin schon immer ein sehr fröhliches, aufgewecktes Kind gewesen und bin es auch immer noch. Ich probiere viele Sachen aus, auch wenn ich nicht unbedingt weiß, ob es funktioniert. Meine Eltern haben mich mit elf Jahren ins Internat gebracht, wo ich neun Jahre gelebt habe. Diese Zeit war zwar sehr hart für mich, aber es war auch das Richtige. Seit August 2016 lebe ich in einer WG mit zwei anderen Mitbewohnerinnen, die gesund sind, in Frankfurt. Man muss sagen, dass ich durch meine Behinderung nicht alle Sachen mitmachen kann und übernehmen kann. Aber meine Mitbewohnerinnen wissen Bescheid da drüber und das was ich machen kann das mach ich und das was nicht geht das übernehmen sie dann dafür.

In Frankfurt mache ich seit August 2016  eine Ausbildung zur Sozialassistentin. Auch hier gab es anfangs immer wieder Schwierigkeiten. Vor allem weil die Schule überhaupt nicht da drauf eingestellt ist, Schüler, die einen Rollstuhl benutzen, zu unterrichten. Da ich durch meine eingeschränkte Feinmotorik eine Schreibhilfe während des Unterrichts benötige, musste ich auch das erst mal klären.

 

In meiner Freizeit versuche ich alles Mögliche zu besorgen,  vor allem für die Wohnung. Aber natürlich versuche ich auch meinen  Hobbys nachzugehen. Zu meinen Hobbys zählen: das schwimmen (was ich auch leistungsmäßig betreibe), das Singen, im Winter das Skifahren, das Malen (was ich aber nicht regelmäßig mache), das Fahrradfahren (habe ein Liegerad), das Schreiben und früher bin ich noch geritten, was ich sehr gerne wieder anfangen möchte. Auch im Rollstuhltanzen möchte ich mich mal probieren.

 

Zu meiner Körperbehinderung sind jetzt auch psychische Probleme hinzugekommen. Die Akzeptanz der Behinderung und des Rollstuhls, Dass nicht alles so klappt wie man es sich vorstellt oder vieles länger dauert, macht mir sehr zu schaffen. Aber ich habe auch eine Essstörung entwickelt.

Luise Pape am 10.9.17 12:30, kommentieren